Andacht zum 18. Sonntag nach Trinitatis, 16. Oktober 2022

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Andacht zum 18. Sonntag nach Trinitatis, 16. Oktober 2022

16.10.2022

von Pfarrerin Leen Fritz

Liebe Leser und Leserinnen!

Ein Blick ins Kinderzimmer:
Ein Stock und mehrere Steine. Ein längst schlapper Luftballon, Blätter voll Glitzer und mit Tesafilm befestigten, inzwischen vertrockneten Blättern. Wer gelegentlich Kinderzimmer betritt oder sogar aufzuräumen hat, weiß, welche Schätze sich dort finden. Es wird alles gesammelt und alles aufgehoben.
Und von erfahrenen Müttern und Vätern ist zu lernen, dass größere Aufräumaktionen besser in Abwesenheit der kindlichen Besitzer stattfinden sollten. Es fällt sehr schwer sich von Schätzen zu trennen. Was die Eltern da wegwerfen wollen, sind nämlich Schätze: „Das kannst du doch nicht wegwerfen ‐ das habe
ich doch auf dem Ausflug gefunden“ / „von xy geschenkt bekommen“ oder „das habe ich für dich gebastelt“. Wer kann so herzlos sein und da noch etwas wegwerfen? Kinder haben eigentlich nicht viel. Sie haben nur das, was ihnen jemand gibt. Oder das, was man ihnen schenkt.
Und als Jesus hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?
Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott.
Du kennst die Gebote: "Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren." Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. (Markus 10, 17 ‐ 20)

Gerade eben hatte Jesus noch die Kinder gesegnet. Ihnen gehört nichts, sie haben nicht viel, nur das, was man ihnen gibt oder schenkt. Aber ihnen gehört das Himmelreich.
Das hat Jesus wörtlich so gesagt: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.“ Und zu den Erwachsenen gewandt, hat er noch hinzugefügt: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“
Und jetzt kommt ein Mann zu Jesus, der schon lange aus dem Kinderzimmer herausgewachsen ist.
Aber er hat auch Sehnsucht nach dem Reich Gottes. Er lebt nicht mehr wie die Kinder, sorglos und ohne Zeit und Stunde. Und er hat Sehnsucht nach dem, was wirklich zählt im Leben, was bleiben wird, sogar über den Tod hinaus. Was muss ich tun dafür, fragt er, sag es mir doch bitte, Jesus.
Du weißt es doch, du kennst doch die Gebote, antwortet Jesus ihm. Und dieser Mann kennt die Gebote nicht nur, sondern er hat sie auch gehalten, von Jugend auf. Dieser Mann ist wirklich ein „guter Junge“. Ehrlich und rechtschaffen und aufrecht. Und darin tatsächlich noch ein bisschen kindlich und unschuldig. Ich habe das alles gehalten, Meister, nun muss es doch klappen mit dem ewigen Leben. Oder fehlt da noch was?
Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm:
Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!
Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. (Markus 10, 21f.)

Jesus sieht diesen Mann, den „großen guten Jungen“. Er sieht hinter die Fassade, unter die Oberfläche, bis in sein Herz hinein. „Und er gewann ihn lieb“. Nirgendwo sonst wird das im Evangelium über einen Menschen gesagt. Aber Jesus sagt ihm auch, was ihm noch fehlt.
Die eine Seite der Gebote hat dieser Mann gehalten, alle Gebote, die sich auf das Miteinander der Menschen beziehen. “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dieses Gebot hat er erfüllt. Aber das andere, das höchste Gebot von allen, daran fehlt es ihm noch.
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“
Der „gute Junge“ kann in Jesu Augen dieses Gebot nicht erfüllen. Weil es da etwas gibt, an dem sein Herz auch noch hängt. Er ist reich geworden. Und das soll er nun alles verkaufen und den Armen geben und dann erst kann er Jesus nachfolgen. Und an dieser Stelle merken alle, dass der „gute Junge“ kein Kind mehr ist. Alles verkaufen, das kann er sich nicht vorstellen. Diese Art von Freiheit macht ihm Angst. Und er kann nicht mit Jesus gehen. Er ging traurig davon.
Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.
Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden?
Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott. (Markus 10, 23‐27)
Jesus sieht um sich und sieht seine Jünger. Und er blickt über Zeit und Raum hinweg, bis er uns sieht. Und ich glaube, dass es uns es kein bisschen anders geht, als den Jüngern damals. Wir sind eben keine Kinder mehr, wir sind längst erwachsen und haben vielleicht schon selbst für Kinder zu sorgen oder auch nur für unser eigenes Auskommen. Wenn wir uns hier umschauen, dann sitzen hier doch nicht die Reichen, sondern ganz normale Menschen. Du machst es uns ganz schön schwer, Jesus. In das Reich Gottes kommen, das ewige Leben haben, das können für ihn nur die, die wirklich alles andere dafür aufgeben, vor allem ihre materielle Sicherheit. Schon immer und immer wieder war das für Christen eine große Herausforderung. Alles radikal hinter sich lassen?
Er sagt: „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“ (Lk 12,43) Jesus sagt: Wenn du einmal etwas wirklich willst, dann lässt du alles andere. Und das ist auf einmal ganz leicht. Denn bei der Liebe ist das so. Wenn sie da ist, wenn dein Herz seinen Platz gefunden hat, guckst du nicht mehr nach den anderen. Jedenfalls
nicht so. Und dir fehlt nichts. So ist auch mit der Liebe zu Gott. Und du wirst merken: Beides auf einmal geht nicht. Gott lieben und nebenbei was mit dem Mammon haben. Denn du hast ja nur ein Herz. Der „gute Junge“ hat es schwer mit Jesus. Für seine Jünger war es auch nicht einfach. Und für uns bleibt es eine Herausforderung. Mich tröstet ein Satz aus dieser Geschichte: Und er gewann ihn lieb.
Jesus sieht uns, wie wir sind, mit unseren Möglichkeiten und Grenzen und auch mit unserem oft so kindischen Verhältnis zu dem, was wir besitzen. Er weiß das alles. Und er liebt dich trotzdem. Lasst uns Kinder Gottes sein, gute oder böse Jungen, brave oder böse Mädchen, sorglos und leichtherzig, schön wie die Lilien und so frei wie die Vögel unter dem Himmel.
Amen.

Gebet
Liebender Gott,
du bist ein Gott, der uns anschaut mit einem liebevollen Blick.
Du kennst unsere Herzen und entscheidest dich immer wieder für die Liebe.
Deiner Liebe und Zuwendung vertrauen wir uns und alle Menschen an.
Du zeigst den Weg zum Leben. Gehe mit uns, rühre uns an. Wecke unsere Herzen und leite uns durch deine Gebote. Du zeigst den Weg zum Leben. Wecke die Herzen der Mächtigen, damit sie den Frieden suchen. Führe sie zueinander, damit sie miteinander reden. Amen.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute; und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen
Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!
Ich mache dich stark, ich helfe dir, mit meiner siegreichen Hand beschütze ich dich! (Jesaja 41, 10)
Verbunden mit einem Gruß
Ihre Leen Fritz, Pfarrerin

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