Andacht zum Sonntag Quasimodogeniti, 24. April 2022

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Andacht zum Sonntag Quasimodogeniti, 24. April 2022

25.04.2022

von Prädikantin Katrin Hutzschenreuter

Liebe Schwestern und Brüder!
Die Bibel erzählt die Geschichte eines Zweiflers. Er heißt Thomas, und seiner Geschichte ist es zu verdanken, dass es die Redewendung vom ungläubigen Thomas gibt. Die Übersetzung seines Namens lautet „Zwilling“. Ob der biblische Thomas wirklich einen Zwillingsbruder hatte, weiß ich nicht. Ich denke eher, der Beiname meint die zwei Seelen, die in Thomas wohnen. Er hat seine Geschichte mit Jesus. Er ist mit ihm durchs Land gezogen. Er hat gehört, wie Jesus gepredigt hat. Er war Zeuge, als Jesus Menschen geheilt hat.
Thomas hat sich mit Jesus auseinandergesetzt. Und er hat gefragt, wenn ihm etwas unklar war. Thomas Name erscheint in allen Listen, in denen die Freunde von Jesus aufgezählt wurden, die mit ihm unterwegs waren. Ich glaube, er war ziemlich dicht dran am Geschehen.
Bei einem wichtigen Ereignis allerdings war er nicht dabei – bei der Auferstehung. Niemand war dabei. Als ein paar Freundinnen von Jesus den Leichnam salben wollten, wie es üblich war, fanden sie ein leeres Grab. Eine Stimme sagte ihnen, dass Jesus auferstanden sei. Die Frauen bekommen den Auftrag, diese gute Nachricht weiterzusagen. Das tun sie, und nach einer Weile zeigt sich Jesus seinen Freunden. Thomas ist nicht dabei. Nun kommt er dazu und findet die anderen in heller Aufregung. Von allen Seiten reden sie auf ihn ein – wir haben den Herrn gesehen! Aber Thomas wehrt ab. Vielleicht habt er sich sogar an die Stirn getippt, ich könnte es verstehen. Er kann das nicht glauben. Thomas lässt sich seine Zweifel nicht ausreden. Ihm ist wichtig, dass das, was er glaubt, übereinstimmt mit dem, was er erfährt. Thomas fragt nach. Er erklärt, dass er das erst glauben wird, wenn er seinen Finger in die Wunden des auferstandenen Christus gelegt hat.
Das ist ja einer! Dem genügt es noch nicht einmal zu sehen. Der will auch noch seine Hände in die Wundmale legen. Auferstehung zum Anfassen, sozusagen. Armer, zweifelnder Thomas! Aber hätten wir denn so anders reagiert an seiner Stelle? Ist es denn nicht sogar gut, Dinge zu hinterfragen? Ich mag diesen Jünger, der irgendwie immer zu spät kommt, wenn etwas Entscheidendes passiert, und dann alles in Frage stellt. Ich finde ihn sympathisch und mutig. Es braucht nämlich einiges an Mut, wenn man zwischen so vielen Begeisterten offen zu seiner Skepsis steht. Thomas ist irgendwie draußen, wirkt wie aus der Gemeinschaft gefallen.
Thomas, der trug als zweiten Namen den Zusatz „Zwilling“. Und vielleicht ist er ja der Zwilling eines jeden von uns, wenn der Zweifel an unseren Herzen und Seelen nagt.
Gemeinsam bitten wir: Die Erzählung wird unterbrochen, eine ganze Woche vergeht. Und wieder sind die Jünger zusammen, wieder sind die Türen verschlossen, aber diesmal ist Thomas dabei.
Auf einmal steht Jesus erneut in ihrer Mitte. Und wieder sagt er : Friede sei mit euch! Danach spricht er Thomas an und sagt: hier sind meine Hände, hier ist meine zerstochene Seite – nimm deine Hände und berühre die Wunden.
Es gibt ein Gemälde des Künstlers Michelangelo Merisi da Caravaggio, das die Begegnung des Thomas mit dem Auferstandenen zeigt. Man sieht drei verwegene Fischer, abgehärmt, wettergegerbt mit zerfurchten Gesichtern. Sie stehen um Jesus. Der entblößt seinen Oberkörper. Einer der drei, ein bärtiger Jüngling mit Halbglatze, bohrt seinen langen Zeigefinger mit dem schmutzigen Nagel in die Wunde des auferstandenen Christus. Dabei wirkt er überhaupt nicht entrückt oder erleuchtet. Er schaut einfach nur nach. Hoch aufmerksam bohrt er in der Wunde, wie ein Arzt. Dieser zu spät gekommene Apostel legt den Finger in die Wunde. Im Deutschen ist diese Geste zur Redewendung geworden. Einer, der den Finger in die Wunde legt, der fragt kritisch nach, der meldet Zweifel an einer Darstellung an, der hinterfragt scheinbare Gewissheiten.
Die Geschichte von Thomas ist eine von dem, der draußen stand und dann wieder dabei war. Die Geschichte von einem, der den Mut hatte, nachzufragen.
Es ist, als würde die Geschichte auf uns hinweisen, die wir auch nicht dabei waren, damals, als Jesus am Ostersonntag mitten unter den verängstigten Jüngern stand. Es ist, als würde sie hinweisen auf uns, denen das und noch viel mehr vom Hörensagen überliefert wurde. Auch wir waren nicht dabei. Der zeitliche Abstand zu Jesu Taten und Reden ist noch größer. Thomas, der Zweifler, wird zu einer wichtigen Glaubensfigur. Er ist mein Zwilling und der Zwilling all der Menschen, die sich einen eigenen Eindruck verschaffen wollen.
Glauben heißt nicht wissen, sagt der Volksmund. Wir können nicht beweisen, dass Jesus seinen Freunden als Auferstandener begegnet ist. Wir Nachgeborenen müssen uns auf die Erzählungen anderer berufen.
Für mich ist diese Geschichte der Beweis, dass ein Glaube ohne Zweifel nicht zu haben ist.
Jesus hat uns viele Geschichten hinterlassen, die er erzählte oder die von ihm erzählen. Was er uns nicht hinterlassen hat, ist ein geschlossenes Gebäude, in dem ich es mir mit Herz und Geist gemütlich mache.
Jesus verkörpert einen Weg, er verkörpert Begegnung und den Streit um die Wahrheit.
Damit ist für mich der Zweifel der Zwilling des Glaubens. Und ich danke dem ungläubigen Thomas, dass er uns seine Geschichte erzählt.

Lasst uns beten: Gott, du bist im Dunkeln, du kennst die Nacht und den Tod. Schenke uns das Gefühl – du bist da. Jetzt, genau jetzt. Du lässt dich berühren.Halte unsere Seelen. Hilf uns glauben, hoffen, lieben.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib unds heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.
In Ewigkeit. AMEN

Es segne und es behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. AMEN.

Herzlich grüßt Sie Katrin Hutzschenreuter

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