Predigt zum Letzten Sonntag des Kirchenjahres (Ewigkeitssonntag), 22. November 2020

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Predigt zum Letzten Sonntag des Kirchenjahres (Ewigkeitssonntag), 22. November 2020

22.11.2020

zu Offenbarung 21, 1 - 4; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
dieser November ist mit seinen oft grauen Tagen und frühen Sonnenuntergängen und den Schrecken der aktuellen Epidemie eine in jeder Hinsicht dunkle Zeit. Manchen verfinstern dann auch dunkle Gedanken das Gemüt. Umso mehr, wenn man erst in der zurückliegenden Zeit einen lieben Menschen verloren hat.
Wir gedenken heute der Verstorbenen des nun zu Ende gehenden Kirchenjahres. Wir tun es in Anteilnahme mit Ihnen, liebe Angehörigen, die Sie heute unter uns sind. Wenn ein lieber Mensch von uns geht, dann kann der sonnigste Sommertag für uns zu einem grauen Novembertag werden. Das Leben wird von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Mühsam müssen wir einen Weg in ein neues Leben ohne unsere Verstorbenen finden. Wie die grauen Novemberwolken uns das Licht nehmen, so nehmen uns Trauer und Schmerz das Licht in unserem Herzen. Dass wieder eine Zeit kommen wird, in der wir fröhlich sein werden und lachen, das scheint unvorstellbar. Und doch finden Trauernde in der Regel aus ihrer Trauer auch wieder heraus. Der Schmerz verwandelt sich in eine dankbare Erinnerung an den Menschen, den oder die wir verloren haben. Freude wird wieder möglich. Auch wenn das im Erleben des Verlustes unvorstellbar zu sein scheint.
Unsere Sicht auf die Wirklichkeit wird eben oft verstellt durch das, was unmittelbar vor Augen ist. Das gilt erst recht für unsere überaus begrenzte Sicht auf die Wirklichkeit Gottes.
Dem Seher Johannes war es gegeben, gegen den Augenschein in einer Zeit der Christenverfolgung Gottes wunderbare Wirklichkeit zu erahnen. Er hatte eine ganze Reihe von Visionen, die wir in der Offenbarung am Ende unserer Bibel nachlesen können. Vieles davon sind Bilder, die uns etwas über eine Wirklichkeit jenseits unserer Wirklichkeit, über eine Zeit jenseits unserer Zeit sagen wollen. Diese Bilder ersetzen Worte, die uns dafür fehlen. Zu diesen Bildern gehört auch die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde, die sich mit dem Bild des himmlischen Jerusalems verbindet.
„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt soll diesen Ausspruch getätigt haben. Denn man warf ihm vor, bei seinem politischen Handeln nicht genügend Visionen für die damalige Bundesrepublik zu entwickeln. Schmidts Ausspruch ist einerseits ein sehr böses und abwertendes Wort; andererseits steckt ungewollt auch viel Wahrheit darin. Denn Krankheit oder anderes Leid können einem die Augen öffnen. Kranke sehen ebenso wie beispielsweise Trauernde manchmal weiter. Sie sehen, dass der normale Alltag nur eine Kulisse ist. Leicht kann sie beiseitegeschoben werden. Dann sieht das Leben plötzlich völlig anders aus. Leidende Menschen haben vielleicht auch eher einen unverstellten Blick auf das Eigentliche. Ihnen ist es vielleicht auch besser gegeben ein offenes Ohr und ein offenes Herz für Gottes Botschaften zu haben. Vielleicht konnte der Apostel Paulus auch deswegen den auferstandenen Christus auf dem Weg nach Damaskus sehen. Auch er war ja krank und litt unter Anfällen.
Menschen, die leiden, haben die Gabe, tiefer – oder höher – blicken zu können. Menschen, die unter Gewalt leiden, die verfolgt werden, spüren die Nähe unseres Gottes oft viel besser als die, denen es uneingeschränkt gut geht. Dass der Gekreuzigte an seiner Seite ist, kann ein Mensch wohl besser spüren, der ebenfalls einen Kreuzweg geht.
Der Seher Johannes war so jemand. Seine Gemeinden wurden verfolgt. Er selbst war wegen seines christlichen Bekenntnisses auf die Insel Patmos verbannt worden. Leid und Tod hatte er vor Augen. Er hatte gesehen, wie Gemeindeglieder wegen ihres Glaubens litten und starben. Vielleicht war es deswegen empfänglich für das, was Gott ihm sagen wollte. Vielleicht konnte er deswegen weiter sehen als wir. Vielleicht war es ihm deswegen gegeben, einen Blick durch den Vorhang zu werfen, der unsere Wirklichkeit von der Wirklichkeit Gottes trennt.
So sieht Johannes eine neue Erde unter einem neuen Himmel. Er hat die Vision einer neuen Welt. Diese neue Erde unter dem neuen Himmel kommt nicht von selbst. Sie wird auch nicht von Menschen hervorgebracht. Sie kommt von Gott. Das will das Bild des himmlischen Jerusalems aussagen, dass aus dem Himmel herabkommt. Wir können den Vorhang zwischen unserer Wirklichkeit und der Wirklichkeit Gottes nicht zur Seite schieben. Die meisten von uns können nicht einmal durch ihn hindurchsehen. Aber Gott kann es uns erlauben. Darum hat der Seher Johannes dieses Bild vor Augen. Er sieht eine prachtvoll erneuerte Stadt, die aus dem Himmel herabkommt. Er sieht, wie das himmlische Jerusalem das alte in sich aufnimmt und verwandelt. Johannes erahnt eine neue Welt, die so wunderbar schön ist wie eine glücklich strahlende Braut in ihrem Brautkleid. In eine solche Welt wird Gott durch seine schöpferische Kraft unsere Welt verwandeln. – Für uns ist das unvorstellbar. So unvorstellbar wie ein sonniger Sommertag an einem grauen Novembertag; so unvorstellbar wie das Lachen für einen Trauernden.
Diese wundervolle Welt sieht Johannes hinter dem Vorhang unserer Wirklichkeit. Gott wohnt in ihr mitten unter den Menschen. Im Licht seiner schöpferischen Liebe wird alles vergangen sein, was dieses Leben oft so bedrückend macht. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“, schreibt Johannes. Was für ein liebevolles Bild. Gott wird hier wie eine Mutter oder ein Vater beschrieben. Liebevoll wendet er sich denen zu, die in diesem Leben so manche Träne vergossen haben. Er tröstet sie; aber anders als Menschen es vermögen. Der Trost, den wir Menschen geben können, hilft, Trauer und Schmerz zu lindern. Das ist nicht wenig. Gottes Tröstung aber geht viel weiter. In der Gegenwart seiner Liebe werden Trauer und Schmerz verschwinden. Ebenso vergehen auch deren Ursachen. Wo Gott unser Nachbar ist, da haben das Leid und der Schmerz keinen Platz mehr. In der Gegenwart der schöpferischen Liebe Gottes kann der Tod nicht mehr sein. Auf der neuen Erde – so sieht es Johannes – wird all das verschwunden sein, was diese alte Erde von einer Welt des himmlischen Friedens unterscheidet.
Viele von uns besuchen heute die Gräber ihrer Lieben. Die einen haben einen geliebten Menschen verloren, der nach einem erfüllten Leben in hohem Alter gegangen ist. Manche erinnern sich aber an Menschen, die erst am Anfang des Lebens standen oder in dessen Mitte. Der Jüngste, an den wir uns heute erinnern, war noch nicht einmal geboren. Menschen, die zu früh gehen mussten, fehlen den Zurückgebliebenen in ganz anderer Weise. Aber gemeinsam ist uns, dass wir uns nach unseren Lieben sehnen. Wie schön wäre es, sie noch einmal in den Arm nehmen zu können, ihre Hand zu halten, ihre Stimme zu hören! Nach menschlichem Ermessen ist das eine Wunschvorstellung, die nie in Erfüllung gehen kann.
Johannes aber hat weiter geblickt. Gott hat es ihm geschenkt, weiter sehen zu können. Da gibt es diese neue Welt, in der der Tod überwunden ist. Hinter dem, was wir sehen können, liegt eine andere Wirklichkeit; die Wirklichkeit Gottes. Sie ist jetzt schon da. Auch wenn sie für uns noch Zukunft ist. Denn sonst hätte Johannes sie nicht sehen können. – In dieser neuen Welt sind unsere Lieben geborgen im Licht der Liebe Gottes. Was sie an Traurigem erlebt haben mögen, das ist vergangen: Gott hat ihnen die Tränen abgewischt. Alles, was es Dunkles gegeben haben mag in ihrem Leben, das ist vergangen: Im Licht der Liebe Gottes vergeht auch alle Schuld. Aber alle Liebe, die sie gegeben haben, und alle Erfüllung in ihrem Leben sind aufgehoben unter einem neuen Himmel auf einer neuen Erde oder in dem himmlischen Jerusalem.
Diese Vision des Johannes mag auch unsere Tränen abwischen. Die Sonne scheint jenseits der Wolkendecke, auch wenn wir sie nicht durch sie hindurch sehen können. Ebenso scheint das Licht der schöpferischen Liebe Gottes jenseits des Vorhangs, der uns von Gottes Wirklichkeit trennt. Unsere in Christus Verstorbenen leben dort und wir werden ihnen dort begegnen. Denn diese Welt ist auch für uns nicht alles, was wir zu erwarten haben. Auch auf uns kommt sie zu: die neue Erde unter einem neuen Himmel. Das Leben im Licht der Liebe Gottes. Das ist es, was uns tröstet im Leben und im Sterben.
Amen.

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