Predigt am Buß- und Bettag, 22. November 2017

Predigt am Buß- und Bettag, 22. November 2017

22.11.2017

zu Matthäus 12, 33 - 35; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in unserem Kleingarten steht ein Birnbaum. Der war von Anfang an voller Birnenrost. Er hat zwar im Spätsommer sehr wohlschmeckende Früchte getragen, die waren allerdings durch den Birnenrost alle mit hässlichen Flecken versehen. Insofern kann ich Jesu Wort von den guten Bäumen, die gute Früchte tragen, und den faulen Bäumen, die faule Früchte tragen schon nachvollziehen. Gartenbesitzer wissen allerdings, dass manchmal alte und innerlich schon völlig hohle Bäume ganz wunderbare Früchte tragen können. Aber Jesus wollte ja kein Gärtnerhandbuch schreiben.
Seine zum Teil sehr harschen Worte zielen in eine ganz andere Richtung – auf die Pharisäer. Sie haben ihn einige Verse zuvor beschuldigt, er sein mit Dämonen im Bund. Jesus hatte einen Blinden und Stummen geheilt und sie hatten ihm vorgeworfen, er treibe die entsprechenden Dämonen durch den obersten Dämonen aus. Krankheit wurde damals ja oft als eine Besessenheit mit Dämonen angesehen.
Jesus macht nun mit allem Nachdruck deutlich, dass er keineswegs mit dämonischen Mächten paktiert. Er wirkt vielmehr in der Vollmacht des Geistes Gottes. Darum konnte der Stumme und Blinde geheilt werden. Zum Zeichen, dass es so ist, verweist er auf die Obstbäume. Wie ein guter Baum gute Früchte trägt, so hat Jesus in der Vollmacht Gottes den Kranken geheilt, sozusagen eine gute Frucht hervorgebracht. Umgekehrt kann man an diesem guten Ergebnis der Heilung sehen, dass Jesus nicht mit bösen Mächten im Bunde ist, sondern in der Kraft des Heiligen Geistes Menschen gesund macht. „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz“, unterstreicht Jesus seine Worte.
Ich finde das Wort von den bösen und guten Früchten zunächst einmal sehr plausibel. Man kann an den positiven oder negativen Wirkungen von Menschen oder Gemeinschaften wirklich viel erkennen, auch und gerade unter Christen. Da gibt es Christen, denen man ihren Glauben nicht im Geringsten abspüren kann. Wieder andere sind so begeistert vom Glauben, dass sie sich nicht vor fragwürdigen Methoden scheuen, wenn es gilt, diesen Glauben weiterzugeben. Und es gibt Christen, die wirklich gute Früchte tragen, meist ganz im Stillen und Verborgenen. Die Alte und Kranke besuchen, die Flüchtlingskindern Deutsch beibringen, die mit ihrem Glauben einfach ein Vorbild sind, mit Kindern oder Enkeln das Vaterunser beten und so ganz im Stillen die Saat des Glaubens ausstreuen. – Im weltlichen Bereich ist das mit den guten Früchten nicht viel anders. Die Parteien in unserem Land scheinen alle miteinander mehr an ihren nächsten Wahlergebnissen als am Wohl unseres Landes interessiert zu sein. Das ist in einem gewissen Rahmen ihr gutes Recht und sogar ihre Pflicht. Aber das Land ohne Regierung dastehen zu lassen und zu riskieren, dass die radikalen Ränder im Bundestag künftig nach Neuwahlen noch stärker vertreten sein werden, das kann man nur schwer als eine gute Frucht ansehen.
Nun hören wir das Wort von den guten und faulen Früchten ja heute am Buß- und Bettag. Wir in Sachsen haben den Feiertag noch und damit die Gelegenheit, einmal in Ruhe darüber nachzudenken, wo in unserem eigenen Leben eine Umkehr möglich und vielleicht sogar nötig ist. Jesu Wort von den guten und den schlechten Früchten kann uns dazu eine wirksame Hilfe sein.
Nehmen wir einmal als Erstes und vielleicht tatsächlich Wichtigstes unseren Glauben. Natürlich kann ich mich heute am Bußtag fragen: Stehe ich in einer engen inneren Verbindung zu Jesus Christus? Oder ist mein Glauben angenagt von lauter Zweifeln und all den Ablenkungen dieser Welt? Spielt meine Glauben in meinem Denken und Fühlen eine große oder eine eher untergeordnete Rolle? Aber so richtig führt uns das nicht weiter. Wir alle wissen ja vermutlich von uns selbst, wie sehr unsere inneren Befindlichkeiten wechseln und schwanken können. Und wer will schon die Intensität des eigenen Glaubens wirklich beurteilen? Was der eine als ein inneres Glaubensleben voller Lauheit und Gleichgültigkeit empfinden mag, würde ein anderer als ein munter loderndes Feuer ansehen. Aber ich kann mich nach den Auswirkungen meines Glaubens für mein Leben fragen: Wie oft sehe ich eigentlich eine Kirche von Innen? Wir, die wir heute hier versammelt sind und das an einem Tag, der thematisch nichts Erfreuliches bietet, haben an dem Punkt vielleicht nicht so viel Handlungsbedarf. Aber es gibt genügend Gemeindeglieder, die in dieser Hinsicht durchaus Anlass zur Umkehr hätten. – Eine andere Frage wäre, wie sehr mein Glauben mich dazu bewegt, mich in irgendeiner Form innerhalb oder außerhalb meiner Gemeinde ehrenamtlich für die Kirche, für andere Menschen oder eine gute Sache zu engagieren. Wir haben in der Domgemeinde beispielsweise eine ganze Reihe von Ehrenamtlichen, die sich mit aller Hingabe einsetzen. Gott sei Dank. Aber es gibt auch Bereiche, wo wir dringend noch jemanden gebrauchen könnten, aber niemanden finden. Auch hier wäre ein Richtungswechsel mancher Schwestern und Brüder im Glauben vonnöten. – Schließlich ist es natürlich auch eine Frage, wo ich eigentlich als Christ sichtbar werde. Wissen die Menschen um mich herum, dass ich zu Christus und seiner Kirche gehöre? Bin ich als Christ für sie erkennbar?
Es geht aber nicht nur um den Glauben im eigentlichen Sinn. Unser Glaube will ja das ganze Leben prägen. Da stellt sich ganz grundsätzlich die Frage: Wo bringt mein Leben gute Früchte hervor? Welche Punkte könnten auf meiner Habenseite stehen, wenn ich es eines Tage im Licht der Liebe Gottes mein Leben ansehen werde? An welchen Stellen in meinem Leben werde ich der Liebe Gottes, die ich empfangen habe, gerecht oder eben auch nicht? Man kann es aber auch ganz einfach formulieren: Wo haben Menschen oder die Allgemeinheit etwas davon, dass es mich gibt? Wo würde ich fehlen, wenn ich morgen nicht mehr da wäre?
Die Frage nach den guten Früchten meines Lebens ist eigentlich eine Kernfrage am Bußtag. Sie kann ganz unterschiedlich beantwortet werden: Der Unternehmer kann gute Früchte vorweisen, wenn er das Wohl seiner Mitarbeiter und seiner Kunden im Auge hat und nicht nur das eigene oder das seiner Aktionäre. Den Verantwortlichen bei Siemens wäre da die entsprechende Erkenntnis zu wünschen. – Eine Künstlerin kann gute Früchte vorweisen, wenn sie mit ihrer Kunst die Menschen berührt und damit die Welt ein klein wenig menschlicher macht. – Ein Handwerker kann diese guten Früchte vorweisen, wenn er ordentliche Arbeit abliefert, an der die Kunden Freude haben. – Eine Krankenschwester kann diese Früchte vorweisen, wenn sie in den Patienten Menschen und nicht nur Arbeitsaufgaben sieht, die möglichst schnell abgearbeitet werden müssen. – Eltern können gute Früchte ihrem Leben erkennen, wenn sie ihren Kindern Halt geben,  eine Orientierung und natürlich Liebe und Geborgenheit. – Familien tun dies, wenn sie beispielsweise Angehörige pflegen oder alten Nachbarn helfen, den Alltag zu bewältigen.
Wenn wir also heute am Bußtag über unser Leben nachdenken, dann sind die guten Früchte ein wichtiges Kriterium: Was haben Menschen davon, dass es mich gibt? Haben Sie überhaupt etwas davon?
Manche unter uns können mehr davon vorweisen als andere. Für uns alle gilt: Es könnte natürlich immer noch mehr sein! Gott sei Dank gibt es da keinen Wettbewerb. Gott sei Dank hängt Gottes Gnade und Barmherzigkeit nicht von den guten Folgen ab, die unser Leben für andere oder das Gemeinwohl hat. Aber je weniger wir die Frage befriedigend für uns beantworten können, desto mehr haben wir Anlass, einen Richtungswechsel vorzunehmen, biblisch gesprochen: umzukehren oder Buße zu tun.
Heute ist aber nicht nur ein Tag, uns selbst nach diesen Früchten zu befragen. Es ist auch ein Tag, das mögliche Fehlen solcher Früchte zu bekennen, sich die Vergebung zusprechen zu lassen und sich für die Umkehr stärken zu lassen. Darum werden wir nachher das Bußgebet Martin Luthers sprechen – und uns  im Abendmahl die Vergebung Christi zusprechen lassen, die er am Kreuz besiegelt hat. Die Gemeinschaft mit ihm in Brot und Wein ist zugleich so etwas wie der Dünger, der uns hilft, gute Früchte hervorzubringen. Wie Paul Gerhardt gebetet hat:
„Gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe.“
Amen.

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