Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis, 30. August 2026

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Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis, 30. August 2026

30.08.2026

über Apostelgeschichte 6,1-7 (Lut17); gehalten im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Lesung des Predigttextes Apostelgeschichte 6,1-7

Liebe Gemeinde,

wie gut kann ich mir diese Szene vorstellen: Jesus war in den Himmel aufgefahren. Die Gemeinde in Jerusalem musste lernen, ohne die unmittelbare Gegenwart ihres Herrn ihren Weg zu finden. Verantwortlichkeiten mussten geklärt werden, die Versorgung Bedürftiger musste organisiert werden und die Aufgaben innerhalb der Gemeinde mussten sinnvoll verteilt werden.

Sicher war da auch große Freude, denn die Gemeinde wuchs. Immer mehr Menschen fanden zum Glauben. Die Verheißung Jesu vom Heiligen Geist schien sich sichtbar zu erfüllen.

Aber wie das eben ist, wenn viele Menschen zusammenkommen: Da treffen unterschiedliche Erfahrungen, Gewohnheiten und Vorstellungen aufeinander. Wo Gemeinschaft wächst, entstehen auch Spannungen. Mehr Menschen bedeuten mehr Möglichkeiten, aber eben auch mehr Reibungsflächen.

Wie ist das bei uns in Freiberg?

Freiberg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Menschen sind zum Studium hierhergezogen, andere wegen ihrer Arbeit, manche sind nach Jahren wieder zurückgekehrt. Die Stadt ist geprägt von ihrer langen Bergbautradition und zugleich von der Technischen Universität, von alteingesessenen Familien ebenso wie von Studierenden und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern.

Auch in unseren Kirchgemeinden erleben wir diese Unterschiedlichkeit. Da gibt es Menschen, die seit Jahren treu dabei sind, die Verantwortung übernehmen und Gemeinde mittragen – ich erinnere an das gestrige Gemeindefest und den Ehrenamtsdank. Und da gibt es andere, die nur gelegentlich erscheinen oder erst neu hinzugekommen sind. Manche fühlen sich sofort zuhause, andere suchen noch ihren Platz.

Wie gehen wir miteinander um? Welche Gruppen geraten vielleicht aus unserem Blick? Wer wird gehört und wer eher übersehen?

Zurück nach Jerusalem: Dort führten die Spannungen schließlich zu offenem Protest. Die griechischsprachigen Juden beklagten sich darüber, dass ihre Witwen bei der täglichen Versorgung benachteiligt wurden.

Wenn wir diese Situation mit unserer heutigen vergleichen, fallen zunächst einige Unterschiede auf.

Der erste Unterschied betrifft die soziale Situation.

Die Witwen der damaligen Zeit gehörten zu den besonders gefährdeten Menschen der Gesellschaft. Oft hatten sie keine eigene Existenzgrundlage und waren auf die Unterstützung anderer angewiesen. Deshalb mahnt die Bibel immer wieder, gerade sie nicht zu vergessen.

Heute leben wir in einem Sozialstaat. Viele Risiken werden durch soziale Sicherungssysteme abgefangen. Das ist ein großes Geschenk und ein Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung.

Und doch wäre es zu einfach zu sagen: Damit ist das Thema erledigt.

Auch heute gibt es Menschen, die einsam sind, die mit ihren Sorgen allein bleiben, die finanziell oder seelisch an ihre Grenzen kommen. Es gibt ältere Menschen, die selten Besuch bekommen. Es gibt Alleinerziehende, die sich durch den Alltag kämpfen. Es gibt Menschen, die sich trotz vieler Kontakte isoliert fühlen.

Die Versorgung der Witwen war damals nämlich nicht nur eine Frage von Brot und Lebensmitteln. Es ging auch um Aufmerksamkeit, um Würde und um persönliche Zuwendung.

Genau das bleibt bis heute unsere Aufgabe. Christliche Nächstenliebe erschöpft sich nicht in Strukturen und Einrichtungen. Sie lebt von Begegnungen. Sie lebt davon, dass Menschen füreinander Zeit haben. Dass jemand nachfragt, zuhört, besucht und Anteil nimmt.

Der zweite Unterschied scheint zunächst ebenso offensichtlich.

Die Gemeinde in Jerusalem wächst. Unsere Gemeinden erleben dagegen vielerorts das Gegenteil. Kirchenaustritte, demografischer Wandel und die zunehmende Distanz vieler Menschen zur Kirche prägen unsere Gegenwart.

Und doch glaube ich, dass die Herausforderungen gar nicht so unterschiedlich sind.

Gerade im Kirchenbezirk und im Kirchgemeindebund Freiberg erleben wir zurzeit tiefgreifende Veränderungen unter dem Stichwort „Kirche im Wandel“. Kirchgemeinden arbeiten enger zusammen als früher. Aus einzelnen Gemeinden sind größere Einheiten entstanden. Haupt- und Ehrenamtliche tragen Verantwortung für mehrere Orte gleichzeitig. Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen sowie Kirchenmusiker sind oft nicht mehr nur an einem Ort tätig, sondern begleiten Menschen in einem ganzen Netz von Gemeinden.

Das bringt viele Chancen mit sich. Kräfte können gebündelt werden, Zusammenarbeit wird möglich, und manche Aufgaben lassen sich gemeinsam besser bewältigen – so wie bei unserem gemeinsamen Konfi-Kurs mit Petri und Oberschöna-Langhennersdorf. Wir haben gestern einen wunderbaren gemeinsamen Konfitag durch Freiberg erlebt. Zugleich wächst bei vergrößerten Strukturen aber die Gefahr, dass einzelne Menschen aus dem Blick geraten. Die Wege werden länger. Man begegnet sich seltener zufällig im Alltag. Nicht jeder kennt jeden.

Gerade deshalb ist die Botschaft unseres Predigttextes so aktuell. Die Apostel fragen letztlich: Wie kann eine Gemeinde wachsen und zugleich persönlich bleiben? Wie kann jeder wahrgenommen werden?

Diese Frage stellt sich auch uns. Es darf niemand übersehen werden. Weder die Menschen in den Stadtteilen Freibergs noch diejenigen in den umliegenden Orten unserer Region. Weder die treuen Gottesdienstbesucher noch die, die nur selten kommen. Weder die Hochbetagte im Pflegeheim noch die junge Familie, die gerade ihren Platz sucht.

Gemeinde lebt davon, dass Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Gerade in größeren Strukturen wird die Aufmerksamkeit füreinander wichtiger. Das, was früher vielleicht selbstverständlich durch Nähe geschah, muss heute oft bewusst gepflegt werden.

Genau hier setzt die Lösung der Apostel an.

Die Zwölf sprechen ihre Überforderung offen aus. Sie erkennen: Wir können nicht alles allein leisten.

Das ist bemerkenswert. Sie verstecken ihre Grenzen nicht. Sie versuchen nicht, jede Aufgabe selbst zu übernehmen.

Stattdessen wird Verantwortung verteilt.

Sieben Menschen werden ausgewählt, die einen guten Ruf haben und voller Geist und Weisheit sind. Ihnen wird die Aufgabe übertragen, für die praktische Sorge in der Gemeinde Verantwortung zu übernehmen.

Dadurch gewinnen die Apostel Freiraum für Gebet und Verkündigung.

Und die Gemeinde profitiert insgesamt davon.

Das ist bis heute ein wichtiges Prinzip kirchlicher Arbeit.

Kirche lebt nicht von Einzelnen, sondern vom Miteinander vieler Begabungen. Gemeinde lebt von Menschen, die Gottesdienste vorbereiten, Besuchsdienste übernehmen, Seniorenkreise begleiten, in Chören mitsingen, Kinder unterrichten, Gemeindefeste organisieren oder ganz einfach für andere da sind. Und klar: dadurch entstehen natürlich auch Reibungsflächen.

Viele dieser Dienste geschehen schon jetzt ehrenamtlich. Aber ohne sie könnte Kirche nicht bestehen.

Zugleich erinnert uns die Apostelgeschichte daran, dass die praktische Nächstenliebe kein Nebenschauplatz der Kirche ist. Sie gehört zu ihrem Wesen.

Wo Menschen füreinander sorgen, wird Gottes Liebe sichtbar.

Wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wird das Evangelium glaubwürdig.

Und schließlich fällt auf: Lukas erzählt diese Geschichte nicht einfach, um uns etwas über gute Gemeindeleitung beizubringen.

Denn wenn wir in der Apostelgeschichte weiterlesen, merken wir: Mit der Wahl der Sieben endet die Geschichte nicht, sie beginnt eigentlich erst.

Unmittelbar danach tritt Stephanus in den Mittelpunkt, einer der sieben Männer, die für diesen Dienst ausgewählt wurden. Und später begegnet uns Philippus, ebenfalls einer der Sieben. Beide werden zu wichtigen Zeugen des Evangeliums.

Das ist bemerkenswert. Die Gemeinde sucht zunächst eine Lösung für einen Konflikt. Sie verteilt Verantwortung, damit niemand übersehen wird. Doch Gott macht daraus weit mehr. Aus einem Dienst an den Menschen wird ein Zeugnis für Christus. Aus einer organisatorischen Entscheidung entsteht neue Bewegung.

Am Ende unseres Predigttextes heißt es deshalb: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.“

Das Wachstum geschieht nicht trotz des Konflikts, sondern nachdem die Gemeinde ihn ernst genommen und gemeinsam bearbeitet hat. Wo Menschen aufeinander achten, Verantwortung teilen und sich vom Geist Gottes leiten lassen, eröffnet Gott neue Wege.

Vielleicht ist das auch für unsere Kirche heute eine wichtige Ermutigung. Wir erleben Veränderung. Vieles wird neu geordnet. Manches ist ungewohnt. Nicht alles gelingt auf Anhieb.

Aber die Apostelgeschichte erinnert uns daran: Gottes Geschichte mit seiner Kirche hängt weder an einzelnen Menschen, noch an bestimmten Strukturen. Der auferstandene Christus selbst führt seine Gemeinde.

Die Apostelgeschichte endet deshalb auch ganz bewusst offen. Das Evangelium ist am Ende des Buches angekommen in Rom, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.

Denn Gott schreibt sie weiter. Auch hier in Freiberg. Auch in unseren Gemeinden. Auch durch die Menschen, die bereit sind, ihre Gaben einzubringen und aufeinander Acht zu haben.

Darum dürfen wir zuversichtlich bleiben. Der Herr, der seine Gemeinde damals geführt hat, führt sie auch heute.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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