Predigt zum Jahreswechsel 2011/2012

Predigt zum Jahreswechsel 2011/2012

01.01.2012 Superintendent Christoph Noth (Tel: 0 37 31 / 20 39 20)

Predigt zum Jahreswechsel 2011/2012 über 2. Mose 13,20-22 gehalten von Sup. Noth in Conradsdorf

Superintendent Christoph Noth

So zog das Volk Israel aus von Sukkot, und sie lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tag noch die Feuersäule bei Nacht.

 

 

Liebe Gemeinde!

Zunächst möchte ich Sie auf einen Umstand hinweisen, der beim bloßen Lesen nicht in Erscheinung tritt: Die Stadt Sukkoth können wir heute noch mit ihrem Ort lokalisieren, wo das liegt ist bekannt. Nicht bekannt dagegen ist die Lage von Etam, des Zielortes für diese Etappe des Volkes Israel auf seinem Weg in die Freiheit. Wo sie herkommen, das ist bekannt, wo das Ziel liegt, können wir nicht bestimmen.

Fühlt sich so der Silvesterabend an? Wo wir herkommen und wo wir stehen an diesem letzten Tage des Jahres 2011, meinen wir ziemlich genau zu wissen – wo es hingeht in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten, kann keiner vorhersagen. Was wir erlebt haben in der Vergangenheit an Glück, an Belastungen und auch an Leid, das ist der Ort, an dem wir stehen. Was auf uns zukommt, liegt im Wesentlichen im Dunklen. Natürlich ist das nicht nur die Situation am letzten Abend des Jahres, sondern eigentlich an jedem Tag, den wir leben. Aber heute bündelt sich diese Erfahrung des Übergangs ins Ungewisse, und wir nehmen uns die Zeit und die Gelegenheit wahr, uns dessen bewusst zu werden. Wo jetzt mein „Sukkoth“ ist, weiß ich – wo morgen mein „Etam“ liegt, ist unbekannt.

Dabei geht es ja im Grunde genommen gar nicht um eine geographische Beschreibung, es sei denn jemand hat einen Umzug vor sich. Und auch im Blick auf unser berufliches Dasein (worunter auch das Rentnerleben mit zu verstehen ist) sind es die Ausnahmesituationen, in denen wir mit einem Wechsel rechnen. Sondern es geht mir vielmehr um die inneren Bereiche meines Lebens: Welche menschlichen Beziehungen werden sich als stabil erweisen, welche werde ich neu aufnehmen können, welche werden in einem Jahr gelöst sein und welche werden mit großen Schmerzen zerbrochen sein? Das sind Fragen, auf die es meiner Meinung nach ankommt und die darüber entscheiden, was „mein Ort“ sein wird. Ich kann auch noch andere Fragen von solchem Gewicht andeuten: Wie wird es um meine körperliche und seelische Leistungsfähigkeit bestellt sein? Oder welches Maß an Lebenszufriedenheit wird meine Tage künftig bestimmen?

Es scheint mir nur ganz natürlich zu sein, dass solche persönlichen Aspekte heute im Vordergrund stehen, aber darüber hinaus gehören auch sicher solche Fragen dazu: Wie werden sich die wirtschaftlichen Dinge entwickeln, die sich gegenwärtig so unübersichtlich darstellen – und welche Auswirkungen werden sie auf meinen Lebensvollzug haben? Und wenn ich an die anstehenden Veränderungen in unserer kirchlichen Landschaft denke: Wie wird es aussehen und wie werden wir das bewältigen?

Niemand von uns erwartet wohl, dass alles leicht und glücklich geht. Es ist ja auch in der Vergangenheit gar nicht alles leicht und glücklich gegangen. Aber im Rückblick wissen wir, wie sich die Dinge gefügt haben, wo uns die Bewältigung halbwegs gelungen ist und wo wir einfach mit neuen Gegebenheiten zu leben gelernt haben. Ob das nun die Tatsache ist, dass die eigenen Grenzen sich immer wieder gezeigt haben, aber doch innerhalb dieser Grenzen ein erfülltes Jahr hinter uns liegt, ob gesundheitliche Einschränkungen manches schwerer als früher gemacht haben, aber wir haben uns daran gewöhnt und uns darauf einstellen können, oder ob jemand nun sein Leben ohne den Ehepartner bewältigen muss, aber feststellen kann: es ist dennoch kein gänzlich glückloses Leben geworden. Alles in allem: das Netz, das mein Leben trägt, hat gehalten. Und dafür bin ich dankbar.

Das Unbekannte vor uns, auf das wir uns nicht einfach einstellen können, das Ungewohnte, mit dem wir uns künftig einrichten werden müssen, das Unerwartete, für das wir keine Vorsorge treffen können, das ist es, was die Unsicherheit und bei manchem sicher auch eine große Portion Angst auslösen kann. Und all der Lärm dieses Abends kann wohl nicht darüber hinweg täuschen, dass damit auch die sorgenvollen Stimmen in mir übertönt werden sollen.

 

Das Volk Israel lagert „am Rande der Wüste“, wie es hier heißt. Es ist auf dem Weg in die Freiheit, ja ins Gelobte Land. Selbstbestimmung, Freiheit und Erfüllung sind das Ziel. Aus dieser Erfahrung schöpfen die Leute über alle Jahrhunderte hin ihre Hoffnung: Wir gehen mit Gott ins Gelobte Land. Und – in wunderbar biblischem Realismus – ist es doch immer wieder „am Rande der Wüste“. Das bedeutet damals wie heute: es gibt schwierige Durststrecken wie es sie immer gegeben hat und geben wird. In dieser Spannung „auf dem Weg in die Freiheit“ – „am Rande der Wüste“ erwarten wir von dem, was kommen mag, Gutes (hoffentlich recht viel) und sind doch im Tiefsten unseres Herzens ungewiss. Wir wissen, wie beglückend menschliche Gemeinschaft und Nähe und zugleich wie zerbrechlich sie sein kann. Wir kennen das volle Lebensglück und wissen doch auch, wie schnell es sich verflüchtigen kann. Wir leben in der Kraft unseres Glaubens, dass Gott uns bewahrt und führt, und sind manchmal von einem Moment zum anderen von tiefen Zweifeln geschüttelt. Und wir wissen, dass diese Spannung nicht aufhört, solange wir leben.

 

Und in diesem Zwiespalt hat nun das wunderbare Bild von der Wolken- und Feuersäule seinen Platz, was ja bedeutet: Gott geht meine Wege mit. Und zwar wenn es hell um mich und in mir ist (also bei Tage) und auch wenn Dunkelheit mich ausfüllt und umgibt (also bei Nacht). Und an diesem Silvesterabend soll die Gewissheit uns mitgegeben werden: es gibt keine Wege ohne Gottes Begleitung.

Und das Vertrauen in diese Zusage halte ich nun allerdings für lebensentscheidend.

Gehe ich durch Tag und Nacht, also „am Rande der Wüste“ mit dem Vertrauen: Ich werde meinen Ort, also meine Aufgabe, meine Erfüllung, ja, auch mein Glück finden? Oder setze ich meine Schritte mit dem Misstrauen: es wird alles nur schlechter?

Gehe ich durch Tag und Nacht, „am Rande der Wüste“ in dem Glauben: andere gehen mit mir mit und halten zu mir, also meine Familie, meine Freunde, meine Kirche? Oder fühle ich die Forderung mich begleiten: ich muss alles alleine bewerkstelligen.

Gehe ich durch Tag und Nacht, „am Rande der Wüste“ mit der Zuversicht: Ich werde Vergebung erfahren, wo mein Tun in krassem Widerspruch steht zu dem, was ich soll und will? Oder gehe ich davon aus, dass alles auf Heller und Pfennig abgerechnet wird?

Aus dem Vertrauen wird wohl eine tiefe Gelassenheit wachsen können. Aus dem Misstrauen wächst so schnell eine tiefe Lebensbitterkeit.

Dabei ist Vertrauen etwas ganz anderes als Gleichgültigkeit, die sich in so einer Haltung ausdrückt: irgendwie wird’s schon gehen. Und Gelassenheit ist etwas ganz anderes als eine trotziges: Ich lasse mich nicht unterkriegen. Sondern so drücken sich Vertrauen und Gelassenheit aus, wie es im

31. Psalm gesagt wird: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Und Zeit heißt eben Leben!

 

Wäre das nun eine Haltung, die der Zusage entspricht, dass Gott bei Tag und Nacht unsere Wege mitgeht und zu einem guten Ziel führt, die Haltung, die ein Ruderer einnimmt: er sieht zurück auf die Strecke, die er zurückgelegt hat, sieht die Schönheiten der Landschaft, sieht die Natur in ihrer Pracht, aber auch den Weg, der mühsam war (und wohl auch bleiben wird). Aber während er zurücksieht, kommt er voran. Zurücksehen auf die Zeichen Gottes in unserem Leben und daraus die Hoffnung gewinnen, die uns die erforderliche Kraft gibt, um unseren Weg zu gehen ins neue Jahr 2012. Mit dem Blick auf die Erfahrungen, die unser Vertrauen begründen: „Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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