Predigt zum Gottesdienst am 15. Sonntag nach Trinitatis, 13. September 2026

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Predigt zum Gottesdienst am 15. Sonntag nach Trinitatis, 13. September 2026

13.09.2026

über 1. Mose 2,4b–9.15 (Lut17); gehalten im Freiberger Dom St. Marien von Kristine Eckert, Gemeindepraktikantin der Kirchgemeinde am Dom Freiberg

Der Predigttext 1. Mose 2,4b–9.15 (Lut17) wurde bereits als erste Lesung vorgetragen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

RATSCH. Reißverschluss runter. Koffer auf. Etwa 60 Liter Stauraum, um sich für die kommende Reise zu wappnen. Was muss mit? Zahnbürste, ausreichend Socken und Unterwäsche. So weit, so einfach. Es braucht auf jeden Fall ein paar schicke Sachen für den Gottesdienst oder falls man abends in ein Restaurant geht. Was noch? Kurz den Wetterbericht studieren: Es wird sonnig, hin und wieder leicht bewölkt. Also: T-Shirts, dünnes Jäckchen und zwei Paar Hosen. – Falls eine schmutzig wird. Und ein Buch zur Unterhaltung! Aber welches? Und reicht eins oder lieber zwei? Nach kurzem Bedenken gesellen sich noch ein Handtuch, ein Gürtel und eine Sonnenbrille in den Koffer. Damit sollte für alles gesorgt sein. RATSCH Reißverschluss hoch. Koffer zu.

Aber was, wenn es nun doch regnet?! Was, wenn beide Hosen schmutzig werden? Was ist mit Sportsachen? Ich gehe zwar nie Joggen, aber vielleicht ändert sich das ja an einem neuen Ort? Und Bettwäsche? Die Unterkunft sollte welche haben, aber was, wenn nun aus irgendwelchen Gründen doch keine vor Ort ist?! Und an Medikamente habe ich noch überhaupt nicht gedacht.

RATSCH. Reißverschluss runter. Koffer auf. Etwa 15 Liter Restplatz. Es folgen nun also noch Regenjacke, Regenschirm, dicker Pullover, Fleckenentferner, die Jogginghose, Tabletten gegen Kopfschmerzen, Übelkeit und Allergien, zwei weitere Bücher, ein Föhn und die frisch gewaschene Bettwäsche. Doch: Reißverschluss geht nicht mehr hoch… Also der Föhn und die Bücher wieder raus. Ein wenig drücken und quetschen. RATSCH. Reißverschluss hoch. Koffer geht mit Ach und Krach zu.

Liebe Gemeinde,

so oder zumindest ganz ähnlich sah das aus, als ich meine Sachen für das Gemeindepraktikum gepackt habe und ich mich auf den Weg von Leipzig nach Freiberg gemacht habe. Und vielleicht erinnert es einige von Ihnen an die Vorbereitungen einer eigenen Reise. Möglicherweise ist der Moment des Packens sogar noch sehr präsent, schließlich sind die Sommerferien noch gar nicht lang her.

Dabei kommt immer wieder dieser Wunsch auf, auf alles vorbereitet zu sein, jegliche Eventualitäten zu bedenken und vorzubereiten. Das betrifft längst nicht nur unsere Reisen, sondern auch unseren Alltag: Wir sorgen uns, ob wir mit dem, was uns bevorsteht, zurechtkommen.

In unserem Predigttext sieht das ganz anders aus: Der Mensch wird von Gott geschaffen und in den Garten gesetzt – ganz ohne Koffer, ohne zweites Paar Hosen und ohne Regenschirm.  Ausgerechnet dieser erste Mensch erblickt das Leben an einem öden, kahlen und verlassenen Ort. Und doch braucht er sich nicht zu sorgen, denn Gott bereitet ihm eine Umgebung, an dem ein Leben in Fülle möglich ist: Eine bunte, atemberaubende Natur, die genug zum Essen bereithält, Tiere in jeglichen Größen und Formen – vom Erdmännchen bis zum Schneeleoparden. Dazu ein ebenwürdiges Gegenüber, sodass der Mensch nicht allein ist. Und der Mensch darf dieses Wunderwerk bebauen und bewahren, arbeitet in Gottes Einvernehmen. Es herrscht Frieden und ein stabiles Gleichgewicht, es ist genug für alle da. Es gibt keinen Grund zur Sorge.

Zugegeben: Bei uns ist das mit der Sorglosigkeit herausfordernder. Wir sind nicht im Garten Eden. Bei uns herrschen Trockenheit und Hitzerekorde. Wenn es doch regnet, bleibt die Gefahr von Überflutung und Zerstörung nicht aus. Bei uns herrschen Kriege und Aufrüstung. Die Vorstellung von Versöhnung und Frieden erscheint immer illusorischer.  Bei uns herrscht Einsamkeit. Gefährten zu finden, gestaltet sich durch Spaltung, Misstrauen, Konflikte und Vorurteile immer schwieriger. Bei uns herrschen Wettbewerb und Unterversorgung. Was wir brauchen, das fällt nicht einfach vom Himmel, sondern wir müssen es uns verdienen. Wir müssen dafür bezahlen, wobei die Preise immer weiter steigen.

Als Christenmenschen stehen wir im Zwiespalt zwischen Garten Eden und der Welt außerhalb, zwischen Paradies und Schreckensszenarien, zwischen dem, was wir glauben und hoffen und dem, was wir täglich sehen und erfahren. Häufig sehnen wir uns nach einer besseren Welt.

Dabei übersehen wir schnell, was mitten in all dem Unvollkommenen an Guten bleibt.

Es gibt durchaus diese Garten-Eden-Momente. Und Eden-Momente sind für mich gerade nicht diejenigen, in denen wir unser Leben besonders gut im Griff haben oder der Koffer perfekt gepackt ist. Sondern es sind diejenigen Momente, in denen wir erfahren: Ich bin beschenkt. Für mich ist gesorgt.

Das zeigt sich schon in ganz kleinen Dingen: wenn man den Bus noch erwischt, obwohl man eigentlich schon zu spät ist. Wenn die Ärztin sich noch Zeit nimmt, obwohl alle Termine vergeben sind. Wenn der Nachbar einem seine Leiter leiht, sodass man sich nicht extra eine kaufen muss. Oder wenn jemand einfach mit anpackt, bevor wir überhaupt um Hilfe gebeten haben.

Mein letzter Eden-Moment war – wie könnte es anders sein in dieser Predigt? -  auf einer Reise. Genauer gesagt an der Nordsee. Ich hatte mir mit meinem Freund den Sonnenuntergang am Strand angesehen und wir waren gerade auf dem Heimweg. Ich war müde von einem erlebnisreichen Tag. Eigentlich wollte ich nur noch zurück zur Unterkunft, den Sand von den Füßen waschen, Zähne putzen und unter die Bettdecke schlüpfen. Da hörten wir in der Ferne Gitarrenmusik. Unschlüssig, aber doch neugierig folgten wir den Klängen und landeten in einem kleinen, unscheinbaren Café irgendwo abseits der Touristenmeile.

Drinnen standen auf einer improvisierten Bühne drei junge Männer. Einer am Klavier, einer an der Gitarre, einer am Mikrofon. Das Cajon stand frei. Statt wie geplant unter meiner Bettdecke, befand ich mich nun umringt von heimeligem Kerzenlicht, klirrenden Gläsern und lachenden Gästen. Und während ich noch beschäftigt war, freie Sitzplätze zu finden, fragte der Sänger plötzlich ins Publikum, ob nicht jemand mitspielen oder mitsingen möchte.  Ehe ich mich versah, lief mein Freund zur Bühne und setzte sich ans Cajon. Und so saß ich da, lauschte der frisch zusammengefundenen und erstaunlich harmonischen Band. Während „Take me home, Country roads“ und „Ich will zurück nach Westerland“ durch den Raum ertönten, beobachtete ich die Menschen, die genauso bunt zusammengewürfelt waren wie das Mobiliar des Cafés. Da war ein kleines Mädchen, das sich begeistert von den Musikern ein Lied nach dem nächsten wünschte.  Da saßen ältere Herren und spielten Skat oder Doppelkopf. Da waren viele weitere, die sich nicht kannten und trotzdem gemeinsam lachten, summten, tanzten und applaudierten. Nach dem spontanen Auftritt gab es für mich und meinen Freund zum Dank zwei Freibier. Wir redeten mit Fremden bis tief in die Nacht und wenn ich von Zeit zu Zeit aus dem Fenster schaute, konnte ich im Mondschein das Meer erahnen. - Es war für alles gesorgt. Ich war zu richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich selbst hatte nichts dafür vorbereitet.

Liebe Gemeinde,

Wir werden weiter Koffer packen. Wir werden planen, vorsorgen und uns Gedanken um morgen machen. Und unsere Welt bleibt eine Welt, in der es immer wieder Grund zu Angst und Sorge gibt. Aber sie ist eben auch nicht nur das. Immer wieder gibt es Augenblicke, die uns zum Lachen bringen, Hoffnung schenken und Menschen zusammenführen.

Der Predigttext zeigt uns: Wir sind geschaffen als Empfangende mit Gott an unserer Seite, der für uns sorgt. Und vielleicht bleibt von Eden genau das in uns: eine tiefe Sehnsucht danach, umsorgt zu sein – und der Zuspruch, dass wir es sind.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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