Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 25. August 2019

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Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 25. August 2019

25.08.2019

zu Markus 12, 28 - 34; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
zwei sitzen am Tisch, essen, unterhalten sich. Plötzlich gibt das Smartphone von einem der beiden einen Ton von sich. Sofort greift die Hand nach dem Gerät. Auf dem Display ist eine Nachricht erschienen. Gleichzeitig greift die andere zu ihrem Gerät und überprüft, ob sie ihrerseits Nachrichten bekommen hat. So sind sie eine ganze Weile abwesend, bevor sie sich wieder einander zuwenden können.
Solche Szenen spielen sich seit der Einführung der Smartphones und der neuen Möglichkeiten zu kommunizieren ständig ab. Viele sind stundenlang damit beschäftigt, geschriebene Nachrichten auszutauschen, Bilder von sich in die Welt zu verschicken, Kommentare zu den Fotos anderer zu schreiben. Wenn möglichst viele Nutzer meine Fotos auf Instagram oder Einträge auf Facebook gut finden, dann ist das Leben in Ordnung. Sonst kommt es leicht in eine Schieflage. In einem Sketch sah ich neulich eine Frau mit furchtbaren Entzugserscheinungen an einem handyfreien Wochenende. Verzweifelt fragt sie ihren Freund, wie lange sie schon durchgehalten habe. Er schaut auf die Uhr und sagt: „Eine halbe Stunde“. Das macht deutlich: Viele Menschen sind – Süchtigen darin ähnlich – geradezu Sklaven ihrer Smartphones. Man könnte auch umgekehrt sagen: Viele Smartphones – und durch sie die großen Internetkonzerne – üben eine Herrschaft über ihre Besitzer aus.
So etwas ist nichts Neues. Wir Menschen neigen dazu, unser Leben innerlich und auch äußerlich an fremde Mächte auszuliefern. Manchmal, weil sie uns dazu zwingen und wir keine andere Wahl haben. Denken wir an das furchtbare Schicksal von Zwangsprostituierten. Manchmal liefern wir uns aber auch ganz gern fremden Mächten von selbst aus. Das Smartphone ist ein schönes Beispiel. Dem unterwerfen sich viele ganz freiwillig. Das Elegante an der Herrschaft des Geldes in unserer Welt ist ja, dass sie sehr verführerisch ist. Sie lässt uns gar nicht merken, wie abhängig wir geworden sind.
Gegen dieses Bestreben, sich anderen Mächten auszuliefern oder von ihnen vereinnahmt zu werden, stellt die Bibel das Wort von dem befreienden Anspruch Gottes auf unser Leben: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein und du sollst den Herrn lieben mit allen Fasern deines Lebens. Jesus zitiert aus dem 5. Buch Mose Kapitel 6. An dieser Stelle ist sich Jesus mit dem Schriftgelehrten einig: Neben dem Gebot der Nächstenliebe ist dieses Gebot die Richtschnur für ein richtiges Leben. Beide Gebote zusammen sind das Höchste. Nur wer dieses Gebot befolgt, kann in Freiheit leben. Nur wer sich daran orientiert, ist der Sklaverei fremder Mächte nicht hilflos und unkritisch ausgeliefert.
Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr, allein
. Als 1934 die Autoren der Barmer Theologischen Erklärung das christliche Bekenntnis gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu verteidigen versuchten, haben sie in der zweiten These formuliert:
Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.

Das ist damals gegen den Machtanspruch Hitlers und seiner Gefolgsleute gesagt worden. Das ist aber zu allen Zeiten und in jeder Lage von großer Wichtigkeit. Unser Herr kann nur Gott bzw. Jesus Christus allein sein. Er erhebt Anspruch auf unser ganzes Leben. Ihm allein sollen wir dienen. Das klingt auf den ersten Blick nicht viel besser als die Herrschaft anderer Mächte. Das passt auch nicht so richtig in unsere heutige Zeit. Moderne Menschen möchten autonom entscheiden, was sie tun. Das ist auch ein Grund, warum Traditionen nicht mehr weitergegeben werden. Menschen von heute wollen keine Vorgaben. Sie wollen selbst entscheiden, was sie machen – und fragen stattdessen aber, was denn die anderen machen und liefern sich so der Meinungsmache des Internet und anderer Medien aus. Dass es beispielsweise innerhalb weniger Jahre flächendeckend üblich geworden ist, dass der Vater seine Tochter vor den Traualtar führt, ist auf diese Weise entstanden. Die Bindung an alte Traditionen wurde abgeschafft; stattdessen binden sich nun alle an das, was die amerikanischen Filme ihnen zeigen.
Genau das ist es, was die Bibel über den Menschen sagt: Er hat keine Chance auf Autonomie und Freiheit; es sei denn, er lässt sich seine Freiheit in einer Bindung an Gott schenken. Wenn wir uns an Gott binden und uns sozusagen unter den Schutz und Schirm seiner Herrschaft stellen, dann können wir frei werden. Nur dann. Denn dann wissen wir, worauf es im Leben wirklich ankommt – und das ein kleines piepsendes Kästchen keine Macht über uns ausüben kann und darf. Nur dann können wir frei unseren Weg gehen, ohne uns abhängig von der Meinung anderer zu machen. Dann können wir uns auch totalitären Systemen mit ihrem Machtanspruch auf den ganzen Menschen entgegenstellen. Die Bekennende Kirche unter der Naziherrschaft oder so manche mutige Christen zu DDR-Zeiten haben es – in aller Schwachheit und Gebrochenheit – getan. Der Glaube macht uns frei von den Herrschaftsansprüchen fremder Mächte. Denn der Glaube bindet uns an den einen und einzigen Herrn, an unseren Gott. Er liebt uns. Darum schenkt er uns Freiheit. Als einzige Macht will er unsere Freiheit und uns nicht unterwerfen, wie alle anderen Mächte.
Höre Israel
…, lautet das Gebot. Jesus zitiert es und der Schriftgelehrte stimmt ihm zu. Es ist das höchste Gebot. In ihm sind Jesus und der Schriftgelehrte und ebenso Kirche und Israel, Christen und Juden vereint. Auf dieses Gebot hören wir als Christen und Juden gemeinsam.
Es ist kein Wunder, dass gerade die Juden in der Geschichte und bis heute immer wieder Zielscheibe von Hass und Verfolgung geworden sind und werden – leider nicht zuletzt auch von Christen oder Völkern mit christlichen Wurzeln – wie von uns Deutschen. Das Volk Israel ist in dieser Welt das Volk, das den Herrschaftsanspruch des einen und einzigen Gottes auf diese Welt verkörpert. Mit dem Höre Israel wurden und werden die Juden zu einem Sinnbild für den Anspruch der Liebe Gottes auf die ganze Welt. Alle Mächte, die sich dagegen stellen, stellen sich darum geradezu zwangsläufig gegen das Volk der Juden. Wenn sie das jüdische Volk oder einzelne Juden verfolgen, versuchen sie gegen den Herrschaftsanspruch der Liebe Gottes ihren eigenen Herrschaftsanspruch durchzusetzen.
Es ist insofern kein Wunder, dass die Dikataturen des 20. Jahrhunderts Juden verfolgten. Die Nationalsozialisten taten es systematisch und mit der uns Deutschen eigenen Perfektion und Gründlichkeit; aber auch der Stalinismus war kein guter Ort für Menschen jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens. Es ist auch kein Wunder, dass in der heutigen Zeit Übergriffe auf Juden in Deutschland zunehmen. Islamisten mit ihrer religiös verbrämten Ideologie wollen die Welt beherrschen. Sie und nicht der eine und einzige Gott sollen die Herrschaft haben. So müssen Juden und der Staat Israel Ziele ihrer gewalttätigen Angriffe sein. Nicht anders ist es mit den Rechtsextremisten unserer Zeit – gerade auch hier in Deutschland. Wenn in einer immer beliebter werdenden Partei die Nazizeit als ein „Fliegenschiss“ bezeichnet wird und das Gedenken dieser Verbrechen als „Schuldkult“, dann braucht man sich über zunehmende Gewalt gegen Juden in unserem Land nicht zu wundern. Das ist im Übrigen auch einer der Gründe, warum diese Partei für Christen am kommenden Sonntag nicht wählbar ist. Wie in gleicher Weise auch die anderen ideologisch geprägten Parteien, die sich entweder der Herrschaft des Marktes verschrieben haben oder nach wie vor ihre Wurzeln in einer totalitären Vergangenheit nicht wirklich kappen konnten oder wollten.
Dem Herrschaftsanspruch der Medien, der Konzerne und der menschenverachtenden Ideologien stellen wir das Höre Israel entgegen. Gott allein wollen wir unser Leben anvertrauen und auf unsere Mitmenschen achten. Er allein soll unser Herr sein und unser Leben prägen und leiten. Denn seine Herrschaft allein ist eine Herrschaft der Liebe und der Freiheit. Durch seine Herrschaft allein ist ein Leben in Würde für alle Menschen möglich.
Dieser Glaube vereint Christen und Juden – bei allen Unterschieden, die uns trennen. Um dieses Gebotes willen widerstehen wir nicht nur dem Herrschaftsanspruch fremder Mächte. Um dieses Gebotes willen und vereint im Hören auf dieses Gebot stehen wir an der Seite des jüdischen Volkes.
Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft
.
Amen.

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