04.07.2026
von Superintendentin Hiltrud Anacker
Liebe Leser und Leserinnen!
Kennen Sie die? Die Geschichte "Von der unvollkommenen Kirche"? Natürlich kennen Sie die. Sie erleben oder sehen diese unvollkommene Kirche. Vielleicht ärgern Sie sich über sie, weil sie das, was Ihnen so vertraut war, nun ganz anders macht. Vielleicht nervt Sie aber auch, dass aus Ihrer Sicht die Kirche sich so gar nicht modernisiert. Oder Sie fragen sich: "Was die da so machen und sagen, was hat das noch mit Kirche zu tun?" Sie merken, ich höre in mir eine lautstarke Diskussion über unterschiedliche Vorstellungen von Kirche. Aber eigentlich wollte ich Ihnen die Geschichte "Von der unvollkommenen Kirche" wirklich erzählen, jedenfalls von ihrem vollkommen unvollkommenen "Bodenpersonal" und dessen Anfängen:
Wen haben wir denn da? Das Lukasevangelium berichtet, wie Jesus am See Genezareth predigt. Das klingt sehr modern, eine Predigt nicht in einer Kirche. Ach ja, die gab es ja noch gar nicht. Jesus als "Bodenpersonal" zu bezeichnen, das liegt mir fern. Jesus war noch gar nicht so lange unterwegs. Aber einen Namen hatte er sich scheinbar schon gemacht, denn Lukas erzählt von einem Gedränge an Menschen, die das Wort Gottes hören wollten. Das Wort Gottes, das trauten sie Jesus zu. Von Mitarbeitenden ist noch keine Rede. Die will Jesus erst sammeln. Von der Predigt selbst erzählt Lukas nichts, er beschreibt nur die äußeren Umstände: Der See und Fischer, die aus ihren Booten ausgestiegen waren nach fast getaner Arbeit (die Netze mussten noch gewaschen werden). Für ein bisschen besseren Überblick steigt Jesus in eines der Boote und bittet den Besitzer, Simon, ein wenig vom Ufer wegzufahren. Sie kennen sich bereits. Jesus war zu Simon nach Hause gegangen und hatte dessen schwer kranke Schwiegermutter vom Fieber befreit. Jesus predigt vom Boot aus. Konnte man der Predigt gut folgen? Wurden die Zuhörer und Zuhörerinnen unruhig? Was erzählt der eigentlich? Das alles wissen wir nicht.
Simon - wer war dieser Fischer? Auch wenn "Simon" kein ungewöhnlicher Name seinerzeit war, geübte Bibelleser und -leserinnen ahnen oder wissen, um wen es sich handelt. Bei ihm kann man sehr wohl vom "Bodenpersonal der ersten Stunde" reden. Das war ja einer! Ein ganz Ungestümer! Simon "trug sein Herz auf der Zunge", wenigstens manchmal. Manchmal hatte er einen großen Mund. Manchmal ging er mutig voran und erschrak später über sich selbst. Manchmal überschätzte er sich und schlief im entscheidenden Moment ein. Er ist vollkommen unvollkommen.
Simon erlebt am See Jesus. Irgendwie muss in ihm durch die Predigt oder die Persönlichkeit Jesu eine "Saite zum Klingen" gekommen sein. Von den Netzen, die er eigentlich mit waschen wollte, ist keine Rede mehr. Ich stelle ihn mir vor, wie er neben Jesus im Boot sitzt und zuhört. Vermutlich ist er müde, schließlich hat er in der Nacht gearbeitet, allerdings erfolglos. Die Predigt ist das eine. Erzählen kann man viel. Jesus will mehr. Er fordert Simon auf, noch einmal zum Fischfang auf den See zu fahren. Das schreckt Simon auf. "Was will Jesus?" Das muss er ihm erst einmal erklären. "Meister, das funktioniert nicht. Gefischt wird nachts, wenn die Fische gegen den Himmel das Boot nicht sehen. Wenn wir schon nachts nichts gefangen haben, wie soll das am Tag gelingen!" Mit "Meister" spricht Simon Jesus an. Der "Meister" ist eine Autoritätsperson. Ich könnte mir vorstellen, Simon regt sich ein wenig auf über so wenig Kenntnisse vom Fischfang. Da zeigt er sich, der impulsive Charakter. Er beruhigt sich aber schnell wieder: "Wenn du es sagst, dann probieren wir es eben." Die Dramaturgie nimmt zu. Jesus sollte Recht behalten: Nur mit Mühe und der Hilfe der anderen Fischer können sie die große Menge Fische bewältigen. Simon, oder Simon Petrus, wie er nun bei Lukas zum ersten Mal genannt wird, springt nicht vor Freude in die Höhe, er erschrickt. "Herr, geh weg von mir!" Aus dem "Meister" wird Kyrios - "Herr". Kyrios, so bezeichnet das Erste Testament in der griechischen Übersetzung Gott. Simon Petrus erkennt im Reden und Handeln Jesu Gott. So wie ihm ergeht es auch seinen Fischerkollegen Jakobus und Johannes. Sie werden zu den ersten Mitarbeitern Jesu. Sie sind das "Ur-Bodenpersonal" der Kirche. Jesus beruft Simon: "Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein." Lukas verwendet in seiner Erzählung ein griechisches Wort, in dem das Wort für "Leben" steckt. Wer gefangen wird, wird nicht getötet, da gibt es eine Lebenschance. Wenn ich das Lebenswerk Jesu sehe, dann sehe ich in diesem Fangen eine neue Freiheit. Simon, Jakobus und Johannes lassen alles stehen, um mit Jesus mitzugehen, sie nehmen sein Angebot an.
Die unvollkommene Kirche: Jesus wählte sich von Anfang an ein vollkommen unvollkommenes Bodenpersonal. Wissen Sie was? Das beruhigt mich ungemein, denn auch ich bin ein sündiger Mensch. Die Geschichte der Kirche ist "Die Geschichte der unvollkommenen Kirche". Aber Jesus, Gott, will seine Kirche mit vollkommen unvollkommenem "Bodenpersonal" bauen - haupt- wie ehrenamtlich, mal impulsiv, mal zurückhaltend, mal herausfordernd, mal ganz leicht. Was da herauskommt? Wir werden immer unterschiedlicher Meinung über Formen von Kirche sein. Mit Ideen, Hören und Sehen, mit Mut und einer großen Portion Gottvertrauen kann christliche Gemeinschaft gelingen (Wer fährt schon tagsüber zum Fischfang auf den See? Simon z. B.). Perfekt wird es erst im Himmel werden. Und der kommt, glaube ich. Amen.
Gebet
Gott, du rufst Menschen in deinen Dienst.
Du traust uns zu, in deinem Namen zu reden und zu handeln.
Öffne unsere Ohren für deinen Ruf
und unsere Herzen, dir zu vertrauen.
Sei bei uns und segne uns heute
und auf allen Wegen, die vor uns liegen.
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Segen
Es segne und behüte dich der allmächtige und barmherzige Gott:
Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.
Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin
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