Andacht zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2023

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Andacht zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2023

21.01.2023

von Pfarrerin Leen Fritz

Liebe Leser und Leserinnen!
Stell dir mal vor, du öffnest morgens den Briefkasten. Und es fällt dir alles  entgegen, was so da drinnen ist: Ein Prospekt vom Baumarkt in der Nähe, zwei Rechnungen, ein Zettel der Nachbarin, dass es die nächsten Tage schneien soll und sie dich bittet den Schnee für sie zu räumen. Doch dann findest du einen Brief. Es ist keine Rechnung, das sieht man sofort. Es ist ein von Hand beschriebener, vergilbter Umschlag. Du legst alles auf den Küchentisch, setzt dich und fängst an
zu lesen:
„Ich wollte dich schon lange besuchen. Aber es gab immer etwas, das vermeintlich wichtiger war. Jetzt habe ich beschlossen: Ich muss mir die Zeit einfach nehmen. Wir haben uns zu lange nicht gesehen. Ich weiß gar nicht, wie es dir geht und was dich bewegt. Und ich wollte dir erzählen, was mich so umtreibt. Für mich ist mein Glaube ein großes Thema geworden. Wahrscheinlich guckst du jetzt ein bisschen verwundert. Aber ich schäme mich nicht für diese Gute Nachricht. Sie ist für mich eine Kraft Gottes.“

Wie wäre es so einen Brief zu bekommen, von jemanden, der mit dem Glauben gar nichts am Hut hatte? Wahrscheinlich wärst du ganz schön verwundert und wahrscheinlich auch irritiert. Menschen sprechen heute selten über ihren Glauben, für viele ist das privat und zu persönlich. Darüber reden sie eigentlich nicht mit anderen, um sich nicht verletzlich zu zeigen. Um keine Angriffspunkte zu bieten. Um nicht korrigiert oder ausgelacht zu werden. Andere sind am Zweifeln, die reden nicht gerne darüber, weil es ihnen weh tut, dass etwas in ihnen einen Riss bekommen hat. Andere gehen offen mit ihren Zweifeln um. Sie stellen Fragen, sie stellen infrage. Und das ist gut, auch wenn ihnen niemand eine einfache Antwort geben kann. Und es gibt auch Menschen, die haben ihren Glauben verloren. Oder sie hatten nie einen. Manche von denen sind neugierig. „Was glaubst du eigentlich?“, fragen sie und wollen von mir wissen, wie das ist mit meinem Gott, ob ich glaube, dass alle Religionen an den gleichen Gott glauben. Einige sind auch vorsichtig und ablehnend. Sie wollen auf keinen Fall bekehrt oder missioniert werden. Das kann ich verstehen. Ich erzähle gerne von meinem Glauben vom Vertrauen und der Hoffnung, die ich habe. Mit meinen Konfis beschäftigen wir uns die nächsten zwei Wochen mit dem Thema Glaube. Eine aus der Gruppe meinte letztens: „Was glauben Sie eigentlich so? Alle reden immer darüber, über Glauben und ich verstehe das nicht, müsste ich den Glauben nicht irgendwie fühlen. Ich fühle da gar nichts. Was fühlen Sie?“

Was fühlen Sie? Eine wichtige Frage.

„Ich bin bereit, auch bei euch […] die Gute Nachricht zu verkünden. Denn ich schäme mich nicht für die Gute Nachricht. Sie ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ ‐ schreibt Paulus. (Römer 1, 13 ff.)

In manchen Situationen fällt es mir schwer vom Glauben zu sprechen und manche sind ganz leicht. Mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, fällt mir persönlich leichter, weil ich das Gefühl habe mit Suchenden gemeinsam auf dem Weg zu sein.
Denn ja, ich zweifle auch und will andere nicht belehren oder von ihnen beschämt werden, weil ich vielleicht in ihren Augen nicht richtig glaube. Und darum bewundere ich Paulus. Ich bewundere seine Energie, seine Überzeugung, seine Begeisterung. Doch ich frage mich: Wie macht er das? Wie schafft Paulus es, von Jerusalem bis Korinth, von Ephesus bis Athen zu reisen und dort seine Botschaft zu verbreiten? Denn er erlebt oft schroffe Ablehnung: „Was will dieser Schwätzer sagen?“ fragen die Gelehrten in Athen. Einige lachen ihn aus. Andere werfen ihm vor, durch seine Predigten die Bevölkerung aufzuhetzen. „Ich schäme mich nicht für die Gute Nachricht“ schreibt Paulus. Ich schäme mich nicht für das Evangelium, übersetzt Luther. Denn diese gute Nachricht, dieses Evangelium ist für Paulus eine Kraft Gottes. In allem schweren, in den Anfechtungen, dem Spott, den Vorwürfen fühlt er sich von dieser Kraft getragen. Was er tut, was er sagt, was er predigt, kommt nicht von ihm selbst. Sondern es wächst aus der Kraft Gottes.
Stell dir mal vor wie das wäre, wenn wir alle ein bisschen wie Paulus wären. Wenn wir hin und wieder einmal über das sprechen würden, was wir glauben und was uns Kraft gibt. Nicht, weil wir müssen. Nicht immerzu. Sondern nur, wenn wir die Kraft dazu haben. Die Gotteskraft. Das braucht Mut. Das kostet vielleicht manchmal Überwindung. Aber ich glaube, es tut auch gut. Vielleicht lädt es dich ein zu überlegt, was dir im Glauben Kraft gibt. Was deine Hoffnung ist. Sie kann ganz klein sei oder himmelhoch.
Was immer du in dir findest: Schäm dich nicht dafür! Denn aus all dem kann Gottes Kraft wachsen. Bei Paulus, bei Juden und Griechen. Bei mir und bei auch dir.
Amen.

Gebet
Barmherziger Gott, alles steht in deiner Macht.
Unser Leben liegt in deinen Händen.
Daran erinnere uns, wenn Angst und Sorge uns niederdrücken,
und stärke in uns das Vertrauen, dass wir die Dinge meistern können,
die auf uns zukommen, weil du an unserer Seite bleibst
und uns die Kraft gibst, die wir brauchen.
Dafür danken wir dir durch Jesus Christus, deinen Sohn
und unserer Hoffnung, der uns alle zum Leben führen will.
Amen.

Segen
Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar.
So will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
(Dietrich Bonhoeffer)

Verbunden mit einem herzlichen Gruß
Ihre Leen Fritz, Pfarrerin

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