Andacht zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 13. November 2022

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Andacht zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 13. November 2022

12.11.2022

von Prädikantin Katrin Hutzschenreuter

Liebe Gemeinde,
ich kenne einige Menschen, die haben Angst vor dem November. Kurze Tage und lange Nächte drücken aufs Gemüt. Viel Regen und Nebel und wenig Sonnenschein. Wir sehen kahle Bäume und abgeerntete Felder. Im November sind die ernsten Themen dran: Allerheiligen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Gedenken an die Verstorbenen. Und nun auch noch ein Abschnitt aus dem Buch Hiob...
Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du, Gott, tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl der Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.
Hiob. Sein Name ist sprichwörtlich geworden in den Hiobsbotschaften, wenn es gilt, schlechte Nachrichten zu übermitteln. Hiob lebte glücklich und fromm, er war reich, er glaubte an Gott. Und dann? Dann trifft ihn eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Sein Besitz wird geraubt oder verbrannt. Seine Kinder verunglücken tödlich. Die Beziehung zu seiner Frau ist gestört. Er selbst leidet unter den Schmerzen einer Krankheit.
Der Mensch wird ungefragt geboren, seine Tage sind gezählt. Das Leben ist mühselig, angefüllt mit Sorge und Hektik.
Hiob redet mit Gott. Er verlangt von ihm eine Antwort Er versteht die Welt nicht mehr, und er verseht seinen Gott nicht mehr. Denn der ist es doch, der dem Menschen dieses Leben zumutet. Und noch dazu verzweifelt Hiob unter dem strengen Blick Gottes. So richtete er an ihn die Bitte: Lass mich in Frieden. Schau weg. Ich will wenigstens die paar Jahre hier auf Erden meine Ruhe haben. Sterben muss ich ja sowieso...
Vielleicht atmen Sie jetzt erst einmal tief durch. Ja, der Text steht wirklich so in der Bibel. Wird nicht Sonntag für Sonntag etwas anderes von den Kanzeln gepredigt? Hat Gott denn zwei Gesichter, ein helles und ein dunkles?
Hiob ist verzweifelt, das ist Fakt. Und diese Verzweiflung muss irgendwo hin, sonst würde er daran ersticken. Also schreit er sie heraus, unzensiert, unsortiert. Es ist mindestens genau so chaotisch wie das Chaos, das ihn umgibt. Was mir auffällt – Hiob redet mit Gott. Obwohl er verzweifelt ist und ihn nicht mehr versteht, liegt vor ihm auf den Knien, liegt ihm im Ohr. Ehrlich, klug und unangepasst.
Und dann, mittendrin, ganz zart, beinahe könnte man sie überhören, sind da zarte Hoffnungen, die in Hiobs Gebet aufkeimen. Dass sich Gottes Zorn legt und dass Gott an ihn denken wird. Dass Gott ihn rufen wird, und dass er, Hiob, ihm antworten wird. Dass es Gott verlangen würde nach dem Werk seiner Hände, nach seinem Geschöpf Hiob. Gott würde also nach ihm Sehnsucht haben, würde auf seinen Weg acht geben. Er würde Hiobs Schritte zählen und seine Schuld übertünchen. Was wiegen schon die menschlichen Fehler eines Hiob, seine Schwächen und Irrtümer, dass Gott sie nicht unsichtbar machen kann?
In solchen Momenten kommen Fragen auf. Fragen nach dem Sinn des Lebens und Fragen nach dem Gott, der solches Leiden zulässt. Fragen, die offen bleiben.
Vom biblischen Hiob wird erzählt, dass Gott sein Geschick wendet. Dass Hiob getröstet und beschenkt wird von seinen Brüdern und Schwestern und seinen Bekannten. Gott segnet ihn mit neuem Familienglück, mit neuem Wohlstand und mit einem langen Leben.
Ein Happy End, das im Leben um uns herum oft ausbleibt. Und natürlich ist uns allen klar, dass Beten kein Unglück wegzaubern kann. Beten ist alles andere als rational. Mit Logik hat das nichts zu tun. Es ist Leichtsinn, pures Risiko, kindliches Vertrauen. Aber aus einem Gebet kann neue, vage Hoffnung wachsen.
Durch seine Klage und durch Gottes Antwort findet Hiob zu dem Vertrauen zurück, das er in seiner Verzweiflung verloren hatte. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“. Auch dieses Bekenntnis finden wir im Hiobbuch.
Und doch müssen wir diese Worte aushalten. Alles ist vergänglich, das ist die Erkenntnis unseres Textes. Unser Leben und auch unser Glaube ist begrenzt. Wir können nicht darauf bauen, dass wir in jeder Lebenslage voller Gottvertrauen sind. Es kann auch Zeiten geben, wo wir Gott nur wegschicken wollen, so wie es Hiob getan hat. Interessant ist die Reaktion Gottes auf die Worte. Er nimmt sie nicht übel, sie sind einfach ehrlich. Gott erträgt die bitteren Worte und er erträgt auch die Verzweiflung. Ich finde, wir können von Hiob etwas Wichtiges lernen. Wir sollten uns eingestehen, dass wir Grenzen haben. Unser Leben in seiner Vergänglichkeit ist durch den Tod begrenzt. Aber auch unsere Kraft und unsere Liebe und unser Verstehen sind nicht grenzenlos. Gott wendet sich nicht ab. Seine Augen sehen die Unruhe und das Leiden an dieser Vergänglichkeit. Er hat verstanden, was ihm Hiob sagen will.Deshalb setzt Gott nicht nur Grenzen, sondern auch ein Ziel. In all der Unruhe dieses Lebens sollen wir Ruhe finden. Dazu überschreitet Gott Grenzen und wird Mensch. Der Schöpfer lässt sich ein auf die Bedingungen der Schöpfung, er nimmt die Vergänglichkeit unseres Lebens auf sich.
Der leidende Gerechte, der alle unsere Fehler und Irrtümer mit ans Kreuz genommen hat, ist mitten hinein gegangen in das Risiko. Er kam mitten in das Chaos menschlicher Unmenschlichkeit.
Er ist allein der Un – Logik der Liebe gefolgt. Sein Weg mit uns geht mitten hindurch durch unsere Verzweiflungen und Ängste. Zuletzt durch den Tod hindurch ins Leben.
Ich weiß: Mit Logik hat das nichts zu tun. Es ist Leichtsinn, pures Risiko, kindliches Vertrauen.
Die Klage des Hiob ist nicht das letzte Wort. Auf ihn, den Auferstandenen, will ich weiter hoffen.
Für Sie und für mich und für alle Hiobs dieser Welt.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Es segne und es behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist
Amen.

Herzliche Grüße
Katrin Hutzschenreuter

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