Andacht zum 6. Sonntag in der Passionszeit, Palmarum

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Andacht zum 6. Sonntag in der Passionszeit, Palmarum

05.04.2020

gehalten von Prädikantin Katrin Hutzschenreuter

Liebe Gemeinde,
Jerusalem. Eine laute und hektische Stadt. Weltstadt. Hauptstadt. Die Stadt ist voller Menschen, das Passafest steht bevor. Hier sieht man einen Rabbiner würdevoll schreiten. Dort stehen Polizeiposten, die für Ruhe und Ordnung sorgen. Hausfrauen feilschen mit den Händlern um die Preise. Über allem der riesige Tempelberg.
Was ist das für ein Gewimmel. So viele Leute sind auf den Straßen unterwegs. Sind das Touristen? Sind es Demonstranten? Aber nein, sie haben keine Rucksäcke und auch keine Fotoapparate, und auch Transparente oder Plakate sucht man vergebens. Stattdessen beginnen die Menschen, Zweige von den Bäumen abzubrechen. Und sie winken mit Tüchern und Umhängen. Es werden mehr, immer mehr. Sie stehen an der Hauptstraße und scheinen auf etwas zu warten. Alles ist in Bewegung. Die Menschen in Jerusalem sind auf den Beinen, wollen dem friedfertigen Propheten begegnen, der da auf einem Esel geritten kommt. Sie bereiten ihm einen triumphalen Empfang, ihm, der Blinde sehen machen kann, der Brot vermehrt und Wasser in Wein verwandeln kann. Die Luft ist von den vielen Stimmen erfüllt. Noch ist nicht genau herauszuhören, was sie erwarten. Die Gesichter sind voller Sehnsucht, Neugier und Hoffnung. Aber dahinter ist auch tiefe Müdigkeit und Erschöpfung zu ahnen. Es reicht, es ist genug, sagen diese Gesichter.
Wer es schafft, dass Blinde sehen und Lahme gehen können, der muss was Großes sein. Wer Brot und Nahrung für tausende Menschen schaffen kann, wer gar Tote auferwecken kann – der soll König sein. Wozu wäre der in der Lage, wenn er erst herrschen und auf dem Thron sitzen würde! Und so werfen sie ihre Kleider auf die Straße und winken mit den Palmzweigen.Ja, er kommt. Und sie erinnern sich, was sie bei den alten Propheten gelesen haben. Was da steht, das passt genau auf ihn. Kennt ihr das Lied? Habt ihr es gehört? Siehe, Gott der Herr hilft mir: wer will mich verdammen? Und dann fangen sie an zu rufen: Hosianna! Erst zögerlich, dann immer lauter: Hosianna! Und sie winken mit Tüchern und Zweigen: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Der König von Israel! Und aus ihren Tüchern und Kleidern entsteht ein Teppich. Nein, kein roter. Ein bunter Teppich. Und dann ist er endlich zu sehen. Ein Mann, relativ jung, so Anfang 30. Er reitet auf einem Esel. Das ist ein seltsames und eindrückliches Bild. Jesus kommt. Er zieht ein in die Stadt. Ganz nah kommt er. Und sie feiern und bejubeln ihn als König. Hosianna in der Höhe! Welch wunderbarer Freudentag!
Und doch – schon bald, schon sehr bald wird die Stimmung kippen. Jesus enttäuscht die Erwartungen. Nein, er wird nicht der neue König der Stadt. Und nein, er übernimmt nicht die Macht. Er beendet nicht mit einem Mal Schmerz, Krankheit und Kummer. Er kommt nicht als der große Welt- und Alltagsveränderer, wie viele ihn sich erwartet und erhofft hatten. Und wie ich es auch manchmal gern hätte.
Er kommt anders. Ohne Macht, ohne Gewalt, auf einem Esel, einem Lasttier. Und er stellt sich zu den Müden und redet mit ihnen zur rechten Zeit. Er trauert mit, er hört zu. Er spricht Kraft zu, leise und doch ganz klar. Er tröstet und stellt sich Menschen zur Seite, er hofft und betet mit ihnen im festen Vertrauen auf Gott. Von ihm erzählt er und für das, was Gott will, steht er ein. Gehorsam ist er und weicht nicht zurück. Auch dann nicht, als man gegen ihn vorgeht, mit Gewalt. Gefangen nehmen lässt er sich für seinen Gott, der ihm nahe ist, wie ein Vater.
Müdigkeit, Schmerzen und Sorgen, auch die Angst vor dem Tod – das alles gehört zu unserem, zu meinem Leben. All das ist auch Gott nicht fremd. Er hat es ja selbst ertragen und erlitten – für mich, für dich, für uns. Damit wir aushalten können und dennoch Hoffnung haben. Dass wir aufhorchen und hören, wie die Jünger hören. Dass wir vertrauen können und daraus Kraft gewinnen. Dass wir wissen, mit den Müden zur rechten Zeit zu reden.
Mit dem heutigen Sonntag beginnt die Karwoche, die stille Woche. Sie gibt Leiden, Passion und dem Kreuz Raum. Sie ermutigt uns, Leiden und Tod nicht auszusparen aus unserem Leben. Sie schafft Raum für einen Umgang mit den schmerzhaften Seiten des Lebens, die wir nicht allein bewältigen müssen, sondern getragen von der Gemeinschaft mit Christus und der Gemeinschaft der Glaubenden.
AMEN.

Gebet:

Jesus, wir wollten dir entgegengehen, wir wollten mit dir laufen und hineinziehen in deine Stadt. Aber wir können nur mit unseren Herzen zu dir kommen, und sind doch verbunden im Gebet mit den Menschen unserer Gemeinde, unserer Stadt, der Welt.
So beten wir für die Kranken, für die, denen keine Medizin mehr helfen kann, für die, die einsam sterben, für die, die unter der Last dieser Tage zusammenbrechen. Komm zu ihnen mit deiner Liebe und heile sie.
So beten wir für die Menschen, die in Krankenhäuser und Pflegeheimen arbeiten, in Feuerwachen und Apotheken, in Kitas und Supermärkten, in Laboren und in Ställen, in Ämtern und Gemeinden. Komm zu ihnen mit deiner Freundlichkeit und behüte sie.
So beten wir für die Menschen, die in der Sorge dieser Tage in Vergessenheit geraten, die Flüchtlinge, die Opfer von häuslicher Gewalt, die Verwirrten und Missbrauchten, die Hungernden, die Einsamen. Komm zu ihnen und rette sie.
Wir halten dir unsere Herzen hin und danken dir für den Glauben. Wir danken dir, weil wir zu dir und zueinander gehören. Wir danken dir für die Zeichen der Liebe und Verbundenheit, für die freundlichen Worte, für die Musik. Wir danken dir für dein Wort und deine weltweite Kirche. Und wir erleben es: Du gehst mit uns durch diese Zeit. Heute, in diesen Tagen der Passion, und jeden neuen Tag.
Amen.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.    

Hinweise:

Die Glocken unserer Kirchen läuten am Sonntag wie gewohnt und rufen so zum Gebet, wo auch immer wir sein werden.
Im Radio, im Fernsehen (ZDF: 09:30 Uhr; MDR Kultur – MDR Kultur-Radio – 10:00 Uhr) und im Internet finden Sie – so Sie mögen – etliche Gottesdienstangebote. Auch in dieser Woche wird die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsen einen Livegottesdienst im Internet übertragen. Sie können diesen am Sonntag über https://www.evlks.de/aktuelles/gottesdienst-im-live-stream/ verfolgen. Am Gründonnerstag lädt Landesbischof Tobias Bilz  um 17:00 Uhr zu einem Livestream-Gottesdienst ein, in dem er – gemeinsam mit den Menschen zu Hause – ein Agape-Mahl feiern möchte.

Diese Andacht ist unter folgendem Link aufzurufen: https://youtu.be/EKfexLj_akw 

Auf dem youtube-Kanal der Gemeinde stellen wir jede Woche eine neue Andacht ein, die Sie unter https://www.youtube.com/channel/UCJhc6o1XOMRrnUSdYQ32t9A abrufen können.

Spendenmöglichkeit:

Kollekte am Palmsonntag für die eigene Kirchgemeinde am Dom:
IBAN: DE86 3506 0190 1617 2090 35; BIC: GENODED1DKD; Verw.-Zw.: RT 1301 Kollekte 05.04.

Kollekte Karfreitag für „Sächsische Diakonissenhäuser“:
Wir bitten um Ihr Dankopfer für die Diakonissenhäuser in der sächsischen Landeskirche. Am Karfreitag betrachten wir Gottes Dienst an uns Menschen; das bewegt zum Dienst an den Mitmenschen: aus Dank, aus Anteilnahme, aus dem Wunsch heraus, dass erfahrbare Fürsorge durch Menschen den Weg ebnet zum Glauben an Gottes Fürsorge. Arbeitsgebiet der Diakonissenhäuser sind v. a. Einrichtungen für alte und behinderte Menschen, Krankenhäuser, Hospiz und die Fort- und Weiterbildung. Mit der Kollekte unterstützen wir, dass die soziale Arbeit der Kirche im Geist der Diakonie geprägt wird. Die Diakonissenhäuser danken herzlich für Ihr Opfer.
IBAN DE06 3506 0190 1600 8000 15; BIC: GENODED1DKD; Verw.-Zweck: Kollekte 03.04.

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