10.01.2026
von Superintendentin Hiltrud Anacker
Liebe Leser und Leserinnen!
Was sehen wir eigentlich? Sie sehen eine Schale von oben, eingefasst in einen Rand. Schauen wir genau hin, sehen wir bearbeiteten Stein. In der Mitte der Schale ist eine Plakette mit einer Taube angebracht. Ganz unten am Rand des Bildes - ein Schild: „Bitte nicht berühren!“ Wir sehen einen Taufstein von oben in irgendeiner Kirche. Besucher und Besucherinnen sollen nicht dauernd die Schale berühren, damit sie keinen Schaden nimmt. Was passiert, wenn an diesem oder einem anderen Taufstein getauft wird? Äußerlich gesehen wird der Kopf eines Menschen mit Wasser begossen, und zwar dreimal. Die Gemeinde schaut zu und ist neugierig, wie ein Baby reagiert. Wird es weinen, weil so kleine Kinder oft Wasser auf dem Kopf nicht mögen? Wenn Jugendliche ihre Frisur gestylt haben, huscht schon mal ein Lächeln über die Gesichter. Und bei Erwachsenen habe ich manchmal auch Tränen der Rührung in deren Augen gesehen. Was passiert eigentlich? Das Wasser ist ein sicht- und spürbares Zeichen für die Zuwendung Gottes. Gott liebt den getauften Menschen nicht mehr als den Ungetauften. Ob groß oder klein, wir leben in einer Welt, in der sich Schuld breit gemacht hat. Die Bibel nennt dies Sünde. Dieses Wort bedeutet: Trennung, und zwar die Trennung von Gott. Gott selbst aber baut die Brücke. Die Taufe ist die ausgestreckte Hand Gottes. Er sagt: „Du sollst zu mir gehören. Du kannst zu mir kommen, wie du bist.“ Ein wunderbares Geschenk!
Im Matthäusevangelium (Kapitel 3) wird erzählt, dass Jesus sich hat taufen lassen. Er geht zu Johannes, auch der Täufer genannt. Johannes predigte am Jordan sehr engagiert zu den Menschen, die zu ihm kamen. Dabei verwendet er heftige und deftige Ausdrücke. Er wollte seine Zuhörer und Zuhörerinnen wach rütteln. Sie sollten umdenken. Wie können sie ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen und zu Gott verändern? Auf dem Weg zu einem gottesfürchtigen Leben bietet er eine Taufe an wie ein Reinigungsbad. Als Jesus auf Johannes zugeht, um sich taufen zu lassen, staunt der Täufer. Er weiß sofort, wen er vor sich hat. Woher? Das erklärt die Erzählung nicht. Johannes wehrt sich. Er stünde doch weit unter Jesus. Er habe es nötig von Jesus getauft zu werden, nicht umgekehrt. Als Jesus auf seiner Bitte beharrt, tauft Johannes ihn. Als das geschieht, öffnet sich der Himmel. Der Evangelist beschreibt, der Geist Gottes kommt „wie eine Taube“ zu Jesus. Alle, die das miterleben, hören eine Stimme: „Dieses ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe.“
Was haben die Leute damals gesehen? Sie sahen Johannes, den Streiter für Gott. Und sie sahen einen schlichten Mann, einer aus dem Volk, einen Handwerker, einen Zimmermann. Letzterer steigt in den Jordan, wie viele andere auch. Sie sehen wie eine Erscheinung eine Taube und hören eine Stimme. Sonderbar. Was war wirklich geschehen. Der Evangelist beschreibt gewissermaßen das Startsignal der Wirksamkeit Jesu. Dieser schlichte Zimmermann war mehr als ein Mann aus dem Volk. Ein Kapitel weiter vorn kann man von der Geburt Jesu lesen, von den Weisen, die kostbare Geschenke bringen. Wer kann begreifen, dass Gott Mensch wird. Ich nicht, aber ich bin dankbar dafür.
Wenn Jesus Gott ist, wieso hat er sich dann von Johannes taufen lassen? Er hätte das nicht nötig gehabt. Nein, Umkehr zu Gott hatte er wirklich nicht nötig. Aber zweierlei wird deutlich: 1. Gott wollte in Jesus durch und durch Mensch sein. Er stellte sich mit dem Menschen auf die gleiche Ebene. Damit weiß er wirklich, wie es Ihnen und mir und unseren Nachbarn geht. 2. Gott zeigt allen, daß dieser Mensch Jesus eben der ist, in dem er selbst zu ihnen/zu uns kam. Es sind nicht die deftigen Worte des Johannes, sondern ein liebevolles Werben: Wir Menschen sollen unser Leben überdenken. Das griechische Wort für Buße bedeutet „Sinneswandel“. Ich wünsche mir für das neue Jahr, dass wir freundlicher miteinander umgehen. Ich bin überzeugt, Gott will das so. Ob dieser Sinneswandel gelingt? Auf jeden Fall kann ich schon einmal anfangen.
Wenn ich an meine Taufe denke, … Erinnern kann ich mich nicht daran. Meine Eltern haben mich als kleines Baby taufen lassen. Ich bin ihnen bis heute dafür dankbar. Denken Sie auch manchmal an Ihre Taufe? Was ist damals wirklich geschehen? Wenn wir genau hinsehen, sehen wir in der Taufe Gottes Wertschätzung des Menschen. Durch den Geist Gottes wird die oder der Getaufte zu einem neuen Menschen gemacht. Wenn ich an meine Taufe denke, vergewissere ich mich der Gegenwart und Hilfe Gottes für mein ganzes Leben. Also, mir tut das gut. Das motiviert mich auch. So heißt es im Bibelvers für die ganze Woche: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14) Die Weisen, die sich auf den Weg zum Kind in der Krippe gemacht hatten, stelle ich mir beschwingt auf ihrem Heimweg vor. Sie hatten nicht nur Geschenke mitgebracht, sondern gingen beschenkt wieder weg. So beschenkt fühle ich mich dadurch, dass ich getauft bin.
Amen.
Gebet
Alles, was atmet, lobt deinen Glanz, Gott.
Wir bitten:
Zeig uns im Glanz deines Lichts Wege,
mit unseren begrenzten Möglichkeiten bedrohtes Leben zu schützen.
Rette du die Erde und die darauf leben.
Alles, was ist, lebt von deiner Zuneigung, Gott.
Wir bitten:
Mach uns stark durch deine Zuneigung.
Dann entdecken wir, wer unsere Zuneigung braucht.
Dann wehren wir mit unserem begrenzten Einfluss Lüge und Hetze ab
und setzen uns ein für Recht und Gerechtigkeit.
Wehre dem Bösen und schütze die Schwachen.
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Segen
Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barherzige:
Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin
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