Predigt zum Heiligen Abend 2017

Predigt zum Heiligen Abend 2017

24.12.2017

zu Jesaja 9, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer in der Christvesper 17:00 Uhr im Freiberger Dom

Liebe Gemeinde,

„Hey, euch ist ein Kind geboren“, rief der Engel und es klang, als sei es die wunderbarste Botschaft auf der Welt. So erzählt es uns Mary Robinson in ihrem Buch „Hilfe, die Herdmanns kommen“. Aus dem habe ich schon im letzten Jahr zitiert.
„Euch ist ein Kind geboren!“ Das ist in der Tat eine ganz wunderbare Botschaft. Wenn ein Kind geboren wird, dann freuen sich in der Regel ja nur die Eltern und Geschwister, die Großeltern und vielleicht noch ein paar Verwandte. Alle anderen gratulieren zwar, bringen der Mutter Blumen, klopfen dem Vater auf die Schulter, aber ihre Freude ist doch nicht mit der der Eltern zu vergleichen. Es ist ja auch nicht das eigene Kind.
Aber das Kind im Stall von Bethlehem, das ist tatsächlich uns allen geboren. Es ist nicht nur das Kind der Maria; es ist nicht nur das Kind, dem Josef ein Vater sein wird. Dieses Kind ist tatsächlich für alle geboren – für die ganze Welt. Für Sie und mich, für die Kinder und uns Erwachsene. Für die, die heute zum ersten Mal eine Kirche besuchen, ebenso wie für die, die erst am letzten Sonntag hier in den Bänken saßen. Für uns alle liegt der neugeborene Jesus in der Krippe – und das ist ein riesiger Grund zur Freude. Der Prophet Jesaja vergleicht diese Freude mit der Freude, wenn es nach langer Hungerzeit in der Ernte endlich wieder etwas zu essen gibt. Er vergleicht es mit dem Verteilen der erlegten Beute nach einer Jagd. Für uns liegt vielleicht die Freude näher, die besonders die Kinder heute empfinden, wenn ein lang ersehntes Geschenk unter dem Weihnachtsbaum zu finden ist.
Warum aber soll ausgerechnet die Geburt eines kleinen Jungen vor zweitausend Jahren im damaligen Judäa eine Freude auch für uns sein?
Jesaja verkündete die Geburt eines Kindes in einer traurigen, in übertragenem Sinne dunklen Zeit. Es hatte Krieg geherrscht, Teile Israels waren an die benachbarte Großmacht Assyrien verloren. Es hatte viel Leid und Schmerz gegeben. Das ist lange her und geht uns eigentlich nichts mehr an. Heute Abend wollen wir an solche traurigen Dinge auch lieber nicht denken. Aber vielleicht doch einen Augenblick! Denn nicht alle unter uns können sich heute Abend uneingeschränkt freuen. In so mancher Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in unserer Gemeinde gibt es Kranke, Gebrechliche, Menschen mit Sorgen, Sterbende, Menschen, die eine Schuld belastet. „Das Volk, das im Finstern wandelt“, von dem der Prophet spricht, das ist uns nicht so fern. Auch wenn wir selbst uns anders erleben.
Vor diesem Hintergrund kündigt der Prophet die Geburt eines Kindes an. In den Dunkelheiten dieser Welt soll es hell werden. Denn dieses Kind wird unserer Welt eine ganz neue Prägung geben. Dem Kind legt der Prophet einige sehr neugierig machende Namen bei: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst. Das sind Namen, die ihn näher beschreiben.
-          Wunder-Rat: Nach Gottes Plan sollte ein Wunder geschehen. Und es ist geschehen. Gott selbst ist in einem Menschenkind auf diese Welt gekommen. Denn Gott wollte uns Menschen nicht allein lassen mit all den Dunkelheiten des Lebens. Darum ist er in dem Jesus-Kind sozusagen aus dem Himmel herabgekommen. – In der Weihnachtsgeschichte wird das an den Hirten sehr schön deutlich. Niemand wollte mit diesen armen und abgerissenen Schafhütern etwas zu tun haben. Aber zu ihnen kamen die Engel als Erste. Als sie dann das Kind in der Krippe sahen, wussten sie, dass Gott sie nicht allein gelassen hatte. – „Euch ist ein Kind geboren!“ Gott überlässt diese Welt nicht sich selbst. Wir sind nicht allein – selbst wenn wir keinen Menschen haben: Christus ist bei uns.
-          Gott-Held: Man könnte auch übersetzen: Die Kraft Gottes. Die ist in Jesus spürbar geworden. Schon die Weihnachtsgeschichte berichtet ja, dass es den Hirten ganz warm ums Herz wurde, als sie das Kind sahen. Alle Menschen, die später mit Jesus zu tun hatten, spürten, dass Gottes Kraft in ihm wirksam war. Darum sind die ersten Christen auch ganz schnell dazu gekommen zu sagen: In Jesus ist Gott selbst auf die Welt gekommen. Jesus hat schuldigen Menschen einen Neuanfang geschenkt. Er hat Kranke gesund gemacht. Menschen, die verletzt und traumatisiert waren, hat er mit der Liebe Gottes geheilt. Hoffnungslosen hat er Mut gemacht. – „Euch ist ein Kind geboren!“ Alles wird gut durch Jesus Christus! Unser Leben und unsere Welt.
-          Ewig-Vater: Die Geschichten von der Geburt Jesu wollen eines ganz unmissverständlich deutlich machen. Mit Jesus ist keinesfalls irgendein menschliches Kind geboren worden wie jedes andere. Ja, dieser Jesus war ganz und gar ein Mensch wie wir. Er hat als Neugeborenes in der Krippe geschrien wie alle Neugeborenen und ist wie sie gestillt worden. Aber zugleich gehörte er ganz und gar zu Gott. Unser Leben ist deswegen durch ihn in Berührung mit der Ewigkeit Gottes gekommen. – „Euch ist ein Kind geboren!“ Dieses Leben ist nicht alles. Durch Christus öffnet sich uns ein Tor zum Paradies; ein Weg in die Ewigkeit.
Und schließlich:
-          Friedefürst: Wir alle wissen, dass Frieden nur gedeihen kann, wenn nicht alle ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. Heute Abend wird das in den Familien nicht anders sein, wenn Frieden unter dem Weihnachtsbaum herrschen soll. Jesus hat uns das in einer unüberbietbaren Weise vorgemacht. Er ist eben nicht im Palast eines Mächtigen geboren. Denn damit wäre er ein Teil der Macht geworden, die ihre eigenen Interessen oft genug mit Gewalt durchsetzt. Jesus ist dagegen den Weg der Machtlosigkeit gegangen – von Anfang an bis zu seinem irdischen Ende am Kreuz. Aber gerade so ist er zum Friedefürsten geworden. – „Euch ist ein Kind geboren!“ Noch ist es nicht wirklich friedlich in dieser Welt, aber seit der Geburt des Kindes ist der Friede Christi unsere Zukunft.

Liebe Gemeinde,
wenn Sie in diesen Tagen eine Kerze anzünden, dann sehen Sie doch bitte mal genau hin. Eine einzige Kerze kann einen völlig dunklen Raum erleuchten, auch wenn er im Grunde noch ganz im Dunkeln liegt. So ähnlich ist es mit dem Menschenkind Jesus, das im Stall von Bethlehem geboren ist. Seit er gekommen ist, sind wir nicht mehr allein. Seit er geboren wurde, wird alles gut. Seit er in der Krippe lag, hat dieses Leben eine Zukunft. Seit der Engel den Frieden Gottes auf Erden verkündet hat, ist der Frieden mehr als eine Hoffnung.
„Euch ist ein Kind geboren!“ Das geht uns alle an. Und es ist wirklich die wunderbarste Botschaft auf der Welt.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben