Predigt zum zweiten Sonntag nach dem Christfest, 3. Januar 2016

Predigt zum zweiten Sonntag nach dem Christfest, 3. Januar 2016

14.01.2016

zu 1 Joh 5,11-13 von Frederik Spindler (Prädikant), Dom Freiberg [erweiterte Version nach Stichworten]

Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat,

und dieses Leben ist in seinem Sohn. 

Wer den Sohn hat, der hat das Leben;

wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.

Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt,

die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

 

Wie ist die Stimmung, so kurz nach dem Neujahrstag? Es soll einmal nicht um die Vorsätze fürs neue Jahr gehen. Meine Stimmung – wie die etlicher anderer – heißt in etwa: „geschafft!“ Nach dem Advent, allen Vorbereitungen, den vollen Weihnachtstagen, dann die „Zwischentage“, und noch einmal Silvester – geschafft. Ein Kraftakt ist vollendet.

Alljährlich gab es die Mahnung, sogar aus dem Radio: das Fest soll besinnlich sein, lasst euch nicht vom Trubel mitreißen, Advent ist zur Ruhe da! Und, hat’s denn geklappt? Warst du auch fein besinnlich? Das kann als Drohwort daherkommen: Hast du auch ja etwas im Geiste begriffen?! Jetzt, heute, nach dem Sturm, ist es zu spät? Die Hochstimmung ist vorbei. Winterloch.

Als Kind hatte ich einen Kalender, der war noch von der Sorte, dass nur jedes zweite Kalenderblatt ein farbiges Foto hatte. Und da nun der Dezember ein buntes Bild brauchte, und da ich schon immer Tierliebhaber war und darum einen Zoo-Kalender hatte, starrte im neu anbrechenden Januar ein graues Kamelgesicht in mein Zimmer. Ein Abglanz des Wetters und der Tristesse dieser Zeit. Als Kind lebt man von Vorfreude, aber zwischen Silvester und Ostern liegt eine lange Durststrecke. Bis heute denke bei „Januar“ zuerst an das doofe Kamelgesicht, meine innere Ikone jener Zeit nach den schönen Wochen.

Nun wissen wir: Weihnachten geht weiter. Was also bleibt, wenn die Welle der Euphorie durch ist? Ich habe sie wieder gehört, die Predigten von den Hirten, die ganz verändert von der Krippe weggingen. Sie waren dem Wort der Engel gefolgt, kamen zum Kind von Bethlehem, und auch wenn sie in ihren Alltag zurückkehrten, waren sie doch im Innern beschenkt und verwandelt. Eine schöne Geschichte halt.

Ganz ohne Häme: jede Geschichte, die Glauben und Zuversicht weckt, ist gut. Auch haben wir es doch begriffen, dass historische Korrektheit, wenngleich nicht unwichtig, doch nicht alles ist am Glauben. Und das ist nur gut so. Dann man muss Veränderung zum Frieden proklamieren dürfen, noch bevor man sichtbare Umkehr einfordern kann. Weil aber doch die Hirten an unserer statt in Bethlehem waren – „mit den Hirten will ich gehen“ –, soll es einmal hinterfragt werden. Fakt ist, wir wissen nichts über die innere Veränderung der Hirten. Laut der Bibel haben sie das Evangelium weitergetragen. Mehr liest man nicht. Offenes Ende; auch das an unserer statt.

Was, wenn sie eine Woche später die Hochstimmung verließ? Ich kenne ja die Zurückkehrer, die eine Weile begeistert für den Glauben standen, und dann doch nicht genügend Tiefe hatten, ihr Leben dieser Hoffnung anzuvertrauen. Falls es bei den Hirten möglich war, bleibende Veränderung zu erfahren – wir haben doch Jahrhunderte der Theologie und geschichtlicher Bewältigung mehr, um zu begreifen, wie sehr die Welt dieses Kind braucht. Also, was bleibt nach der Euphorie?

Ich möchte niemandem die Weihnachtsfreude nehmen. Ich selbst habe einiges von mir ferngehalten, was mir die Idylle getrübt hätte. Ich bin harmoniebedürftig genug, um zu wissen, wie seht wir auch von Sichtbarem und von Hochstimmung leben. Nur Illusion, die bringt halt nichts, darum das Hinterfragen. Denn es könnte sonst jeder daherkommen und sagen: Ich habe keine besondere Stimmung gehabt, ich habe nichts Heiliges gespürt, und darum ist Weihnachten, ach der ganze Glaube nichts für mich.

Aber was soll das für ein Schluss sein? Nach wessen Regeln soll das richtig sein? Weihnachten ist nur Weihnachten, wenn es für alle geschehen ist, nicht nur für die mit einer super spirituellen Neigung. In einer öffentlichen Diskussion sagte ein junger Mann, er sei einmal Christ gewesen und nun nicht mehr – was immer das heißen soll. Grund dafür sei seine Erkenntnis, dass er das Sprechen Gottes, das er zu vernehmen meinte, im Kopf selbst erzeugen konnte…

Ja, wo denn bitte sonst? Wenn Gott spricht, ob durch Nachdenken, durch Menschen, durch die Schrift, durch Ereignisse – das alles muss durch unseren Kopf. Und niemand wird je unterscheiden können, dass der eine Gedanke ein neurologischer Vorgang, der andere aber von Gott sei. Gerade Weihnachten bedeutet doch, dass Gott in alle Natürlichkeit hinein kommt. Und doch wiederholen sich hartnäckig die Erwartungen, Gott müsse so etwas wie „Existenz“ unterworfen sein. So vieles scheitert an der Maßgabe, dass Gott entweder existiert oder nicht, gleich danach noch: welcher Gott. Und wo das die oberste Frage ist, folgt die Enttäuschung auf dem Fuße, wenn sich das Übernatürliche nicht märchenhaft einstellt. Nun sage ich damit nichts gegen übernatürliche Wunder. Wohl aber dagegen, dass das Vertrauen unserer Seele damit steht oder fällt. Wundersame Zeichen waren noch nie für jeden einzelnen Menschen da. Anders das Kind in der Krippe.

Glauben darf nicht elitär werden, denn Weihnachten bedeutet die Machlosigkeit der Eliten. Denn haben wir gepriesen, wie klein sich Gott macht, im Niedrigen und Leiblichen wohnen will, wie Seine Macht zu den Randgruppen kommt. Da liegt ein zerknittertes, verschmiertes Neugeborenes im Fresstrog von Rindvieh und Esel. Die hübschen Vorstellungen in Gemälden und im Krippenspiel sie ja nicht falsch. Der Gottkönig, der den Stall ausleuchtet, immer lieb ist und von seinem behaglichen Stroh aus die Welt lächelnd segnet, meinetwegen auch blond ist – das ist die Symbolik dessen, was wir darin erkennen dürfen. Nur dürfen wir nicht ganz vergessen, was es in der Realität war. Maria betete sicher nicht stundenlang aufrecht neben der Krippe, topfit und mit sauberen Kleidern. Das Thema Joseph und die Nabelschnur, man muss es nur andeuten. Es war heilsam und heilig, aber nicht hübsch und nicht hygienisch.

Eben diese erbärmliche Niedrigkeit hat Gott erwählt, darin zu wohnen. Halleluja, nur der soll uns leiten! Aber bitte, kehren wir das nicht wieder um, indem wir erneut ur-weltliche Maßstäbe anlegen! Denn es wäre verkehrt, wenn Weihnachten nichts weiter ist als eine Zeit Idylle und Besinnlichkeit. Es wäre verkehrt, traurig zu sein, weil das Hochgefühl oder jede Art übernatürlicher Ahnung eben nicht kam. Was soll das für ein Maßstab sein, wenn der Kern doch darin liegt, dass Gott im Kleinsten, im Unscheinbaren wohnt.

Und dann war ja da auch noch ein Predigttext, der scheinbar harte Sortierungen vornimmt. Doch ich möchte darauf vertrauen, dass diese Sortierungen lange meditiert sind und ich sie ebenso sorgfältig lesen darf: Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. – Dieses Wort nicht elitär aufzunehmen, dass ist die Herausforderung.

Zunächst könnte man mit Leichtigkeit ein Abkanzeln darin lesen. Das sind die Guten, das sind die Schlechten. Auch hat man daraus die schon dem Begriff nach unsinnige Sortierung in „Heiden und Christen“ daraus gemacht. Weil aber das nicht gemeint ist, und weil wir doch schon über Wert und Unwert von Euphorie nachgedacht haben, lohnt es sich zu ergründen, was die Bibel hier eben nicht sagt.

Zum Beispiel steht eben nicht da: Wer die richtige Religion hat, der hat das Leben. Das glauben ja viele, und es lebt sich momentan so aus, dass der Moslem zum neuen Untermenschen taugt. Oder eine andere Fehlsortierung: Wer ein aufrechter Demokrat ist, der steht auf der Seite der Guten. So viel Richtiges daran sein mag, es kommt doch vom hohen Ross heruntergespuckt.

Eine weitere Verdrehung wird erschreckend positiv am Leben erhalten, und sie lautet: Wer schön brav ist, zu dem kommt das Christkindlein. Das ist die Moralisierung von Weihnachten. Freilich, es erzieht sich etwas leichter, wenn man ein Druckmittel hat. Doch das Christkindlein möchte doch vielleicht keine Waffe sein.

Und was passiert mit den Unartigen? Die holt der Krampus! Das habe ich erst kürzlich gelernt, als wir bei den Schwiegereltern in Bärenstein waren. Auf der tschechischen Seite ging der Nikolaus mit Naschwerk um. Neben ihm eine dunkle Gestalt, von der zunächst die Vermutung umging, es sei der Teufel. Das ist nicht so ganz richtig, und nicht so ganz falsch. Der Krampus ist eine Art Anti-Ruprecht. Im süddeutschen Raum verbreitet, ist er glücklicherweise zur Witzfigur verkommen. Junge Kerle verkleiden sich als halbe Orks und prügeln sich auch schon mal. Aber früher war es eben ein Erziehungsmittel. Und damit ein Rückfall von der Religion der Gnade – was könnte es besseres geben – zur Moralschublade. Und ich werde nicht zur protestantischen Befriedigung die Katholiken beschimpfen; sondern es ist eben eine menschliche Regung, Moral dem Evangelium vorzuziehen.

Hinter alles das ein dickes Nein! Das ist nicht Weihnachten, und nicht der Erlöser, und ist nicht das Leben. Wenn wir aber so auswalzen, was es alles nicht ist, dann muss auch buchstabiert werden, was es ist. Was das „ewige Leben“ angeht, dem gehen wir nach, wann immer wir uns hier versammeln. Es hat sich herumgesprochen, dass es mehr ist als eine unendliche Zeitachse, sondern eben eine qualitative Aussage: unverbrüchliche Erlösung, Begnadigung, Frieden mit Gott, und von daher Befreiung zum Frieden mit den Menschen. Ich bin geliebt, gerade angesichts des Abgrundes meiner Selbstsucht. Dieses Leben ist eine Burg, und eine Quelle der Kraft, die nicht ich selbst sein muss.  – Soweit Facetten dessen, was Leben vor Gott bedeutet.

Und dann war da dieser Satz, mit dem Johannes die Kurve in Richtung Ende seines Briefes einschlägt: Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. Zunächst heißt es eben, dass er das der Gemeinde schreiben muss. Getaufte Christen in Kleinasien, damals längst eine Hochburg des Christentums. Und dennoch bestärkt er sie im Kern ihres Glaubens, weil es eben nicht offenkundig und beweisbar ist. Die Euphorie hundert Jahre nach Weihnachten kennt keine Augenzeugen der Krippe mehr.

Darüber hinaus bedeutet es, dass wir die Absicht des Johannes erkennen. Die Intension liegt in der Erbauung der Gläubigen. So kommt es auch anderswo in der Bibel vor, dass die ungläubige Seite gar nicht im Fokus steht. Du glaubst, du hast das Leben, nur das musst du wissen.

Die Absicht ist nicht, aus dem Umkehrschluss heraus die Keule der wahren Religion zu schwingen. Viel besser ist da seliges Unwissen. Jemand bekennt sich nicht zu Christus auf die Art, die du für richtig hältst? Dann ist das Gottes Sache. Der Mensch ist nicht egal, und unser Zeugnis ist nicht egal. Erst recht nicht unsere Ethik. Nur braucht es keine Flagge der „wahren Religion“. Wenn das der Moslem macht, ist uns das verpönt. Wir machen das halt subtiler. Immerhin haben wir ja auch wirklich die wahre Religion, nur sieht das der Moslem noch nicht richtig ein. – Um allem Zweifel zu wehren: ich rede sarkastisch, denn es ist ja die Sprache der Verachtung und die Sprache der Schreckgestalten: der Mohr, der Jud, der Türk. Sarkasmus aber ist kein Zynismus, denn der kommt noch aus dem Schmerz. Sicher, ich möchte auch nicht islamisiert werden, doch damit sage ich auch etwas über Christianisierung. Wir müssen uns den Satz gefallen lassen, dass uns ein schlechter Christ noch höher geschätzt ist als ein guter Moslem. – Die Sortierungen müssen aufhören!

Wenn es sich denn am Glauben, also am Vertrauen in den Namen des Sohnes entscheidet, dann ist’s egal, in welcher Kultur sich das realisiert. Wären die Krippenfiguren von der Kirche beeindruckt? Das Jesuskind ein Jude, die Hirten (bestenfalls!) auch. Ob die Hirten, wie im Lied behauptet, redlich waren, ist eine steile Behauptung. Die ersten Anbeter aus der großen weiten Welt: Astrologen! Sehen wir’s ein, Jesus kam nicht zu den redlichen Juden, sondern zu allen Menschen. Wenn zu mir, dann auch zu anderen.

Es ist wahr, weihnachtliche Idylle vereint Menschen. Aber eben nur recht kurz. Was in Ordnung ist. Solange man sich nicht immer wieder darüber wundern muss. Euphorie und Aktion und Sichtbares und Schenken, das ist wunderbar und soll gern so bleiben. Aber wir sprachen doch vom Ewigen, da muss noch mehr sein…

Was Menschen länger zusammenbringt, und was Menschen rettet, das ist das Vertrauen in Seinen Namen. Zuerst kommt die globale Hoffnung, und viel, viel später geht es um Religion. Doch welchen Namen meint Johannes? Wir sind uns einig, dass er uns nicht als existentielle Weisheit vermitteln will, dass Jesus ein besserer Name ist als Holger oder Melanie. Sondern es geht um das, wofür der Name des Sohne Gottes steht. Wenn es also weihnachtlich gedacht werden soll, wie könnte das besser gehen als mit Jesaja 9. Der Prophet hat Jahrhunderte vor Weihnachten Namen für das Kind gefunden, die in sich schon buchstäblich ein Gedicht sind:

Unsere Hoffnung hat den Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.

Wunder-Rat, der Dinge sagt, in denen ich mich wiederfinde, vielmehr noch, wer ich besser noch werden soll. Dessen Wort richtet auf und kehrt Verzweiflung in Freude. Sein Einspruch fällt Mächtige und krönt Gebeugte.

Gott-Held, das ist der Schöpfer selbst, der Ursprung, Sinn und Ziel einer kaputten Welt aufrechterhält. Seine Macht umfängt alles Leben. Ein Held, der viel Unheil abfängt. Was dennoch geschieht, kann Er in Licht verwandeln.

Ewig-Vater, eines Wesens mit dem, der sich mit „ich bin“ vorstellt: an Ihm scheitern alle Grenzen. Vaters Treue ist unverbrüchlich. Er hält die Hand im Leben wie im Sterben. Er feiert deine Feste, bedeckt deine Schande, er wischt deine Tränen, er vergibt.

Und dann ein vierter Name, wohl der einzige, der auch für uns greifbar ist. Alle anderen sind hoch und göttlich, doch in diesem einen Namen sollen auch wir göttlich werden, indem ihr dem Frieden Bahn machen. Friede-Fürst, dessen Name ist: der sich mit den Ausgestoßenen und Vertriebenen abgibt, der über die Niedrigen die Nase nicht rümpft. Bei dem nicht gilt, was du gelernt hast, was du wählst, wie zu beten du erzogen wurdest. Er teilt aus nach Bedürfen, vertreibt auch falsche Freiheiten, und lässt das Herz blühen.

Das alles, das ist der Name des Gottes in Windeln. Wo dieser Geist herrscht ist Leben.

 

Wir dürfen glauben, dass es diese Hoffnung ist, die die Hirten eine Woche nach Weihnachten mit uns heute verbindet. Sie standen in ihrem Alltag, im tristen Januar und schauen sich um. Blödes Kamelgesicht. Was sie erlöst, war hinter dem Gesicht der Welt. Nicht beweisbar, und aller Regel nach keine spürbare Euphorie. Aber doch geschehen, vertrauenswürdig, glaub-würdig.

Vertrauen in den Friede-Fürst, das schenkt Leben, und das ist mir schon meine Religion wert. Wer immer diese Hoffnung teilt – ein Hirte, ein Astrologe, ein anders erzogener, ein Spötter, und sogar ein elitär denkender Christ – wer auf diesen Namen setzt, ist mir Schwester, ist mir Bruder.

Fröhliche Weihnacht überall!

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