Andacht "Was soll ich nur anziehen?" zum 19. Sonntag nach Trinitatis, 11. Oktober 2026

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Andacht "Was soll ich nur anziehen?" zum 19. Sonntag nach Trinitatis, 11. Oktober 2026

10.10.2026

von Superintendentin Hiltrud Anacker

Liebe Leser und Leserinnen!

Ich sehe eine Frau vor mir, die in ihren gut gefüllten Kleiderschrank schaut. Sie sieht ihre Kleider und Hosen, ihre Blusen, Pullover, feine Strümpfe und noch vieles mehr. "Was soll ich bloß anziehen?" fragt sie sich. Natürlich ist das ein Klischee: Die Frau, die nicht weiß, was sie anziehen soll. Diesem Klischee möchte ich selbst überhaupt nicht entsprechen. Meine Kleidung soll praktisch und bequem sein. Außerdem soll sie möglichst lange halten, also nachhaltig sein. Mehr als was in meinen überschaubaren Schrank passt, will ich gar nicht haben. Übrigens: Ich kenne einen Mann, der hat (vielleicht auch hatte) ein Zimmer in der Wohnung als begehbaren Kleiderschrank eingerichtet. Klischees passen eben nur manchmal.  Zugegebenermaßen überlege ich mir, welche Kleidung ich bei offiziellen Anlässen trage. Ich will immer noch ich bleiben, aber die anderen nicht vor den Kopf stoßen, weil ich zu leger komme. Kleidung kann auch eine Frage des Status sein. Früher trugen die Menschen Kleidung, an denen sofort ihr Beruf und ihr Familienstand sichtbar wurde. Heute ist es die "Marke". Die sollte man schon tragen, wenn man etwas auf sich hält, oder? Dies spielt selbst unter Kindern und Jugendlichen hin und wieder eine Rolle - zum Glück nicht immer.

"Was soll ich anziehen?" Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus antwortet einer, der die Theologie des Paulus weiter entwickelt verkündigt auf seine Weise. Im Brief an die Ephesser ist in der Bibel zu lesen:

22Ihr sollt den alten Menschen ablegen, denn er entspricht der früheren Lebensweise. Er wird sich zugrunde richten durch seine trügerischen Begierden. 23Lasst euch dadurch erneuern, dass Gottes Geist in eurem Verstand wirkt. 24Und zieht den neuen Menschen an wie ein neues Gewand. Denn er ist nach Gottes Bild geschaffen und dadurch fähig zu wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Ephesser 4,22-24)

Ein bisschen kryptisch klingt das schon: Den alten Menschen ablegen und den neuen anziehen wie ein neues Kleidungsstück. Ich habe mir das immer ganz bildhaft vorgestellt, als könnte man sein Ich ausziehen und in ein anderes schlüpfen. Irgendwie geht das doch gar nicht. Aber manchmal möchte ich schon eine andere sein. Ich wäre gern perfekt - ein bisschen so wie das schönste Festgewand. Ich würde gern meine Nichtperfektion ausziehen, wie ein fleckiges oder löchriges Kleidungsstück. Über Perfektion lässt sich streiten wie über passende und schöne Kleidung. Das kann es aber nicht sein, dass ich aus meinem Ich herausschlüpfe. Nach den wenigen Sätzen, die ich Ihnen mit aufgeschrieben habe, stehen die entscheidenden Hinweise. Sie klingen sehr nach einigen von den Zehn Geboten. Lügt nicht! Stehlt nicht! Das ist doch schon einmal ein gutes Vorhaben. "Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn." Dieser Satz holt mich in meine ganz konkrete Situation. Wie schnell rege ich mich über etwas auf. Dann habe ich schlechte Laune. Vielleicht werde ich dadurch ungehalten oder gar ungerecht. "So soll es unter euch nicht sein!" Ich höre förmlich den Briefschreiber. Lüge, Zorn, Neid verderben nicht nur meinen Tag, nicht nur mein Leben, sondern Tag und Leben anderer. Das will ich nicht. Ich will vor dem Spiegel nicht nur die Kleidung meines Schrankes an mir begutachten. Ich möchte mir gern selbst in die Augen schauen können und gleichzeitig in die Augen der Menschen, die mir begegnen.

"Was soll ich bloß anziehen?" "Freundlichkeit, Barmherzigkeit - welch schönes Wort - steht euch gut zu Gesicht. Was noch besser ist: Gott will euch dabei helfen." Ein schöner Rat!
Amen.

Gebet

Gott, wir kommen vor dich, wie wir sind.
Wir tragen an uns, was uns vertraut ist.
Wir halten fest an Worten, die verletzen.
Wir lassen Zorn wachsen und versäumen es, Versöhnung zu suchen.
Wir denken an uns selbst und übersehen, wer uns braucht.
Schenke uns deinen Geist, der uns verwandelt.

"Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind", heißt es in Psalm 32.

Gott, du bist die Quelle des Lebens,
du willst, dass wir heil werden. Das glauben wir.
Du kennst, was uns belastet und voneinander trennt.
Schenke uns Worte, die aufbauen,
und Herzen, die vergeben können.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Segen

Auf dem Weg hin zu Freundlichkeit und Barmherzigkeit
segne und behüte Dich der barmherzige Gott,
Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.

Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin

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