Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis, 22. August 2021

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Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis, 22. August 2021

22.08.2021

zu Markus 7, 31 - 37; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
sie konnte im hohen Alter erst fast nichts und dann nichts mehr hören. Die Kontakte zu anderen Menschen wurden auf diese Weise schwer bis unmöglich. So lernte sie es noch, mit dem Rechner umzugehen und E-Mails zu schreiben. Vorher hatte sie den Kontakt zu Freunden und Verwandten in der Ferne per Fax halten müssen. Das Telefon stand ihr als Kommunikationsmittel schon lange nicht mehr zur Verfügung. Meiner Mutter schenkten wir aus diesem Grund erst vor kurzem noch ein neues Fax. Sie wollte mit ihrer Freundin auf diese Weise in Kontakt bleiben.
Wir können froh sein, dass wir heute manche Hilfsmittel gegen die Taubheit haben. Von den modernen Kommunikationsmitteln, über Hörgeräte, Induktionsschleifen unter den Kirchenbänken bis hin zu den neuen Cochlea-Implantaten. Mit Letzteren ist ein Kontakt zu den Menschen in einer dem normalen Hören sehr ähnlichen Form wieder möglich. Das ist ein kaum zu ermessender Fortschritt.
Denn Blindheit trennt einen zwar von der stummen Welt. Ich sehe beispielsweise keine bunten, blühenden Blumen mehr. Taubheit dagegen trennt einen von den Menschen. Ich kann mich nicht oder nicht mehr mit ihnen verständigen. Gespräche sind fast nicht möglich. Es gibt keine oder nur eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten. Ich sitze zwischen all den Feiernden und verstehe nicht ein Wort, von dem, was sie reden. Wer schwerhörig oder taub ist, dem fehlen darum viele Beziehungsmöglichkeiten. Schwerhörigkeit oder Taubheit kann sehr einsam machen. Bis dahin, dass viele dann nicht mehr in den Gottesdienst gehen, weil sie nichts verstehen. Dabei können unsere Induktionsschleifen zumindest denen helfen, die ein Hörgerät haben.
Taubheit trennt einen von der sprechenden Welt. Sie behindert oder verhindert Beziehungen. Zur Zeit Jesu war das noch in einem viel stärkeren Maße der Fall. Das lag nicht nur daran, dass es für Schwerhörige oder Taube keine Hilfsmittel gab. Taube hatten nicht nur Schwierigkeiten, sich mit anderen Menschen zu verständigen. Sie waren zudem als Kranke auch vom Gottesdienst im Tempel ausgeschlossen. Sie waren kultisch unrein. Ihre Taubheit behinderte und unterbrach also nicht nur die Beziehung zu anderen Menschen. Sie unterbrach auch die Beziehung zu Gott. Wer taub war, gehörte auch in religiöser Hinsicht nicht dazu.
Das Markusevangelium erzählt uns von einem solchen tauben Menschen. Er ist nicht nur taub. Weil er taub ist, kann er auch nicht richtig sprechen. Er kann ja nicht hören, was er sagt. Er hat keine Kontrolle über seine Worte. Offensichtlich aber hat er dennoch Menschen, die sich mit ihm verbunden fühlen. Denn sie bringen ihn zu Jesus. Sie hoffen, dass er ihm helfen und ihn heilen kann. Durch das Auflegen der Hände soll er die gestörten Möglichkeiten, zu anderen Menschen in Beziehung zu treten, heilen.
Jesus legt ihm aber nicht die Hand auf. Er kommt dem Tauben körperlich in einer viel intimeren Weise nahe. Wir würden das bei einem Fremden sicherlich als Grenzverletzung empfinden, was Jesus mit dem Tauben macht. Aber einerseits müssen Ärzte oder Heiler unsere Grenzen der Scham, manchmal auch unsere körperliche Unversehrtheit verletzen, um heilen zu können. Andererseits wird gerade durch diese intimen Berührungen deutlich: Jesus tritt zu dem Mann in eine Beziehung. Gottes Zuwendung, für die Jesus steht, gilt diesem Mann nicht weniger als den Hörenden. Sie bekommt hier eine leibliche Gestalt.
Was Jesus konkret macht, erzählt uns Markus. Er legt dem Tauben die Finger in die Ohren. Dann befeuchtet er seine Finger mit Speichel und befeuchtet damit die Zunge des Stammelnden. Als er dann zum Himmel schaut und Gott um Heilung bittet, kann der Taube wieder hören.
Diese Heilungswunder sind für uns heute schwer zu verstehen. Darum gibt es eine Vielzahl von Erklärungsmöglichkeiten. Die einen sagen, Jesus habe mit seinen Fingern eine Verstopfung in den Ohren beseitigt und die trockene Zunge mit seinem Speichel angefeuchtet. Andere sagen, in der Antike seien solche Heilungen nicht ungewöhnlich gewesen; sie würden auch von anderen Menschen berichtet. Wieder andere sehen darin ein Zeichen der Göttlichkeit Jesu. Die Heilige Schrift zwingt uns weder zu dem einen noch zu dem anderen Verständnis. Wichtig ist ihr auch etwas ganz anderes. Die Umstehenden formulieren es: „Er hat alles wohl gemacht. Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.“
Jesus macht alles gut. Alles wird heil. Mit Menschen wie dem Tauben fängt es an. Er wird geheilt. Dabei betrifft seine Heilung viel mehr als nur seine Ohren. Er kann wieder hören, was die Menschen zu ihm sagen und ihnen antworten. Er kann wieder in Beziehung zu Menschen treten. Er ist nicht mehr ausgeschlossen. Er ist auch nicht mehr vom Tempel oder der Synagoge ausgeschlossen. Er gehört wieder zu Gemeinde. Er kann zu Gott beten, ihn loben und preisen. Er braucht keine Angst mehr zu haben, dass Gott ihn abweist. Er ist wieder integriert. Er gehört wieder dazu. Jesus hat ihn wieder hineingenommen in die Gemeinschaft der Menschen und die Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater.
Wir leben heute in einer Zeit, in der eine fehlende Hörfähigkeit auch Beziehungen und Gemeinschaft zerstört. Gerade die Corona-Epidemie hat das hervorgebracht – bis hinein in manche Familien und Gemeinden. Vielleicht hat sie es auch nur öffentlich zutage treten lassen oder verstärkt. Ein Beispiel für diese fehlende Hörfähigkeit sind die Vorkommnisse neulich im Tivoli, als sich der Ministerpräsident den Fragen der Bürger gestellt hat. Da gab es Menschen, die wollten nicht fragen und auch die Antworten nicht hören. Die wollten einfach nur ihrem Unmut über die Schutzmaßnahmen Luft verschaffen und schreckten dabei vor Randale nicht zurück. Umgekehrt machen sich bei manchen, die diese Maßnahmen für notwendig halten, auch Ermüdungserscheinungen breit. Hat es noch einen Sinn aufeinander zu hören? Wenn in einem Faltblatt steht, dass das Virus praktisch nicht tödlich sei. Will ich noch darauf hören, was die Autoren des Faltblatts sagen, der ich etliche Coronatote bestattet habe? Würden sie umgekehrt noch hören wollen, was ich zu entgegnen hätte? – Vielleicht wäre es ein Ansatz, über die wechselseitigen Ängste ins Gespräch zu kommen? Macht dem einen das Virus so viel Angst, dass er seine Gefährlichkeit leugnen muss? Macht es der anderen so viel Angst, dass sie mögliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen einer Impfung vernachlässigt? Unter Christen sollte es eigentlich möglich sein, ein solches Gespräch zu führen. In der Verbundenheit des Glaubens mit dem, der uns Ohren zu hören und die Zunge öffnet, um zu sprechen. In der Verbundenheit des Glaubens mit dem, der uns hineinnimmt in die Gemeinschaft mit ihm und untereinander. Jesus öffnet einen Weg, aufeinander zu hören. Ob wir diesen Weg allerdings gehen, ist eine ganz andere Frage.
Jesus jedenfalls öffnet uns die Ohren. Wir können im Glauben aufeinander hören und Gemeinschaft haben; Christus öffnet uns nicht zuletzt die Ohren, auf Gott zu hören. Der Taube war ja auch von der Beziehung zu Gott abgeschnitten. Jesus heilt auch diese Störung. Der nun Hörende ist wieder Teil der Gemeinschaft mit Gott. Er darf wieder am Gottesdienst teilnehmen und kann dort auf Gottes Wort hören.
Wir leben jetzt in einer vergleichsweise unruhigen Zeit. Verwerfungen sind an der Tagesordnung. Im Glauben an die heilenden Kräfte Jesu Christi ist es darum besonders wichtig, immer wieder neu auf Gott und sein Wort zu hören – in der Stille, im Gebet, im Traum, im Nachdenken über ein Problem, nicht zuletzt im Gespräch mit anderen Christen, in der Feier des Gottesdienstes oder auf eine andere Weise. „Die Tauben macht er hören:“ Damit sind auch wir gemeint – gerade auch in unserem Verhältnis zu Gott. Hören wir hin: Was ist jetzt für uns dran? Welchen Weg will Gott uns führen – als Menschen, als Teil unserer Familie, als Kirche, als Land? Wie sollen wir uns verhalten? Gerade in dieser krisenhaften und unruhigen Zeit ist es wichtig, zu hören, was Gott uns mitteilen will. Wer, wenn nicht er, weiß einen Weg für uns, wenn wir keinen mehr finden? Darum ist es gut, wenn wir nicht zuletzt im Gottesdienst uns immer wieder dem Wort Gottes aussetzen, es hören und uns von ihm anrühren und bewegen lassen.
„Er hat alles wohl gemacht. Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.“ Hören wir auf ihn, auf Jesus Christus, und reden darüber miteinander!
Amen.

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