16.08.2026
über Lukas 18,9-14 (Lut17); gehalten im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Der Predigttext Lukas 18,9-14 (Lut17) wurde als Evangelium verlesen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
ich stelle mir vor: gewaltige Fundamentmauern aus Sandstein. Ein riesiges Plateau, flimmernd in der Hitze des Mittelmeerraums. In der Mitte eine weitere hohe Mauer, ein Vorhof mit seinen Eingängen. Dahinter, erhöht und ehrfurchtgebietend, das Allerheiligste.
Menschenmassen strömen über das Damaskustor zu den Anhöhen des Zions. Begleitet werden sie von Opfertieren, Gesängen und Gesprächen. Auf dem Tempelplatz stehen Viehhändler und Geldwechsler bereit. Da sind Menschen mit Schweiß auf der Stirn und Wallfahrtsliedern auf den Lippen. Strenggläubige Juden und Jüdinnen ebenso wie einfache Leute, die mit den Einzelheiten der liturgischen Handlungen vielleicht weniger vertraut sind. Da sind neugierige Menschen, gläubig, aber nicht fest in der jüdischen Tradition verwurzelt. Dazwischen römische Soldaten, die die Menschenströme lenken und zugleich fasziniert auf das heilige Treiben schauen.
Alle sind unterwegs zum Gebet am Tempel.
Wie mag sich der Pharisäer gefühlt haben?
Er kennt die Bräuche, die Liturgie und die Gebote. Vielleicht ist er von weit hergekommen. Vielleicht ist es seine erste Wallfahrt seit längerer Zeit. Er empfindet Ehrfurcht und Freude über die Begegnung mit anderen Glaubensgeschwistern. Hier, am Tempel, fühlt er sich Gott besonders nahe.
Er will Gott danken. Danken dafür, dass Gott ihn bis hierhergeführt hat. Ja, er hat die Gebote gehalten. Er hat nicht gestohlen. Er hat niemandem Gewalt angetan. Er hat seine Ehe nicht gebrochen. Er hat niemanden übervorteilt. Er fastet und entrichtet treu seine Tempelgaben.
Und dann ist da dieser andere Mann.
Ein Zöllner. Einer, der mit den Römern zusammenarbeitet. Einer, der im Ansehen vieler Menschen ganz unten steht. Vielleicht kennt er die Gebote nicht besonders gut. Vielleicht hat er sie auch missachtet. Und doch ist er hier.
Er steht zwischen all den frommen und kundigen Menschen. Unsicher. Ängstlich. Von Schuld belastet. Die Blicke der anderen lassen ihn seine Außenseiterrolle spüren. Er trägt die Kleidung eines Zöllners. Er kennt die Wallfahrtslieder nicht. Er bringt keine Opfertiere mit.
Und doch führt ihn etwas an diesen Ort.
Während er dasteht, formt sich in ihm ein einziges Gebet:
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Jerusalem vor zweitausend Jahren. Ein innerjüdischer Glaubenskonflikt, den Jesus aufgreift und zugleich deutet. Die Rollen sind bewusst zugespitzt. Hier der fromme und gesetzestreue Pharisäer, dort der gesellschaftlich verachtete Zöllner.
Doch Jesu Gleichnis will mehr sein als eine Beschreibung damaliger Verhältnisse. Es hält uns einen Spiegel vor.
Denn ich bleibe an einem Begriff hängen, den Jesus verwendet: Selbstgerechtigkeit.
Diese Selbstgerechtigkeit verbindet Jesus eng mit der Selbsterhöhung. Mit dem Bedürfnis, sich selbst in Szene zu setzen, sich über andere zu stellen und den eigenen Wert aus dem Vergleich mit den Mitmenschen zu beziehen.
Damit sind wir mitten im Kern des evangelisch-lutherischen Glaubens: der Rechtfertigung allein aus Gnade.
Kein noch so feierlicher Gottesdienst, kein noch so innig gesprochenes Gebet, kein noch so kunstvoll gespieltes Orgelstück, kein noch so rein gesungener Choral, kein noch so ehrbares Leben und keine noch so gewissenhafte Befolgung religiöser oder moralischer Regeln bringen uns Gott näher als der Glaube an seine Gnade.
Der Zöllner hat nichts vorzuweisen.
Er hat nur dieses eine Gebet:
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Man könnte versucht sein, an dieser Stelle die Geschichte auf andere Konfessionen, Frömmigkeitsstile oder bestimmte Gruppen zu beziehen. Doch damit würden wir Jesu Botschaft verfehlen. Denn die Gefahr der Selbstgerechtigkeit kennt keine Konfessionsgrenzen.
Sie betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Sie prägt auch das Zusammenleben von Menschen untereinander.
Manche Ausleger meinen, Jesu Worte beträfen ausschließlich die Glaubenden. Diese Sichtweise greift aber meines Erachtens zu kurz. Denn die Frage nach Schuld, Demut und Selbstüberschätzung ist keine Frage für religiöse Menschen allein. Sie ist eine Frage, die jeden Menschen betrifft.
Selbstgerechtigkeit und Selbstdarstellung begegnen uns überall.
In den Sommerferien war ich für drei Wochen in Polen, unter anderem in Warschau. Eine beeindruckende Metropole an der Weichsel. Politisches Zentrum des Landes und zugleich eine moderne Finanzmetropole mit zahlreichen Hochhäusern.
Mitten in diesem Geschäftsviertel hatten wir eine Ferienwohnung gemietet. Tagsüber war alles wunderbar. Nachts allerdings fiel das Schlafen schwer. Offenbar gibt es Menschen, die ihre Freude daran haben, mit aufgetunten Autos und Motorrädern durch die Straßen zu fahren.
Mich beeindruckte dabei weniger die Lautstärke als das, was sie symbolisierte. Mein Sohn begann irgendwann zu zählen: 96 Luxusfahrzeuge, darunter Porsche, Lamborghini, Bentley und Maserati. Und manche Besitzer legten offenbar großen Wert darauf, ihre Fahrzeuge auch vorzuführen.
Das Problem sind dabei nicht die Autos.
Das Problem ist die Versuchung, den eigenen Wert aus dem zu beziehen, was man besitzt, was man darstellen kann oder was andere von einem denken.
Die gleiche Versuchung begegnet uns in den sozialen Medien – um ein anderes Beispiel zu nehmen.
Dort wird Aufmerksamkeit zur Währung. Oft gilt: Je lauter die Meinung, je zugespitzter die Botschaft, je empörter die Darstellung, desto größer die Reichweite. Algorithmen lenken unsere Aufmerksamkeit und beeinflussen nicht selten unser Denken, unsere Wahrnehmung und unser Verhalten.
Am Ende steht oft die Frage: Geht es um Wahrheit? Oder geht es um Aufmerksamkeit? Geht es um den Mitmenschen? Oder um das eigene Ich?
Sie alle kennen solche Erfahrungen. Menschen, die sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Menschen, die meinen, stets im Recht zu sein.
Und doch ist die Sache nicht so einfach.
Jesu Gleichnis zeichnet bewusst in starken Kontrasten. Aber der Pharisäer ist nicht einfach der Böse. Er ist ein gläubiger Mensch. Er betet. Er fastet. Er nimmt seinen Glauben ernst.
Und auch der Zöllner bleibt nicht einfach der Gute. Wahre Buße ist nie bloß ein Gefühl. Sie möchte das Leben verändern. Sie möchte neue Wege suchen.
Ebenso verhält es sich mit der Selbstdarstellung. Nicht jeder, der ein schönes Auto fährt, ist selbstgerecht. Nicht jeder Beitrag in den sozialen Medien dient dem eigenen Ego. Viele Menschen teilen dort Kunst, Wissen, Schönheit oder hilfreiche Erfahrungen. Viele möchten andere ermutigen oder miteinander in Verbindung bleiben.
Entscheidend ist nicht die äußere Form.
Entscheidend ist die Haltung des Herzens.
Stehe ich im Mittelpunkt meines Lebens? Oder vertraue ich darauf, dass Gott im Mittelpunkt steht?
Urteile ich über andere? Oder lasse ich mich selbst immer wieder von Gottes Gnade korrigieren?
Pharisäer oder Zöllner?
Vermutlich ist das die falsche Alternative.
Denn jede und jeder von uns trägt etwas von beiden in sich. Jeden Tag stehen wir neu vor der Entscheidung: Selbstgerechtigkeit oder Demut. Selbstbehauptung oder Vertrauen. Das eigene Ego in den Mittelpunkt rücken oder Raum für Gott und den Nächsten schaffen.
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Dieses Gebet betrifft uns alle.
Ich möchte noch einmal gedanklich nach Polen zurückkehren.
Wir waren auch in Tschenstochau, dem großen katholischen Wallfahrtsort auf dem Jasna Góra.
Wieder gewaltige Mauern. Ein großes Plateau. Wieder Menschenmassen auf dem Weg zu einem Heiligtum. Pilgerinnen und Pilger strömten über die lange Aleja Henryka Sienkiewicza zum Klosterberg hinauf.
Da waren Menschen mit Schweiß auf der Stirn und Wallfahrtsliedern auf den Lippen. Da waren strenggläubige Katholiken und Katholikinnen. Da waren ganze Pilgergruppen. Menschen, die gekommen waren, um vor dem Gnadenbild der Schwarzen Madonna zu beten.
Aber da waren auch einfache Leute. Menschen, die mit den liturgischen Formen vielleicht weniger vertraut waren. Und da waren neugierige Besucher und Touristen, fasziniert vom heiligen Treiben.
Alle waren unterwegs zum Heiligtum.
Ich konnte nicht in ihre Herzen schauen. Ich weiß nicht, welche Gedanken sie bewegten. Ich weiß nicht, welche Sehnsüchte, Hoffnungen oder Gebetsanliegen sie mitgebracht hatten.
Aber ich hatte den Eindruck, dass viele von ihnen von einem echten Glauben getragen waren. Sie waren nicht gekommen, um sich selbst zu erhöhen. Sie waren nicht gekommen, um sich vor anderen zu präsentieren. Sie waren gekommen, weil sie Gott suchten.
Und wie ist das eigentlich bei uns Lutheranern?
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Das ist die Haltung, die Jesus uns mit auf den Weg gibt.
Eine Haltung, die wir annehmen können. Eine Haltung, die wir aber auch immer wieder vergessen. Und deshalb auch immer wieder scheitern. Aber mit der wir auch immer wieder zu Gott kommen können.
- Für mich ist es eine Herausforderung: Menschen vom eigenen Standpunkt begeistern und gleichzeitig aber nicht in eine Haltung der Selbstgerechtigkeit verfallen.
- Und nach meiner Wahrnehmung ist unsere Kirche immer noch viel zu sehr auf einzelne charismatische Persönlichkeiten fixiert. Wie kann Kirche in der Breite mündig werden? – getragen vom Ruf des Zöllners:
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
In jedem Fall eine bleibende Aufgabe!
Heute ist ein besonderer Gottesdienst.
Wir führen unsere neue Domkantorin, Frau Nadja Rangott, in ihr Amt ein. Bis März wird sie Albrecht Koch mit einem Stellenumfang von 50 Prozent vertreten.
Zugleich führen wir unsere neue Domküsterin, Frau Annegret Springhetti, die vielen als engagiertes Gemeindeglied bekannt ist, in ihren Dienst als zweite Domküsterin ein.
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Möge diese Haltung beide in ihrem Dienst begleiten. Möge sie ihnen Orientierung, Kraft und Demut schenken. Und möge sie auch uns als Gemeinde immer wieder daran erinnern, worauf wir letztlich vertrauen:
Es geht nicht um unsere Leistungen, unsere Frömmigkeit oder uns selbst.
Es geht allein um Gottes Gnade.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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