Predigt zum Gottesdienst am Pfingstfest, 24. Mai 2026

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Predigt zum Gottesdienst am Pfingstfest, 24. Mai 2026

24.05.2026

über Apostelgeschichte 2,1–21(Lut17); gehalten im Freiberger Dom von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Der Predigttext Apostelgeschichte 2,1–21(Lut17) wurde als Epistel verlesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Gemeinde,

vermutlich kennen Sie das: Sie stehen auf einem großen Bahnhof (mir ist da aus meiner Zeit in Italien noch ganz deutlich der Bahnhof Roma Termini in Erinnerung oder aus einer Reise die Grand Central Station in New York). Menschen eilen an Ihnen vorbei, Koffer rollen, Lautsprecherdurchsagen überlagern sich, irgendwo ruft ein Kind, jemand telefoniert laut. Ein Stimmengewirr, das sich zu einem einzigen Rauschen vermischt. Man hört vieles – und versteht doch kaum etwas. Und dennoch: Mitten in diesem Lärm gibt es manchmal einen Moment, in dem man eine einzelne Stimme heraushört. Ein Satz, ein Klang, der sich durch das Chaos schneidet und plötzlich Bedeutung gewinnt. Ein Moment, in dem Ordnung in das Durcheinander tritt und man sich besinnt, zur Ruhe kommt… der Fokus, das innere Gleichgewicht wieder hergestellt.

Ein ähnliches Durcheinander erleben wir heute in der digitalen Welt. In einem großen Gruppenchat zum Beispiel: Nachrichten ploppen im Sekundentakt auf, Sprachnachrichten, Emojis, GIFs – jeder schreibt gleichzeitig, keiner reagiert auf das, was der andere sagt. Ein digitales Stimmengewirr, das dem am Bahnhof erstaunlich ähnlich ist. Auch hier entsteht leicht der Eindruck: Alles redet, aber niemand hört zu. Alles ist gleichzeitig wichtig – und dadurch verliert vieles an Bedeutung. Und doch gibt es manchmal eine Nachricht, die heraussticht, die uns innehalten lässt, die uns besonders anspricht. Eine Stimme, die uns erreicht, obwohl so viele gleichzeitig sprechen.

Solche Momente kennen wir alle: Situationen, in denen viele Stimmen gleichzeitig sprechen, in denen alles durcheinandergeht und wir kaum noch Orientierung finden. Und doch gibt es Augenblicke, in denen sich aus diesem Chaos etwas Unerwartetes formt – ein Muster, ein Sinn, eine Ordnung. Ein Moment, in dem wir spüren: Da ist mehr als bloß Lärm. Da ist eine Stimme, die mich meint.

Wolfgang Amadeus Mozart hat dieses Phänomen in seiner Oper Le nozze di Figaro genial inszeniert. Eine Oper, die mich immer wieder begeistert. Am Ende des zweiten Aktes stehen sieben Menschen auf der Bühne, alle reden gleichzeitig, jeder verfolgt seine eigenen Absichten. Ein einziges Chaos – und doch entsteht eine Harmonie, eine wunderbare Klangsphäre. Mozart ordnet die Stimmen nicht, indem er sie trennt, sondern indem er sie übereinanderlegt. Aus dem Durcheinander wird Musik. Aus dem Stimmengewirr wird ein gemeinsamer Akkord. Eine Ordnung, die aus dem Chaos selbst hervorgeht. Eine Harmonie, die man nicht erwartet – und die gerade deshalb so beeindruckt.

Und genau so – mitten im Stimmengewirr – ereignet sich Pfingsten im Bericht des Lukas.

Pfingsten: Ordnung im Chaos

Über dem Haus der Jünger entsteht ein gewaltiges Brausen, Wind, Feuerzungen. Menschen aus aller Welt strömen zusammen. Und dann reden die Jünger – alle gleichzeitig, jeder in einer anderen Sprache. Ein Durcheinander, das wie Chaos wirken muss. Und doch: Jeder versteht. Jeder hört die Botschaft in seiner eigenen Sprache.

Wie bei Mozart entsteht aus dem scheinbaren Durcheinander eine göttliche Harmonie.

Lukas sagt: Das bewirkt der Heilige Geist. Und was dieser Geist bewirkt, lässt sich an drei Dingen erkennen:

1. Der Heilige Geist stiftet Einheit

Durch das Pfingstereignis begegnen sich Menschen, die sich sonst nie getroffen hätten: die kleine Kerngemeinde der Jünger und die vielen fremden Gläubigen in Jerusalem. Unterschiedliche Sprachen, Traditionen, Lebenswege – und doch werden sie zusammengeführt.

Das zeigt: Gläubige Menschen sind verschieden. Es gibt die Engagierten, die mitten in der Gemeinde stehen. Und es gibt die, die eher am Rand bleiben, die ihren Glauben still leben. Es gibt Leitende und Hörende, Aktive und Zurückhaltende. Aber alle gehören dazu. Der Heilige Geist verbindet sie – nicht durch Gleichmacherei, sondern durch eine Einheit in der Vielfalt.

Diese Einheit ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Geschenk und zugleich ein Auftrag. Denn Einheit entsteht nicht dadurch, dass alle gleich denken oder gleich handeln. Einheit entsteht, wenn wir uns gegenseitig Raum geben. Wenn wir anerkennen, dass der Glaube unterschiedliche Formen annehmen kann. Wenn wir uns nicht gegenseitig messen, sondern einander tragen. Wenn wir nicht fragen: „Wer ist wichtiger?“, sondern: „Wie können wir gemeinsam Christus bezeugen?“

2. Der Heilige Geist schafft Verständigung

Pfingsten ist ein Sprachwunder. Menschen, die sich eigentlich nicht verstehen können – Juden, Parther, Meder, Elamiter, Griechen, Araber – hören dieselbe Botschaft. Kirche ist deshalb nie nur die kleine Schar der Jünger. Kirche ist die Gemeinschaft aller Getauften, über Grenzen hinweg.

Darum kann Kirche auch nie national gedacht werden. Das widerspricht dem Evangelium. Unser Glaube verpflichtet uns, öffentlich für Menschenwürde, Nächstenliebe und Freiheit einzustehen. Das ist kein „politisches Einmischen“, sondern gelebtes Christsein. Christlicher Glaube ist nie nur Privatangelegenheit. Er hat immer eine öffentliche Dimension.

Der Geist schenkt Freiheit – und diese Freiheit verbindet uns auch ökumenisch. Ich bin dankbar für den ökumenischen Arbeitskreis hier in Freiberg, in dem wir als Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen zusammenfinden. Verständigung ist ein Auftrag des Geistes. Und sie gelingt nur, wenn wir bereit sind, einander zuzuhören.

Und diese Verständigung brauchen wir auch in unseren eigenen Gemeinden, im Kirchgemeindebund, in unserer räumlich weit verstreuten Gemeinschaft. Pfingsten ruft uns dazu auf, aufeinander zuzugehen – etwa beim Pilgern morgen nach Großschirma. Denn Verständigung entsteht nicht im Rückzug, sondern im gemeinsamen Weg. Sie entsteht, wenn wir uns Zeit füreinander nehmen, wenn wir uns gegenseitig wahrnehmen.

3. Der Heilige Geist entzündet die Liebe

Die Feuerzungen stehen für die Liebe Gottes – für die Leidenschaft, mit der Gott Menschen berührt. Johann Sebastian Bach lässt in einer beeindruckenden Pfingstkantate dichten:

O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe, Entzünde die Herzen und weihe sie ein.

Diese Liebe ist nicht mit blindem Eifer zu verwechseln, der Menschen gegeneinander aufbringt. Die Liebe des Geistes ist die Liebe, die Paulus beschreibt: geduldig, freundlich, nicht auf sich bedacht, nicht nachtragend, voller Hoffnung und Vertrauen.

Liebe zeigt sich dort, wo wir dem Nächsten helfen, wo wir Menschen annehmen, auch wenn wir nicht einer Meinung sind, wo wir einander tragen.

Liebe ist die Kraft, die Chaos verwandelt. Sie ist die Kraft, die aus Stimmengewirr ein Miteinander macht. Sie ist die Kraft, die aus Fremden Geschwister macht. Sie ist die Kraft, die uns befähigt, nicht nur zu reden, sondern zuzuhören. Nicht nur zu urteilen, sondern zu verstehen. Nicht nur zu fordern, sondern zu geben.

Pfingsten beginnt im Chaos – wie am Bahnhof, wie im Gruppenchat, wie in Mozarts Figaro. Viele Stimmen, viel Durcheinander, wenig Orientierung. Und doch: Gott ist nicht fern von diesem Chaos. Er ist mittendrin.

So wie wir am Bahnhof plötzlich eine einzelne Stimme heraushören, so wie im Gruppenchat manchmal eine Nachricht alles andere überstrahlt, so wie Mozart aus Stimmengewirr Harmonie schafft – so wirkt der Heilige Geist.

Er bringt Ordnung in unser Chaos. Er schafft Harmonie in unserer Vielfalt. Er entzündet Liebe in unserer Welt. Er lässt uns hören, was wirklich zählt.

Pfingsten ist Gottes Zusage: Ich bin da. Ich spreche. Ich verbinde. Ich erneuere.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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