Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 8. August 2021

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Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 8. August 2021

08.08.2021

zu 2. Mose 19, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
es gibt gar keine Corona-Epidemie. Das alles ist nur Teil einer ganz großen und weltweiten Verschwörung. Die Politiker wollen sie nutzen, um uns unsere Freiheitsrechte wegzunehmen. Die Impfungen dienen in diesem Zusammenhang dazu, uns zu willenlosen Sklaven zu machen. Denn uns sollen kleine Chips mit den Impfungen verabreicht werden. Damit sollen wir dann gesteuert werden.
Solche oder ähnliche Gedanken bewegen zumindest einige der Menschen, die montagabends in Freiberg auf die Straße gehen. Verschwörungen wittern wir Menschen in Krisenzeiten immer gern. Wir sind dann auf der Suche nach Schuldigen, nach Sündenböcken. In vergangenen Zeiten dienten immer Juden als Sündenböcke. Im Urlaub erzählte uns ein ehrenamtlicher Kirchenführer in der Georgenkirche in Parchim in Mecklenburg, dass die Juden dort im Mittelalter wegen der Pest vertrieben worden seien. Man sah in ihnen die Schuldigen. Ihr Friedhof wurde geschändet, ihre Grabsteine nahm man als Fundament für den Bau der Kirche. Bis vor wenigen Jahren diente ein umgedrehter jüdischer Grabstein sogar als Schwelle zur Kirche.
Juden mussten immer und überall als Sündenböcke herhalten. Der Begriff des Judenpogroms stammt aus Russland. Die Nazis sahen sich im Kampf gegen die Verschwörung des Finanzjudentums. Auch die heutigen Mythen, dass die Covid19-Pandemie eine Verschwörung darstellt, haben zumindest in manchen Kreisen einen eindeutig antisemitschen Bezug.
Warum die Juden? Warum müssen immer sie herhalten, wenn man Schuldige sucht für das Elend der Welt? Eine rein weltliche Erklärung wäre, dass sie eben schon seit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 in Jerusalem und der endgültigen Vertreibung der Juden aus dem Heiligen Land im zweiten Jahrhundert Minderheiten ohne ein Schutzmacht waren. Mit ihnen konnte man gefahrlos verfahren, wie man es wollte. Es gab kein Land, wo sie die Mehrheit waren, und wohin sie sich zumindest hätten flüchten können. Erst in der Neuzeit boten die Vereinigten Staaten von Amerika denen eine Zuflucht, die die Möglichkeit zur Auswanderung hatten. Erst seit 1948 haben Juden mit dem Staat Israel einen Ort, der ihnen Sicherheit geben kann.
Es gibt aber auch eine Erklärung aus der Sicht des Glaubens dafür, dass Juden immer die Sündenböcke sind, dass man sie als Urheber von Verschwörungen ansieht, dass sie verfolgt und bedrängt werden. Unser Text weist uns an diesem Israel-Sonntag darauf hin: Juden sind nach den Worten der Bibel Alten wie Neuen Testaments das auserwählte Volk Gottes, „Gottes Eigentum vor allen Völkern“. Das Neue Testament sieht uns als getaufte Christen zwar als solche an, die durch Christus ebenfalls zu den geliebten Kindern Gottes gehören. Es sieht in dem Juden Jesus den Messias (mit einem anderen Wort: den Christus Gottes) und es sieht Israel diesem Sachverhalt gegenüber als von Gott verstockt an. Das ändert aber nichts an der Botschaft auch des Neuen Testaments: Israel ist und bleibt das auserwählte Volk Gottes.
Das hat in der Geschichte des Judentums immer den Neid der anderen Völker auf sich gezogen. Bewusst oder unbewusst konnten sie es nicht ertragen, dass es da ein in den Augen Gottes herausgehobenes Volk gibt. Selbst den christlichen Völkern reichte es nicht, in den Bund mit Gott hineingenommen zu sein. Sie leugneten die bleibende Erwählung Israels. Sie schmähten das jüdische Volk selbst mit Verzierungen an ihren Kirchen. Die Wittenberger Judensau ist ein trauriges Beispiel, das man allerdings in meinen Augen als solches stehen lassen sollte. Israels Erwählung war für jüdische Menschen immer Segen und Fluch zugleich.
Nun muss man sich vor Menschen, die sich für auserwählt halten, in der Regel fürchten. Der Kommunismus sah es als seine Mission an, die unterdrückte Arbeiterklasse zu befreien. Er ist zu diesem Zweck zumindest in der Zeit Stalins über Leichen gegangen. Die nationalsozialistische Ideologie sah die germanische Rasse dazu erwählt, die Welt zu beherrschen und hat Millionen von Toten zu verantworten. Die islamistische Ideologie, wie sie die Taliban in Afghanistan vertreten, schreckt ebenfalls vor Gräueltaten nicht zurück. So ist es, wenn Menschen ihre Erwählung sich selbst zuschreiben.
Das jüdische Volk hat sicherlich im Kampf um seine Existenz auch nicht immer die Gebote der Menschlichkeit seines und unseres Gottes beachtet. Aber wie die Anhänger der Ideologien, die sich als auserwählt betrachten, hat es sich nie verhalten. Es hat nie durch ideologische Verblendung oder Überheblichkeit Anlass gegeben, den Hass der Völker auf sich zu ziehen. Israel hält sich eben nicht für erwählt; es ist erwählt und das zeigt sich eben auch daran, dass Juden in ihrer Geschichte immer eher die Opfer als die Täter waren – bis hin zu dem Juden Jesus, den die heidnische Besatzungsmacht der Römer als Aufrührer hingerichtet hat. Denn die Römer sahen ihre Herrschaft auch als von den Göttern gegeben an und schreckten vor Gewalttaten darum nicht zurück.
Israels Erwählung dagegen zeigt sich auf eine andere Weise. Israels Erwählung ist keine Erwählung zu weltlicher Macht und Herrschaft. Juden sind, wie es das zweite Buch Mose sagt, ein „Königreich von Priestern“ und als solches ein „heiliges Volk“. Das meint nicht, dass Juden alle vor dem Altar stehen. Das bedeutet vielmehr, dass jede und jeder einzelne Jude in einer Beziehung zu Gott steht und sein Leben vor ihm zu verantworten hat. Darum wird Israel das Halten des Bundes eingeschärft und Mose erhält auf dem Berg Sinai die Gebote Gottes als einen Wegweiser zu einem Leben als Volk von Priestern. Israel war von Anfang an dem guten Willen Gottes für unser Leben verpflichtet. Die Bindung an Gott stand und steht im Mittelpunkt für alle gläubigen Juden. Die Mitmenschlichkeit der zweiten Tafel der Gebote zu leben, wird ihnen von Kind auf eingeprägt. Als „heiliges Volk“ zu leben, gehört zur Existenz des jüdischen Volkes. Auch wenn es – wie es leider zu unserem menschlichen Wesen gehört – dem Bund mit Gott nicht immer gerecht geworden ist: Israel ist und bleibt in den Augen Gottes das erwählte Volk, das Eigentum Gottes vor allen Völkern. Vielleicht kann es darum bis heute nicht leben, ohne für Verschwörungen herhalten zu müssen und in seiner Existenz bedroht zu werden.
Durch den Juden Jesus sind wir einbezogen in diesen Bund mit Gott, von dem hier die Rede ist. Darum kann es uns nicht egal sein, wenn sich der Antisemitismus auch bei uns wieder breit macht. Am 30. September wollen wir uns darum gerade diesem Thema im Rahmen eines Kreuzganggesprächs zum Schalomjahr widmen.
Einbezogen zu sein in den Bund Gottes bedeutet aber auch für uns als Christen, dass wir ein Königreich von Priestern sind. Martin Luther hat das der Kirche vor 500 Jahren ja wieder in Erinnerung gerufen. Die unmittelbare Bindung jedes einzelnen Christenmenschen an Gott und die Verpflichtung auf die Mitmenschlichkeit prägen auch unsere Existenz.
In Bezug auf die eingangs erwähnten Verschwörungstheorien sollte uns diese Bindung an Gott immun gegenüber diesem Irrsinn machen. An Verschwörungen glauben Menschen, die zutiefst geängstigt sind und sich in solche Erklärungen flüchten in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Wir dagegen Glauben an Jesus Christus, den Juden, der uns in den Bund mit Gott hineingenommen hat. Wir treten darum auch allen Formen des Antisemitismus entschieden entgegen. Wir brauchen keine Sündenböcke, denn wir finden einen Halt in unseren Ängsten bei dem lebendigen und barmherzigen Gott.
Auch in der anderen großen Krise unserer Zeit erweist sich Gottes Bund mit uns in unserem Leben und prägt es. Ich bin sehr beeindruckt, wie viel Geld schon durch die Kollekten der letzten Gottesdienste für Bad Neuenahr-Ahrweiler zusammengekommen ist. Denen zu helfen, die als Folge der Klimakrise alles verloren haben, ist das Gebot der Stunde – sicherlich nicht nur für uns Christen, aber für uns ganz besonders. Wer seinen Nächsten lieben will wie sich selbst, kann das Leid der Flutopfer – und auch anderer Opfer der Krisen dieser Welt – nicht sehen, ohne sich davon zutiefst berühren zu lassen.
„Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“. Das hat Gott zuerst und mit einer fortdauernden Gültigkeit zum jüdischen Volk gesagt; aber seine Liebe zu uns Menschen ist so groß, dass wir in diesen Bund einbezogen sind. Auch uns ist es gegeben und zugleich aufgegeben, in der Bindung an den Lebendigen das Leben für uns und andere zu finden.
Amen.

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