21.06.2026
über Apostelgeschichte 4,32-37 (Lut17); gehalten in einem Abendmahlsgottesdienst mit Taufe im Freiberger Dom von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Hern Jesus Christus. Amen.
Verlesung des Predigttextes Apostelgeschichte 4,32-37 (Lut17)
Liebe Gemeinde,
was für eine krasse Episode… da ist dieser Barnabas… ein frommer jüdischer Mann… er verkaufte einen Acker auf Zypern und gab das Geld den Aposteln… Was hat ihn dazu bewogen? Wie beeindruckt muss er von dieser Gemeinde, den dieser Gemeinschaft in Jerusalem gewesen sein? Wie beeindruckt muss er von der Auferstehung Jesu gewesen sein?
Und dann ist da diese Gemeinde selbst… die Menschen, die Jesus mit Leidenschaft bezeugten… „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam“… für mich kaum vorstellbar… so eine Harmonie, so ein Idealismus, ja so ein Idealzustand… bis heute kontrovers diskutiert… ist diese Schilderung real oder drückt sie eher einen nachhaltigen Wunschgedanken aus? …
Wie auch immer… mir geht da ein Haufen Gedanken durch den Kopf… und natürlich auch Gefühle… weil Barnabas Verhalten und diese Situation der Urgemeinde einen Spiegel unserer Kirche vorhalten…
Aufgabe von Gütern… Aufgabe von Grundstück für die Gemeinde… gibt es so etwas heute? Wer würde das tun? … Ich erinnere mich an meine Kindheit… da sind wir öfter in ein nahes Benediktinerkloster gegangen… in der Kirche war auf der linken vorderen Seite eine Kapelle vollgehangen mit kleinen Wachstafeln, Zetteln, Holztafeln… sie erinnerten an etwas, das jemand persönlich für die Kirche gegeben hat… mal aus Dankbarkeit für eine Heilung – auch ganze Häuser oder Grundstücke … und dann natürlich auch mal aus Werkgerechtigkeit… aber vermutlich sind doch die meisten von uns, meilenweit entfernt große teile des eigenen Besitzes für die Kirche abzugeben… Etwas zu geben, um uns bei Gott ein Stück Gnade zu erwerben, ist uns Lutheranern natürlich fern… aber natürlich müssen auch wir unsere Gemeinden, unser Personal, unsere Gebäude bezahlen… und das geht nur, indem jede und jeder etwas gibt… in der Regel über die Kirchensteuer oder Spenden…
Wie oft erlebe ich die Debatte über die Kirchensteuer – und spüre, wie viel Unverständnis dahintersteht. Viele lehnen sie ab, fast aus dem Bauch heraus. Doch wer soll unsere Gemeinschaft tragen, wer die Werke des Gemeinwohls in der Kirche ermöglichen, wenn nicht wir selbst?
Welche echte Alternative hätten wir?
Wer wäre heute wirklich bereit, sein Grundstück oder sein Vermögen großzügig für die Kirche einzusetzen – so wie Barnabas es einst tat, aus tiefem Glauben und voller Hingabe?
Bei dem Stichwort „Abgabe von Grundstücken“ kommt mir noch ein zweiter Gedanke…. Wir sind eine Kirche voll Güter… voll Immobilien… sie dienen dazu, die Kirche nachhaltig zu finanzieren…. Aber wie schwer fällt es Gemeinden sich von diesen Gütern zu trennen… wir haben vor gar nicht allzu langer Zeit eine Gebäudekonzeption im Kirchgemeindebund beschlossen… an allen Ecken und Ende versuchen die Gemeinden Gebäude zu erhalten, wo es geht…. Trotz hoher Defizitaussichten… trotz schlechter energetischer Zustände… Trotz Investitions- oder Finanzierungsstaus. Wie oft würde ich mir sehr viel mehr Barnabas-Mut bei den Leuten in unserer Kirche wünschen…
Ein dritter Gedanke: Es trifft mich, wenn ich höre, dass manche glauben, Kirche könne ohne Zugehörigkeit, ohne verbindliche Gemeinschaft oder sogar ohne Taufe gelebt werden – nach dem Motto: „Mein Glaube reicht vor Gott völlig aus.“ Doch Kirche lebt nicht im luftleeren Raum. Wir brauchen einander. Wir brauchen Menschen, die mittragen – damit wir die Gehälter unserer Mitarbeitenden sichern können, damit ein wunderbares Bauwerk wie der Freiberger Dom erhalten bleibt, und vor allem, damit wir denen helfen können, die dringend Unterstützung brauchen. Unsere Kirche braucht jede und jeden – mit allen Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen. Nur gemeinsam können wir sein, wozu wir berufen sind.
Ja lieber Hr. X, liebe Fr. Y, liebe Patin, lieber Pate,
wir haben vorhin Z getauft… wir glauben, dass sich Gott Z für seine Kirche erwählt hat… und Sie können sich vorstellen, wie ich mich freue, dass er nun zu dieser Gemeinschaft der Gläubigen gehört, zu unserer Kirchgemeinde am Dom, so wie sie in der Apostelgeschichte bezeugt wird. Als Taufspruch haben Sie je einen Bibelvers aus dem Buch Micha im 6. Kapitel gewählt – wir haben ihn vorhin gehört. Sie wünschen sich, dass er Z im Leben trägt. Für mich könnte dieser Vers bedeuten:
- Recht tun – das heißt, mutig und fair zu handeln, auch wenn es manchmal schwerfällt.
- Nachsicht mit anderen haben – das bedeutet, das Herz offen zu halten für andere, freundlich zu bleiben, großzügig zu sein.
- Und bewusst den Weg mit Gott gehen – das ist die Einladung, sich getragen zu wissen, sich führen zu lassen, Schritt für Schritt.
Für dich, Z, wünsche ich genau das: dass du Menschen findest, die dir Gerechtigkeit vorleben; dass du Güte erfährst und selbst weitergibst; dass du spürst, wie Gott dich begleitet. Möge dein Weg ein guter Weg sein, voller Vertrauen in das Leben und Empfangen und Geben der Liebe.
Liebe Gemeinde,
damit sind wir bei der Gemeinschaft, von der Lukas ein so herrliches Zeugnis gibt… oder wie es etwas spröde später im Glaubensbekenntnis formuliert wurde: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…“ Das haben wir vorhin so gemeinsam bekannt. Wie wichtig ist uns diese Gemeinschaft, die aus dem Heiligen Geist hervorgeht… auch in ganz handfester finanzieller Hinsicht… wie schwer fällt es Menschen auch in unserer Kirche, in den Zeiten, da die Einnahmen massiv zurückgehen, Bauprojekte oder Personal nicht mehr ohne weiteres finanziert werden können, Einschränkungen hinzunehmen, oder etwas vom Eigenen abzugeben…. Bemerkenswert finde ich ja in der Apostelgeschichte, dass diese Gemeinde nicht nach Einnahmequellen im ökonomischen Sinn gesucht hat, sondern Finanzierung durch Abgaben vorgenommen hat…
Liebe Gemeinde… diese Leute waren sich ihrer Vorläufigkeit auf dieser Welt offenbar bewusst… sie lebten in der Naherwartung Jesu… nicht das Einrichten im Reichtum dieser Welt war ihnen von Bedeutung, sondern das Abgeben…. Der Fokus auf das Jenseits und auf Jesus Christus… Barnabas soll der Legende nach 61 nach Christus auf Zypern den Märtyrertod gestorben sein.
Oder ziehen wir den Kreis weiter… in unsere Gesellschaft…. wie ist es denn um unser Sozialsystem bestellt… die Pflegeversicherung… die Krankenversicherung… der Anspruch auf Teilzeit… ja das Geld in unserer Gesellschaft geht massiv zurück… aber wer bleibt auf der Strecke und wer verdient weiterhin? … denn gleichzeitig geht die Zahl der Superreichen in unserm Land sprunghaft in die Höhe… wo steuert Politik dagegen? … wie bekommen wir als Gesellschaft einen guten Ausgleich der Interessen hin? … Ist die Bereitschaft bei allen dafür da?
Erst vor zwei Wochen hat Papst Leo XIV. eine in meinen Augen zentrale Enzyklika mit dem Titel „Magnifica humanitas“ veröffentlicht. Darin entfaltet der römische Bischof eine Lehre vom Menschen, die er in der christlichen Offenbarung verortet. Er beschreibt die menschliche Person als Ebenbild Gottes, berufen zu Gemeinschaft, Freiheit und Liebe. Diese Würde ist von Gott geschenkt – und sie bleibt unantastbar, auch in einer Welt, die zunehmend von digitalen Systemen geprägt wird.
Vor diesem Hintergrund widmet Leo der künstlichen Intelligenz ein eigenes theologisches Kapitel. Er betont, dass KI zwar ein beeindruckendes Werk menschlicher Kreativität sei, aber niemals Trägerin jener geistbegabten Personalität, die den Menschen auszeichnet. KI könne Erkenntnis verarbeiten, aber nicht Weisheit besitzen; sie könne Entscheidungen simulieren, aber nicht moralisch verantworten. Darum müsse jede technologische Entwicklung in den Horizont der christlichen Ethik gestellt werden, die den Menschen als Ziel und nicht als Mittel versteht.
Der Papst ruft dazu auf, KI als Werkzeug der Nächstenliebe zu gestalten: Sie solle helfen, Ungerechtigkeit zu verringern, Bildung zugänglicher zu machen und die Würde der Schwächsten zu schützen. Gleichzeitig warnt er vor Versuchungen, die er als „neue Turmbauten von Babel“ bezeichnet: der Glaube, man könne durch Technik die Grenzen der Geschöpflichkeit überwinden oder moralische Verantwortung an Algorithmen delegieren. Der Mensch bleibe Hüter der Schöpfung – auch der digitalen.
Für mich bedeutet das vor allem eins: bei der Nutzung von KI immer im Blick behalten… wem dient diese Technik – bei allem Guten – am Ende in Wirklichkeit? … den Menschen oder den Techkonzernen? … und somit einigen Wenigen im Silicon Valley oder in San Francisco, die sehr viel Geld damit verdienen. Wo beteiligen sich diese Wenigen am Gemeinwohl? … also nicht nur am unmittelbaren Wohl, derer, die sich KI-Annehmlichkeiten leisten können… oder gar von ihr abhängig sind. Das sind Fragen, die diese einfache Gütergemeinschaft der frühen Christinnen und Christen für mich in Hinblick auf den Gewinn und den Profit der KI aufwerfen…
Am Ende der Enzyklika steht ein geistlicher Appell: Die Kirche solle die digitale Welt nicht fürchten, sondern sie mitgestalten, damit sie ein Raum werde, in dem Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit aufleuchten. Nur wenn die Menschheit die KI in den Dienst der Liebe stellt, könne sie im digitalen Zeitalter ihre gottgeschenkte Würde bewahren.
Ja eine krasse Episode aus der Apostelgeschichte, die so viel an unserer heutigen kirchlichen und gesellschaftlichen Situation hinterfragt. Mich beeindruckt aber dieses Bild der Jerusalemer Gemeinde. Sie zeigt ein Miteinander, das v.a. aus der Beziehung zu Jesus wächst. Sein Leben und seine Auferstehung prägen ihren Umgang miteinander. Die Menschen sehen einander, teilen, was sie haben, und tragen gemeinsam Verantwortung. Barnabas steht dafür beispielhaft: Er handelt aus Vertrauen und aus der Haltung, die Christus in ihm geweckt hat.
Auch wir sind zu einer solchen Gemeinschaft gerufen… eine Gemeinde, in der der Glaube an Jesus sichtbar wird, weil Menschen füreinander da sind… eine Gemeinde, die aufmerksam bleibt für die Bedürfnisse anderer und die Gnade weitergibt, die sie selbst empfängt.
Christus begleite uns auf diesem Weg.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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