Predigt zum Buß- und Bettag, 18. November 2020

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Predigt zum Buß- und Bettag, 18. November 2020

18.11.2020

zu Jesaja 1, 10 - 17; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Bußtagsgemeinde,
der Tisch war festlich gedeckt. Wieder einmal würde die ganze Familie versammelt sein. Seit die Eltern gestorben waren, war es das erste Mal, dass die drei Schwestern sich mit ihren Familien wieder trafen. Die Familie der Ältesten wohnte in Süddeutsch­land. Sie hatte einen Geschäftsmann geheiratet, der ihr ein recht luxuriöses Leben ermöglichte. Ihr großes Haus machte es über­haupt erst möglich, dass sich alle drei Familien treffen konnten. Die Älteste hatte keine Kinder; dafür hatte die Jüngste mit fünfen umso mehr. Als Alleinerziehende hatte sie es sehr schwer. Die mittlere Schwester dagegen war Lehrerin und hatte mit ih­rem Mann nur ein Kind. So brauchten sie nicht jeden Cent zweimal umzudrehen wie die Jüngste.
Die festliche Eindeckung endete allerdings merkwürdigerweise schon nach den ersten beiden Plätzen. In der Mitte der Tafel war nur noch Alltagsgeschirr für drei Personen gedeckt. Auf den letzten sechs Plätzen am unteren Ende der Tafel gab es dann Pappteller und Plastebesteck. Die Tischkarten zeigten, wer wo sitzen sollte: an der Spitze der Tafel die Gastgeber, in der Mitte das Lehrerpaar mit seinem Kind und die alleinerziehende Schwester mit ihren sechs Kindern am unteren Ende der Tafel. Die besten Stücke vom Braten bekamen dann auch die beiden Gastgeber. Die Lehrerfamilie durfte sich von dem aussuchen, was noch übrig geblieben war. Für die jüngste Schwester mit ihren fünf Kindern blieben ein paar Kartoffeln mit Soße übrig.
Liebe Gemeinde, das ist eigentlich eine kaum vorstellbare Sze­ne. Kann man in einer Familie so miteinander umgehen? Genauso aber, liebe Gemeinde, ging es im Israel des Propheten Jesaja zu. Es gab zu seiner Zeit Menschen, denen ging es nach den damaligen Maßstäben wirklich gut. Sie hatten von den neuen Entwicklungen im Bereich der Wirtschaft sehr profitiert. Sie hatten mehr als genug zu essen; sie lebten in Häusern aus Stein, die im Sommer ein wenig Kühlung boten und im Winter ganz gut zu heizen waren. Sie konnten sich Kleidung aus ordentlichen Stoffen leisten, während die Mehrheit der Bevölkerung nur notdürftig zusammengeflickte Kleidung tragen konnte. Die Reichen genossen einen gewissen Luxus und hatten oft große Ländereien. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte dagegen kaum das Nötigste zum Überleben. Sie waren oft Kleinbauern, die von ihren Erträgen nicht mehr existieren konnten. Sie lebten darum ständig am Rande der völligen Verelendung oder gar der Schuldsklaverei, wenn sie die Kredite, die sie in ihrer Not aufgenommen hatten, nicht zurückzahlen konnten. Die Schere zwischen Armen und Reichen klaffte immer weiter auseinander.
Und ähnlich wie heute gab es bei den Reichen kaum ein Un­rechtsbewusstsein. Sie waren eben die Tüchtigen. Da verdienten sie es doch auch, gut zu verdienen. Sie waren ganz mit sich im Reinen. Schließlich waren sie ja auch fromme Leute. Sie gingen regelmäßig in den Tempel; dankten Gott für den Wohlstand und Segen, mit dem sie beschenkt worden waren. Sie ließen Gott teilhaben an ihrem Wohlstand, indem sie regelmäßig und reich­lich Opfer im Tempel darbrachten. Und sie vergaßen niemals, zu Gott zu beten, ihm zu danken, ihn zu loben und natürlich auch ihn um seinen weiteren Segen zu bitten.
Ihnen müssen die Ohren geklungen haben, als Jesaja auftrat und ihnen im Namen Gottes auf den Kopf zusagte, dass Gott ihr Verhalten alles andere als fromm und rechtschaffen fand, son­dern dass Gott von all ihren Gebeten, Opfern und religiösen Fei­ertagen nichts wissen wollte. „All eure Frömmigkeit ist nichts wert“, sagte Jesaja, „wenn ihr nicht aufhört, auf Kosten der Ar­men zu leben. Ändert euer Leben. Seht zu, dass wir als Volk Gottes wieder wie eine Familie leben. Helft den Unterdrückten, statt sie weiter zu unterdrücken. Sorgt für Gerechtigkeit, dass alle in Würde leben können. Achtet vor allem auf diejenigen, die überhaupt nichts haben und keinerlei Recht haben. Das ist der Wille Gottes.“
Liebe Gemeinde, wie die Reichen sich damals verhalten haben, finden vermutlich fast alle von uns ungeheuerlich. Es erinnert uns zudem sehr an die Reichen und wirtschaftlich Einflussreichen von heute. Die ja ebenfalls auf Kosten anderer reich werden oder geworden sind und denen – so hat man manchmal den Eindruck – die normalen Menschen völlig fremd und im Grund auch egal sind. Denen, liebe Gemeinde, sollte auch mal ein Jesaja ein paar passende Worte sagen. Dass endlich wieder auch bei uns mehr Recht und Gerechtigkeit einziehen und von Gerechtigkeit nicht immer nur geredet wird.
Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob Jesaja, wenn er denn in unserer Zeit etwas sagen würde, nicht vielleicht mit fast denselben Worten im Mund auch vor unseren Kirchentüren stehen würde. Denn die merkwürdige Familie an der eigenartigen Festtafel, dass ist im Grunde nämlich die Weltbevölkerung. Zwei Drittel sind arm oder sogar unter dem Existenzminimum. Die Pandemie hat ihnen oft das Letzte noch genommen. Für die steht die alleinerziehende Mutter mit den sechs Kindern. Das restliche Drittel teilt sich größtenteils auf in Menschen, die einigermaßen zurechtkommen. Der Rest ist reich. Und wir persönlich, liebe Gemeinde, wir sind im Weltmaßstab im Grunde das reiche Ehepaar, auch wenn wir natürlich im Vergleich Jeff Bezos oder Donald Trump arm wie die Kirchenmäuse sind. Und ob wir es wollen oder nicht: Auch wir leben in vielerlei Hinsicht auf Kosten der Armen in der dritten Welt. Das Schnitzel oder der Braten auf dem Tisch, den wir vielleicht gleich essen, stammt z.B. wahrscheinlich von einem Tier, das mit Kraftfutter gemästet worden ist. In diesem Kraftfutter war mit großer Wahrschein­lichkeit Soja von den Feldern armer Ländern im Süden; wir es­sen dadurch sozusagen von den Tellern der Armen und Hun­gernden.
Die Frage stellt sich darum, ob die Kritik des Jesaja nicht auch jeden von uns trifft. Auch wir versuchen ja, mehr oder weniger fromm zu sein und nach Gottes Geboten zu leben. Sonst würden wir uns gerade heute ja nicht auf den Weg in diesen Gottesdienst gemacht haben. Aber obwohl wir uns aus unserem Glauben heraus doch unseren Nächsten verpflichtet fühlen sollen und es ja auch tun, lassen auch wir es dennoch zu, dass es nicht nur in der Weltfamilie, sondern auch in unserem Land, solche schreienden Ungerechtigkeiten gibt.
Das Problem ist wohl vor allem, dass wir zwar im übertragenen Sinn, aber nicht wirklich mit den wirklich Armen dieser Welt an einem Tisch sitzen. Auch sie sind Geschöpfe Gottes wie wir. Die Christen unter ihnen sind wie wir Teil des Leibes Christi, der unsichtbaren Kirche. Aber sie leben in ihrer Armut weit weg. Wenn das Elend der dritten Welt in Chemnitz oder Dippoldswalde herrschte, wäre unsere Betroffenheit eine ganz andere. Und auch die Armut in unserem Land wird nicht so leicht sichtbar. Aber das Elend ist da, wenn es auch weit weg oder unsichtbar ist. Und es ist eine Anfrage an uns, nicht zuletzt eine Anfrage Gottes an uns, wie wir damit umgehen.
Natürlich können wir sagen: Was kann denn jemand von uns schon ausrichten? Aber ganz so machtlos sind wir auch nicht. Wir können Politiker unterstützen, die sich für die ärmeren Bevölkerungsschichten auch bei uns einsetzen. Mit unserem Verhalten als Verbraucher könnten wir gemeinsam viel an der Politik der Handels- und Lebensmittelkonzerne ändern. Es gibt zudem auch direkte Möglichkeiten, beispielsweise armen Menschen in den Ländern des Südens zu helfen. Eine Doktorandin an der Bergakademie, die aus Kamerun kommt, versucht beispielsweise ihrem Heimatdorf mit einem Projekt zu helfen. Dort gibt es keinen Strom. Eine Solaranlage für 1000 Euro pro Haus würde Abhilfe schaffen. Wenn sich zehn oder mehr Personen zusammentun würden, sollte es machbar sein, wenigstens eine Anlage zu finanzieren – und es wäre eine große Hilfe. Denn Strom bedeutet ja nicht nur Licht in den Nächten, sondern auch die Möglichkeit, beispielsweise Nähmaschinen zu betreiben und damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Wer Interesse hat, an so einer Stelle ganz konkret zu helfen, dem geben ich gern nähere Auskünfte.
Insofern ist es schon möglich, die Worte des Propheten beherzigen: „Lernet Gutes zu tun, trachtet nach Recht, helft den Un­terdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sa­che.“
Amen.

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