Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis, 29. August 2021

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Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis, 29. August 2021

29.08.2021

zu 1. Mose 4, 1 - 16a; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Angeklagter, nun schildern Sie mal die Dinge aus Ihrer Sicht, sagte der Richter. Die Anklage der Staatsanwaltschaft war verlesen worden. Sie lautete auf Mord.
Es war da so eine Wut in mir, antwortete der Angeklagte. Mein jüngerer Bruder Andreas ist immer bevorzugt worden. Wie das bei den Kleinen immer ist. Er durfte immer alles von selbst, was ich mir mühsam erkämpfen musste. Und während ich immer vernünftig sein sollte, konnte er ruhig mal über die Stränge schlagen. Er war ja der Kleine. Ich musste als Jugendlicher spätestens um 22:00 Uhr zu Hause sein, während es bei ihm niemanden störte, wenn er nach Mitternacht noch nicht im Bett lag.
Ja, aber deswegen bringt man doch seinen Bruder nicht um.
Deswegen nicht. Da kam ja noch manches hinzu. Beispielsweise hat er mir die Freundin ausgespannt. Sie war in seinem Alter, sehr hübsch, ich war total verliebt. Aber seine unbeschwerte und manchmal geradezu leichtsinnige Art fand sie faszinierend. Ich wäre immer so ernst, sagte sie.
Auch das erklärt ihr Verhalten nicht.
Ich bin ja auch noch nicht am Ende. Als wir dann erwachsen waren, übernahm er von meinem Vater die Fleischerei und machte daraus eine kleine Fabrik für vegane Wurst. Er war dabei sehr erfolgreich. Nicht zuletzt, weil mein Vater ihm half, wo er nur konnte. Ich dagegen führte die kleine Landwirtschaft allein fort – auf Drängen meiner Mutter, denn die Felder hatten ihrem Vater gehört. Die Flächen waren viel zu klein. Ich versuchte es mit der Umstellung auf biologisches Wirtschaften, aber die Umstellung ist sehr schwierig. In der Übergangszeit hat man niedrige Erträge, die aber noch nicht als biologisch anerkannt werden. Flächen hinzukaufen konnte ich auch nicht. Ich war kurz vor dem Ruin. Da kam eines Tages mein jüngerer Bruder in seinem großen Pick-up angefahren und hielt mir vor, ein Versager zu sein. Er protzte mit seinem guten Einkommen und beschimpfte mich, was ich doch für eine Niete wäre. Da hat mich die angestaute Wut, die ich ohnehin hatte, so gepackt, dass ich einfach zugeschlagen habe. Ich wollte es nicht, aber er fiel um und war nicht mehr ins Leben zurückzuholen. Ich wollte das nicht. Aber es ist passiert.
Danke, Herr Angeklagter. Wir rufen nun den nächsten Zeugen auf.
… Aufgestaute Emotionen können eine ungeheure Macht über einen Menschen bekommen
, sagte der Psychiater. Er sollte sein Gutachten erläutern. Mich erinnert das immer wieder an die biblische Geschichte von Kain und Abel. Ich weiß nicht, ob Sie die kennen, Hohes Gericht.
Ich bin da nicht so bewandert.
Da wird die Sünde als eine Macht beschrieben, die man kontrollieren muss, damit sie nicht Macht über einen gewinnt. Dem Kain gelingt es nicht. Er erschlägt seinen Bruder Abel. Ähnlich, wie es hier in diesem Fall auch geschehen ist. Der Angeklagte war in diesem Augenblick nicht Herr seiner selbst.
… Na, wie wird das Urteil ausfallen
, fragte der eine Nachbar die beiden anderen. Sie waren als Zeugen geladen gewesen und hatten nun in der Pause Zeit für einen Kaffee.
Aus meiner Sicht war das ganz klar Mord. Nun kann Klaus den Betrieb von Andreas übernehmen, wo der ja von Silvia geschieden ist und sie keine Kinder hatten. In den USA würden sie ihn auf den elektrischen Stuhl setzen. Die haben ja noch ein anständiges Rechtssystem.
Na, hör mal. Das ist doch eine ganz primitive Rache, die die da drüben ausüben. Da ist unser Rechtssystem ja wohl deutlich zivilisierter.
Ich würde ja anstelle des Richters noch ganz anders entscheiden,
sagte der andere Nachbar. Der Psychiater hat ja an Kain und Abel erinnert. Das hat mir zu denken gegeben. Kain ist von Gott mit einem Zeichen geschützt worden. Die damals übliche Blutrache sollte an ihm nicht verübt werden. Gott gab ihm eine zweite Chance. Wie wäre es denn, ihn statt für zehn Jahre ins Gefängnis, für zehn Jahre in die Betreuung von Gewaltopfern zu schicken. Nachts könnte er ja in der Zelle schlafen. Da würde er auch etwas wieder gutmachen können und im Umgang mit den Opfern vielleicht auch besser lernen, seine Emotionen zu kontrollieren.
Träum weiter. So läuft es nicht. Der muss schon ein paar Jahre hinter schwedische Gardinen.

… Jahre später saß das Paar in der Kneipe an dem Tisch, an dem sie sich durch einen Kollegen kennengelernt hatten. Der Tag, als ich wieder aus dem Gefängnis kam, war keineswegs ein erfreulicher Tag, sagte er. Ich hatte kein Zuhause mehr. Meine Frau hatte sich scheiden lassen und den Betrieb gab es nicht mehr. Meine Eltern hatten sich von mir abgewendet. Ich stand vor dem Nichts. Da bin ich hierhergezogen und habe ein neues Leben angefangen. Hier kannte ja niemand meine Vorgeschichte.
Warum erzählst du mir das heute?
fragte sie ihn und hatte eine sehr nachdenkliche Miene.
Weil ich denke, dass mehr aus uns beiden werden könnte als nur eine lose Bekanntschaft. Da will ich Dir meine Vergangenheit nicht mehr verheimlichen. Ich könnte mit der Lüge nicht leben und du würdest es eines Tages ohnehin herausbekommen. Nun weißt Du alles. Gibst Du mir und uns eine Chance?

Liebe Gemeinde,
Konflikte wie der zwischen Kain und Abel begegnen uns immer wieder in unserem Alltag. Allerdings enden – Gott sei Dank – diese Rivalitäten nur in extremen Ausnahmefällen mit einem Mord. Die Geschichte von Kain und Abel will ja auch kein Kriminalroman sein. Sie will uns vielmehr erklären, woher Konflikte zwischen uns Menschen herrühren. Nicht selten geht es um Anerkennung: Anerkennung durch die Eltern, die Gesellschaft, die Vorgesetzten, vielleicht auch die Anerkennung, die Gott uns schenkt. Der eine bekommt mehr Anerkennung als die andere. Oder die eine mehr als der andere. Daraus können dann ganz leicht negative Emotionen, die ungute Gefühle entstehen. Auch wenn sie nicht mit Mord und Totschlag enden, entsteht nichts Gutes daraus.
Gott, so erzählt es uns die Geschichte von Kain und Abel, verhindert das Böse nicht. Zwar sagt er zu Kain er solle sich seinen Mordphantasien nicht ausliefern, die Sünde solle keine Macht über ihn gewinnen. Aber Gott hindert ihn nicht an seinem bösen Tun. Wir Menschen sind frei, uns der Sünde auszuliefern. Aber Gott – so sagt es diese alte Erzählung – begrenzt doch die Folgen unseres sündigen menschlichen Handelns. Kain bekommt ein Zeichen aufgemalt. Das soll ihn vor der Blutrache schützen. Das Blutvergießen soll kein weiteres Blutvergießen nach sich ziehen.
In der christlichen Tradition wird dieses Zeichen oft als Kreuz interpretiert. Das Kreuz ist ja auch ein Symbol für eine zweite Chance. Christus eröffnet uns Menschen die Möglichkeit, auch als schuldige Menschen in einer Beziehung mit Gott zu leben. Er schenkt uns immer wieder die Möglichkeit, von vorn anzufangen, Konflikte zu lösen, Streit zu beenden, dem anderen eine zweite Chance zu geben. Nicht immer gelingt uns das. Manchmal gewinnt die Sünde eben auch im Zeichen des Kreuzes noch Macht über uns. Manchmal lassen sich Konflikte nicht lösen, weil die Menschen zu unterschiedlich sind, nicht zusammenpassen, Erfahrungen zu gegensätzlich sind oder die Rivalität zu groß ist. Wenn eine Versöhnung nicht möglich zu sein scheint, gibt es manchmal nur noch die Möglichkeit auseinander zu gehen. Aber auch das gibt dann beiden eine zweite Chance, die Möglichkeit zu einem Neuanfang und durch den Abstand auch eine Möglichkeit zum Frieden.
Im Zeichen und im Licht des Kreuzes Jesu können Konflikte das Leben jedenfalls nicht bestimmen; brauchen sie nicht zu eskalieren; kann es nicht mehr zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen. Im Zeichen des Kreuzes ist Vergebung mehr als nur eine Option. Im Zeichen des Kreuzes verdient jeder Mensch eine zweite Chance und sollte sie bekommen.
Ich muss erst einmal darüber nachdenken, antwortete sie. Was du mir da erzählt hast, passt gar nicht zu dir. Das klingt nicht nach dem Mann, dem ich seit letztem Jahr innerlich immer nähergekommen bin. Aber dass Du mir die Wahrheit gesagt hast, passt wiederum zu Dir und es spricht für Dich. Gib mir ein wenig Zeit, das alles zu verdauen. Gib uns ein wenig Zeit… Sie nahm ihre Kette mit dem kleinen goldenen Kreuz ab und legte sie ihm um den Hals. Dann ging sie…
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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