Andacht zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2026

We are sorry - this page is not available in your language.
You might use Google Translate™ to get an automatically translated version of this page by clicking the following link:

Predigtarchiv

Andacht zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2026

15.08.2026

von Prof. Dr. Klaus Husemann (Prädikant in der Petri-Johannis-Gemeinde in Freiberg)

Über das Zweifeln

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Sie werden sich wahrscheinlich wundern, warum gerade „das Zweifeln“ Thema dieser Andacht ist. Schließlich sollen wir doch mit einer Andacht aufgebaut werden und Halt für unser Leben finden. Da haben Sie natürlich – zumindest auf den ersten Blick – recht. Aber eben nur auf dem ersten Blick, denn der Zweifel gehört nicht nur zu unserem Leben dazu, sondern er ist auch wie die Angst ein Schutz für uns. Er ist die uns von Gott geschenkte Fähigkeit ab zu wägen, ob etwas für mich gut oder schlecht ist, gut oder schlecht wird oder gut oder schlecht werden könnte.    

Nun gibt es vieles, mit dem wir dem Wort zweifeln näherkommen. Dazu einige Beispiele: Etwas in Frage stellen, anzweifeln, bezweifeln, hinterfragen.  Skeptisch, misstrauisch, unentschlossen oder unsicher sein und letztendlich ein ungutes Gefühl haben. Es kommt hinzu, dass es hier eine große Bandbreite in unserem und für unser Leben gibt. Diese Bandbreite reicht vom Zweifellos bis hin zum Verzweifelt-sein. 

Ganz allgemein würde ich folgende Beispiele für das Wort Zweifeln nennen – unabhängig davon, ob das Zweifeln berechtigt oder nicht berechtigt ist: Das sind insbesondere Zweifel an uns selbst und Zweifel an anderen Menschen – egal, ob sie uns nahestehen oder nicht. Aber auch Zweifel an einer Sache: Gekauftes, Repariertes oder Ausgehandeltes u.a. Und zum Teil auch Zweifel an der – vor allem unserer - Zukunft, am Fortschritt und an Wissenschaft und Technik. 

Unser ganzes Leben ohne jeden Zweifel wäre ein Leben, in dem alles sicher, alles garantiert und alles eindeutig ist. Und in dem ein Umdenken, Beschwerden, Niederlagen oder irgendwelche Schreckschüsse – zum Beispiel eine Krankheit – kein Thema sind. Hat das eine oder einer von uns erlebt? Hätten wir uns das für unser Leben gewünscht? Oder würden wir uns das noch heute wünschen? Hier merken wir schon: Ein Leben ohne jeden Zweifel ist kein Leben, denn hier würde ganz vieles fehlen, was unser Leben in guten wie in schlechten Zeiten ausmacht. 

Auch im Volksmund gibt es viele Sprüche, für die das Zweifeln nicht nur gut, sondern für uns notwendig ist. Dazu einige Beispiele: „Zweifel am eigenen Können kommen nur dem, der es ernst mit seinem Schaffen meint.“ Oder: “Zweifel sind für einen Menschen mit Verstand eine natürliche Sache“. Oder: „Nur wer zweifelt, lässt sich Raum zum Denken.“ Oder: „Der beste Schutz gegen den Zweifel ist das Unwissen.“ 

Natürlich gibt es sehr, sehr vieles, was wir ohne Zweifel in unserem Leben – auch sehr lange Zeit – erlebt, gefühlt und geschafft haben. Ein gutes Beispiel ist die Liebe. Denn Liebe ohne Zweifel ist ein tiefes Gefühl von innerer Sicherheit und von vollkommenem Vertrauen. Der andere wird so angenommen, wie er ist, ohne Angst vor Verlust oder Täuschung. Und auch alte Ängste und Lebenskrisen verlieren an Bedeutung.

Im Netz bei Google habe ich nachgefragt: Ist es normal, eine Partnerschaft zu hinterfragen? Dazu habe ich eine ehrliche und interessante Antwort bekommen. Ich zitiere: „Zweifel und Liebe gehören in Beziehungen oft untrennbar zusammen, da sie normale Phasen des Hinterfragens, realistische Erwartungen und den Wandel von Gefühlen widerspiegeln.

Sie markieren den Spannungsraum zwischen idealisierten Vorstellungen und dem echten Alltag“ (Chris Bloom). 

Das heißt doch aber: Menschliche Beziehungen, auch die Liebe, brauchen ab und zu den Zweifel - wenn sie denn von Dauer sein wollen. Hier ist nun eines wichtig: Gerade in engen menschlichen Beziehungen geht es nicht nur ganz allgemein um einen Zweifel, sondern um den Zweifel am Partner und um den Zweifel an uns selbst. Das macht die Bereitschaft zum Kompromiss nicht einfacher. Und es lässt uns leider auch oft vergessen, dass der Zweifel zur Liebe gehört und damit einen Neuanfang leichter macht. Wenn das nicht gelingt, kann und wird meistens die dunkle Seite des Zweifels sichtbar – nämlich das Verzweifelt sein, die Verzweiflung. 

Ich bleibe beim Beispiel Partnerschaft: In Deutschland heiraten nur noch 50 % der Frauen und Männer und davon lassen sich 35 bis 38 % wieder scheiden. Die Leidtragenden sind in der Regel einer der Partner und vor allem die Kinder. Und was die meisten dieser Kinder vor und nach einer Scheidung erleben und aushalten müssen, vermag ich mir nicht vorzustellen. Immerhin betrifft das nach dem Statistischen Bundesamt 100.000 bis 115.000 Kinder pro Jahr. Und viele davon werden – wenn sie etwas älter geworden sind – nicht an dem Erlebten zweifeln, sondern schlicht und einfach verzweifelt sein. 

Und Gott, liebe Leserinnen und liebe Leser? Gott ist immer dabei. Er hat uns nicht nur die Fähigkeit in die Hände gelegt, uns selbst immer und immer wieder für das Gute oder Böse zu entscheiden. Er hat uns auch – wie Sie schon gelesen haben – die Gabe des Zweifels geschenkt. Und das trifft natürlich auch zu bei unserem Glauben an Gott, den Vater und Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, Gottes Sohn und unseren Herrn. Dabei geht es beim Zweifeln nicht um die Frage glauben oder nicht glauben. Denn wer Gott gar nicht kennt oder auch gar nicht kennen will oder für den Gott eine Märchenperson ist, der kann gar nicht zweifeln – weder am Glauben noch am Unglauben.  

Aber innerhalb des Glaubens sind Zweifel nicht nur erlaubt, sondern für die Stärkung, Festigung und Erhalt unseres Glaubens von zentraler Bedeutung. Und sie sind eine Hilfe für uns. Im Basiswissen der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) wird das Ganze auf den Punkt gebracht: „Zweifeln bedeutet, ernste Fragen an den eigenen Glauben zu stellen.“ Deshalb sind Zweifel kein Zeichen mangelnden Glaubens, sondern ein Zeichen dafür, dass wir Gott ernst nehmen - auch und gerade dann, wenn unsere Fragen größer werden als unsere Gewissheiten. 

Im Markusevangelium, Vers 5 bittet ein verzweifelter Vater Jesus um Hilfe für sein schwer krankes Kind und gibt offen zu, dass sein Glaube nicht perfekt ist und sagt, ja er schreit in seiner Not:  Ich glaube; hilf meinem Unglauben (Markus 9,24) Jesus weist ihn nicht ab, sondern hilft ihm und zeigt uns damit, dass wir auch mit einem ehrlichen Zweifel zu Jesus kommen dürfen. Nicht nur, aber im Besonderen auch dann, wenn wir verzweifelt sind oder nicht wissen, wie es mit uns weitergehen soll. 

Und was unseren Gauben betrifft: Glauben setzt Vertrauen voraus und Vertrauen ist die stillste Form von Mut. Das betrifft unser Vertrauen zu Gott, zu anderen Menschen und nicht zuletzt zu uns selbst. Dass dieser Weg auch von Zweifeln begleitet wird, ist kein Hindernis, sondern eine Hilfe.

Amen. 

Gebet 

Großer Gott, oft fühle ich mich
mit meinen Zweifeln allein gelassen.
Dabei brauche ich dich. 

Großer Gott, ich bitte dich
Hilf mir, wenn meine Fragen
größer werden als meine Gewissheiten.

Großer Gott, oft fehlt mir die Kraft und der Mut
Vertrauen aufzubauen
zu anderen, aber auch zu mir selbst. 

Großer Gott, ich will Dir vertrauen.
Bitte gib, dass ich dabei ehrlich bleibe.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Rech komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse mich von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Segen

Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten
über Dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich
Und gebe Dir Frieden. Amen. 

Herzlich grüßt Sie in Verbundenheit
Ihr Klaus Husemann

all news


Kommentare

No comments

Add comment

Fields marked with an asterisk (*) must be filled.

to top