Predigt am 2. Oktober 2020 in der Katholischen St. Johannis-Kirche zum Tag der Deutschen Einheit

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Predigt am 2. Oktober 2020 in der Katholischen St. Johannis-Kirche zum Tag der Deutschen Einheit

02.10.2020

zu Jesaja 9, 1; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer

9) Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Liebe Gemeinde,
als nach der Wende die ersten Westdeutschen in die damals noch existierende DDR kamen, da machte ein wenig schmeichelhaftes Wort die Runde: „Dunkeldeutschland“. Im Vergleich zu den hell erleuchteten Innenstädten mit ihren Leuchtreklamen, den deutlich helleren Straßenlaternen und nicht zuletzt auch den reflektierenden Straßenmarkierungen und Straßenschildern wirkte der Osten im Vergleich zum Westen einfach sehr viel dunkler. Auch mögen die grauen und in manchen Gegenden einfach verrußten Fassaden dazu beigetragen haben, dass sich jemand diesen Begriff einfallen ließ: „Dunkeldeutschland.“ Das war vielleicht eher Ausdruck einer Begegnung mit dem Ungewohnten als böswilliger Häme.
„Dunkeldeutschland“ stimmte aber in einer Hinsicht gar nicht mehr. Denn es war ja in gewisser Weise hell geworden im Osten Deutschlands. Nach Jahren der Unfreiheit hatten die Bürger der damaligen DDR ihr Schicksal in die eigene Hand genommen. Sie ergriffen die Gunst der Stunde und holten sich die Freiheit zurück, die ihre Großeltern 1933 durch die Wahl der Nationalsozialisten leichtfertig aus der Hand gegeben hatten. Sie gingen auf die Straße und ließen ihre Ängste zu Hause zurück. Sie nahmen denen die Macht aus der Hand, denen sie sie nicht gegeben hatten. Sie setzten es durch, dass es freie Wahlen gab. So machten sie den Weg frei für die deutsche Einheit.
Was für ein großes Geschenk diese Freiheit bedeutet, sehen wir heute an den notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie. Dass sich manche so sehr schwer damit tun, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, kann ich nur als eine Art allergische Reaktion auf eine Einschränkung der Freiheit verstehen. Damals ist sie so schwer erkämpft worden; nun will man sie sich nicht wieder von einer Regierung nehmen lassen. Nur dass es sich heute um eine für das Wohl aller notwendige Einschränkung handelt und nicht um eine staatliche Willkürmaßnahme. Wir sind es gewohnt, zu tun und zu lassen, was wir wollen; dass das nun wegen eines unsichtbaren Krankheitserregers nicht mehr unbegrenzt möglich sein soll, können manche nach dreißig Jahren der Freiheit und Einheit Deutschlands nicht mehr verstehen.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Der Prophet Jesaja verkündigt dies im Namen Gottes seinem Volk; Israel, dem Volk Gottes. In einer politisch unruhigen Zeit kündigt er einen Friedefürsten an, den Gott senden wird. Dieser Held Gottes wird dem Volk Licht zu bringen, das in der Dunkelheit der politischen Irrungen und Wirrungen seiner Zeit leben muss. Mit Gottes Hilfe wird sich das Schicksal des Volkes wenden.
Parallelen zur Zeit vor der Wende zu ziehen, ist nicht abwegig. Denn das Geschehen in den achtziger Jahren der DDR hatte ja auch eine geistliche Dimension. Es begann alles mit einigen wenigen Christen, die sich zum Gebet für den Frieden zusammenfanden. Sie setzten nicht auf Öffentlichkeitswirksamkeit in den Westmedien; sie ließen sich nicht von den anfangs sehr kleinen Zahlen der Teilnehmer abschrecken. Sie setzten allein auf den lebendigen Gott und sein Wirken in dieser Welt. Sie beteten für den Frieden. Dass man später diese Revolution die „friedliche“ nennen sollte, war ihr Verdienst bzw. das unseres Gottes, zu dem sie beteten. Sie waren Teil des Volkes, das im Finsteren wandelt. Aber sie vertrauten darauf, dass Christus unser Licht ist – gerade auch in den Dunkelheiten des Lebens. Sie hofften darauf, dass mit Gottes Hilfe die Dunkelheit der Unfreiheit in Deutschlands Osten in Licht verwandelt werden könnte. 1989 und 90 durften sie dann schließlich erleben, dass ihre Gebete erhört wurden und ihre Hoffnungen in Erfüllung gingen. Die Diktatur brach zusammen. Denn auf Gebete und Kerzen war die Staatsmacht nicht vorbereitet gewesen, wie Erich Mielke nach der Wende gesagt haben soll.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Heute nach dreißig Jahren der Einheit leben wir erneut in einer unruhigen Zeit – und das in mehrfacher Hinsicht. Die Pandemie betrifft uns im Osten wie im Westen, wenn auch der Osten stärker verschont geblieben ist als der Westen. Nur gemeinsam werden wir den Kampf gegen das Virus bestehen können und niemand kann heute sagen, wer die Oberhand gewinnen wird. Der Klimawandel betrifft uns ebenfalls gleichermaßen, wenn auch die Trockenheit der letzten drei Jahre bei uns noch schlimmer gewesen ist als in weiter westlich gelegenen Gebieten. Auch die politische Spaltung unseres Landes betrifft den Osten wie den Westen, wobei sie bei uns wohl noch ausgeprägter ist. Wie vor einhundert Jahren erstarken aber in ganz Deutschland Kräfte, die die Demokratie durch eine autoritäre Herrschaft ablösen wollen; die die Freiheit einschränken wollen zugunsten ihrer eigenen Macht. Es sind in mancher Hinsicht dunkle Zeiten, in denen wir leben. Sie ähneln darin den Zeiten, die der Prophet Jesaja erleben musste.
Was allerdings anders ist als damals: Das Vertrauen auf den lebendigen Gott ist den meisten Menschen in Deutschland abhanden gekommen. Das Wunder der Einheit Deutschlands haben sie nicht als ein Wunder Gottes erkennen können. Das Geschenk der Freiheit sehen manche sogar eher als eine Last, die sie gern wieder loswerden möchten.
Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute am Vorabend des Jahrestages der Wiedervereinigung zu Gottesdienst und Gebet zusammengefunden haben – und das in ökumenischer Verbundenheit. Wir vertrauen darauf, dass Gott unsere Gebete hört und erhört – wenn auch nach seinem Willen und nicht nach unserem Willen. Wir vertrauen darauf, dass er auch in die Dunkelheiten unserer Zeit Licht bringen kann und will. Darum ist in seinem Sohn Jesus Christus in diese Welt gekommen. Darum hat er für uns Schuld und Tod überwunden. Darum hat er die Friedensgebete der 80er-Jahre nicht ungehört verklingen lassen. Wir sehen im Glauben in Jesus Christus das große Licht durch die Zeiten hindurch.
Das lässt uns voller Vertrauen in die Zukunft blicken und Zeichen setzen von dem Licht, auf das wir vertrauen. Diese Zeichen sind unterschiedlich und vielfältig. Die einen pflegen das Gebet und den Lobpreis, andere setzen sich ein für Frieden und Verständigung in unserem Land, für Weltoffenheit und Gerechtigkeit, für die Bewahrung der vom Menschen so geschundenen Schöpfung. Gemeinsam ist uns allen der Glaube, dass es unserem seit dreißig Jahren vereinten Land nur gut gehen kann, wenn es sich neu hinwendet zu dem lebendigen Gott. Wenn wir nur auf die Götter des Geldes und der billigen Vergnügungen setzen, wird unser Land keine gute Zukunft haben können. Wenn wir aber die Krise dieses Jahres als einen Bußruf Gottes zur Umkehr verstehen und uns neu zu ihm hinwenden, wird es einen Weg aus den Dunkelheiten dieser Zeit geben – auch wenn wir uns das zurzeit nicht vorstellen können. Denn unser Vorstellungsvermögen ist begrenzt, während die Möglichkeiten Gottes unbegrenzt sind. Dazu eine kleine persönliche Erinnerung:
Als meine Frau – damals noch DDR-Bürgerin – und ich – damals Bürger der Bundesrepublik – im November 1988 in der DDR heirateten, kam das Gespräch darauf, wie wir denn wohl die Silberhochzeit würden feiern können. Wir waren zuversichtlich, dass die Reisefreiheiten so gelockert sein würden, dass wir auch im Westen gemeinsam würden feiern können. Wenn uns damals jemand gesagt hätte „Schaut doch auf die Friedensgebete: Sie werden erhört werden. Die Herrschaft der SED wird in einem Jahr untergehen und die Grenze wird geöffnet.“, wir hätten ihm oder ihr nicht geglaubt. Aber es ist so gekommen.
Gottes Licht scheint gerade dort in die Dunkelheiten, wo wir es nicht erwarten. Das galt damals. Das gilt heute. Das gilt auch in Zukunft. Auch für unser Land. Amen.

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