21.06.2026
über Micha 7,18-20 (Lut17); gehalten zu einem Sakramentsgottesdienst im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Der Predigttext Micha 7,18-20 (Lut17) wurde als alttestamentarische Lesung wiedergegeben.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
in einer früheren Gemeinde gab es einen treuen Kirchgänger. Er hat mich und andere Pfarrer regelmäßig darauf hingewiesen: „Erst machen Sie in der Predigt die Leute schlecht, reden ihnen Sünden ein, ziehen alles runter… und dann setzen Sie die frohe Botschaft drauf.“ … mein Eindruck ist: im ersten Moment hatte der Mann recht… mir geht es auch ganz oft so… gar nicht mal so, wenn ich Predigten höre, aber wenn ich mir die Predigttexte anschaue, über die so im Lauf des Kirchenjahrs vorkommen.
Mir fällt auf: da gibt es einen Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und vielen Bibeltexten. Auf der einen Seite, also das, was ich empfinde… oder was dieser Mann aus meiner ehemaligen Gemeinde empfindet … nämlich… „eigentlich ist doch alles gut“… „ich fühle mich mit mir im Reinen“… und auf der anderen Seite das, was manche biblischen Texte erzählen oder voraussetzen – so wie dieser Schluss aus dem Micha-Buch, den wir vorhin als Lesung gehört haben …. da ist die Schuld oder die Sünde … Menschen sind schuldig oder haben gesündigt.
Ich frage mich: verdränge ich im Alltag meine Schuld? Bin ich unsensibler als z.B. dieser Micha? Interessiert die Schuld oder Sünde nicht? Oder bin ich vielleicht wirklich mit mir, anderen oder mit Gott im Reinen? In anderen Worten: ist da diese Schuld schon erlassen – um mit Micha zu sprechen?
Vermutlich spielt all das eine Rolle… aber dann kommt mir noch ein Gedanke: hat dieses Gefühl der Selbstgerechtigkeit – wie ich es erst einmal ohne Wertung nennen möchte – nicht etwas mit Gottferne zu tun? Denn wie soll ich Sünde empfinden, wenn ich nicht glaube, dass Regeln und Verhaltensnormen von Gott kommen? Und genau hier kommt es dann zu einem Problem… denn, wenn ich keine Sünde empfinde, bleibt in bestimmten Lebenslagen trotzdem die Schuld bestehen. Und Schuld kann nur bedingt beglichen werden… ich kann um Entschuldigung bitten, ich kann Strafe zahlen, ich kann eine Schuld im Gefängnis verbüßen… aber die menschliche Verwerfung… der Schmerz dahinter bleibt… mein Schamgefühl… die Angst… das kann ich doch nicht einfach so bei Seite schaffen.
Ich erinnere mich an eine ganz liebe Freundin in Rom aus meinen Studienzeiten. Da gab es einen Bruch in unserer Beziehung. Weil ich dann bald wieder nach Deutschland zurückgegangen bin, konnten wir das nie so richtig klären. Sie ist vor wenigen Jahren gestorben. Ich konnte das nicht mehr mit ihr klären und denke manchmal mit Wehmut daran. Hier komme ich nicht weiter… hier brauche ich etwas, das an die Stelle eines klärenden Gesprächs rückt… ein gegenüber… ein Gebet… und ein Satz… „es ist trotzdem alles gut“… nur wie?
Und genau dafür braucht es Vergebung, die mir zugesprochen werden muss… von einem anderen, von meinem Nächsten… und wenn es eben nicht mehr geht vor allem von Gott selber.
Zurück zur Ausgangsbeobachtung: Dieser Mann aus meiner Gemeinde hatte wohl recht… er empfindet zunächst keine Schuld… und empfindet die Konfrontation mit manchen biblischen Texten als Einreden von Schuld. Ich frage erneut: verdrängt er im Alltag seine Schuld? Ist er unsensibler als z.B. dieser Micha? Interessiert ihn die Schuld oder Sünde normalerweise nicht? Oder ist er vielleicht wirklich mit sich, anderen oder mit Gott im Reinen?
Ich weiß das natürlich jetzt nicht… aber ich glaube, dass dieser Mann da nicht ganz alleine ist… so geht es vielen Menschen in unserer Gesellschaft… denken Sie an Schuld oder Sünde… Schuldeingeständnis heißt ja Schwäche… der eigene falsche Stolz wird gebrochen… na ja und dann natürlich diese tiefe Angst… vor der Konfrontation mit den anderen… mit sich selbst… Und so igeln sich die Menschen in ihre eigene Selbstgerechtigkeit ein… keine Schwäche zeigen… immer professionell wirken oder gar sein wollen… mit allen Mittlen… sich selbst immer von der Sonnenseite zeigen… Und im schlimmsten Fall: aus Ohnmacht all dieser Egomanie gegenüber, brutal werden… andere Menschen, schwächere Menschen runtermachen… so viel Hass, den ich wahrnehme…
Wir leben in einer Welt, in einer Gesellschaft, die oft vergessen hat, dass es persönliche Schuld gibt, ja Sünde gibt… sie wird verdrängt… weil sie nicht schön ist… und die eigene Ohnmacht aufzeigt. Sie taugt nicht zur glänzenden Selbstdarstellung… als Foto oder Kurzvideo… sie kratzt am eigenen Rollenbild… sie kann nicht so recht für berufliche Karriere in Anspruch genommen werden….
Und diese Schuldvergessenheit hält uns die Weltbühne oder die Nachrichten täglich vor Augen… die Länder rüsten auf wie in den tiefsten Zeiten des Kalten Krieges… 86 Milliarden EUR beträgt der Verteidigungsetat unseres Landes 2025 insgesamt… nur um den Machtfantasien einiger Weniger, gepaart mit schuldvergessenen Gesellschaften im Hintergrund, etwas entgegenzusetzten… was für eine Hybris… was für ein Irrsinn…
Mich erinnert das an die gigantische Starwars-Saga…. Diese Bösen Siths… die sich aus Angst vor ihrer eigenen Courage immer mehr in ihre Bösartigkeit einigeln… ihre Angst verdrängen und dann irgendwann mit gewaltigen und brutalen Heeren die Galaxis mit Gewalt und Krieg überziehen… auf der anderen Seite kleine Gruppe von Freiheitsliebenden, die sich gegen diesen Wahnsinn zur Wehr setzen… eine fantastisch-krude Erzählung – wie ich finde… weil sie genau dieses Verhältnis von Schuld und fehlender Vergebung abbildet (auch wenn diese Versöhnungen zwischen Vater und Sohn in der Erzählung auch eine wichtige Rolle spielen wird).
Liebe Gemeinde,
der Prophet Micha hat genau solche ausartenden sozialen Ungleichheiten angeprangert: in seiner Zeit wurden Kleinbauern durch eine kleine Oberschicht von Superreichen ausgebeutet... ihre Geld und Machquellen die damaligen Großreiche in Assyrien, Mesopotamien und Ägypten… sie hatten sich selbst mehr im Blick hatten als ihre Mitmenschen und Gott… Und Micha kritisiert das. Er erinnert die Leute beharrlich: „dadurch ladet ihr euch Schuld auf und am Ende natürlich auch die Sünde… weil ihr Gott nicht mehr im Herzen habt…“
Sie sind heute hier… Sie öffnen sich hoffentlich für Gott und sensibilisieren sich dafür, sich auch der eigenen Schuld zu stellen… ja, ihre persönlichen Sünden… und damit überwinden Sie vielleicht diesen Spagat vom guten Alltagsgefühl hin zum Schuldeingeständnis… Sie merken: es geht also gar nicht um das „Schlechtreden“ – wie es dieser Mann gesagt hat… sondern um das Annehmen, dessen, was zu jedem Menschen dazu gehört… und aus welchen Gründen auch immer verdrängt wird…
Und gleichzeitig denke ich mir… wo sind die ganzen anderen Leute… diese Selbstgerechten (hier jetzt mit Wertung), diese Vielen, die in unserer Zeit die Kirche meiden… hat Gottvergessenheit nicht doch auch etwas mit Schuldverdrängung zu tun? … aber wo werden diese Menschen dafür sensibilisiert? … und vor allem… wo wird all diesen Leuten Vergebung zugesprochen? Auf der einen Seite die Stolzen, die Selbstgerechten… von denen es meiner Meinung nach viel zu viele in dieser Welt gibt… auf der anderen Seite aber doch auch die vielen Menschen, die an ihrer Schuld zerbrechen oder schon ganz unten sind (so wie der Sohn aus dem Gleichnis im Evangelium Lk 15) … diesen Leuten würde ich eigentlich gerne Vergebung zu sprechen… sie sind nicht da…
Und damit sind wir endlich inmitten des heutigen Predigttextes angelangt… Gott erlässt die Schuld, er vergibt die Sünde… aber das geht eben nur, wenn ich ihn in meinem Leben zulasse… meinen Stolz und meine Angst überwinde…
Und dann passiert etwas Wunderbares… Micha beschreibt das in einem großartigen Bild… „Gott wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Ich stelle mir das so vor… da ist dieses Gefühl der Schuld… vor mir eine Klippe am Meer… so wie früher in Sorrent am Golf von Neapel, wo ich gewohnt habe…. Ich stehe auf dem Felsen… unter mir die wogenden Wellen … meine italienischen Freunde um mich… und ich springe in das blaue herrliche Wasser. Ich tauche tief ins Meer ein…. Langsam muss ich wieder an die Oberfläche zurück… ich schnelle wieder hoch… schnappe nach Luft… es ist erfrischend… meine Sünde und meine Schuld ist aber ganz, tief da unten geblieben… ich bin oben und all die schuldbeladenen Gedanken und Sorgen tauchen immer tiefer in den schwarzen Abgrund… bis sie am Meeresboden begraben sind… ich steige heraus ans steinige Ufer … erfrischt… geläutert… ich lege mich auf den warmen Felsen … die mediterrane Sonne trocknet meine Haut… ich fühle mich leicht… alles ist gut… wirklich gut!
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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