Predigt zum Berggottesdienst am 26. Juni 2016 im Dom Freiberg

Predigt zum Berggottesdienst am 26. Juni 2016 im Dom Freiberg

27.06.2016

zu 1. Buch Mose, Kapitel 12, Vers 1-4a

„Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte.“

 

Liebe Bergbrüder und Bergschwestern, liebe Gemeinde,

das war wieder ein schöner und faszinierender Einzug hier in unseren Dom. Sie in ihren historischen Uniformen lassen ein Stück großer und bedeutender Tradition lebendig und sichtbar werden. Und um wie viel ärmer wäre unsere Stadt, wenn es nicht hier und anderswo Menschen gäbe, die mit großem Aufwand diese Tradition pflegen würden? Allerdings scheint mir dabei wichtig zu sein, dass wir bei den äußeren Dingen nicht stehen bleiben. Wenn es mehr sein soll als ein großes imponierendes Theater, kommen wir nicht umhin, auch die damit verbundenen geistigen Ströme und Überlieferungen mit in den Blick zu nehmen. Und ich will versuchen, an einem Punkt auf diesen geistigen Grund zurück zu greifen.
In einem Marienberger Berggebetbuch aus dem Jahr 1830 sind neben Liedern und biblischen Texten eben auch verschiedene Gebet abgedruckt: „Am Morgen“ , also zu Hause, bevor man sich auf den Weg machte; „Vor dem Einfahren“, wenn der Bergmann seine Arbeitsstätte erreicht hatte; „Nach dem Ausfahren“, wenn das Tagewerk erfüllt war; und „Am Abend“ dann wieder zu Hause. Der ganze Tageskreis und damit auch der Lebenskreis wurden mit diesen Gebeten umfasst. Und zu dem Gebet „Am Morgen“ gibt es einen „Zusatz“, den ich heute betrachten möchte:

„Der Himmel ist trübe, aber die Seele ist heiter,
die Luft ist rau und kalt, aber das Herz ist warm und mild,
es stürmt in der Natur, aber ruhig ist das Gewissen.
Darum getrost hinaus!
Gott wird mich selbst begleiten und bald steh ich am Ziele. Amen.“

„Darum getrost hinaus! Gott wird mich selbst begleiten“. Das sind andere Worte, aber sie sprechen vom Selben wie der Anfang der Geschichte von Abraham: „Ich will dich segnen…, und du sollst ein Segen sein“. Es markiert die Basis, auf der wir unser Leben und Arbeiten bewältigen können und sollen.
Dabei dürfen wir zwei – aus meiner Sicht irrigen – Vorstellungen nicht erliegen.
Die eine ist die nostalgische Wahrnehmung der Vergangenheit in dem Sinne, dass man das Frühere verklärt, was sich zuweilen in einer solchen Äußerung widerspiegelt wie: früher war es besser, ruhiger, klarer, gelassener. Das würde auf der Rückseite nämlich bedeuten, dass wir unsere eigenen Belastungen künstlich vergrößern oder aufblasen.
Die andere Fehlwahrnehmung könnte darin bestehen, dass man sich das Leben in der Vergangenheit als eine reine Tortur vorstellt. Das liegt einem nicht so fern, wenn man sich vor Augen hält, unter welchen Bedingungen in der Grube gearbeitet und außerhalb gelebt wurde.  Das hieße aber auch, heutige, moderne Belastungen zu verharmlosen. Damit würden wir wohl denen nicht gerecht, die unter den Anforderungen leiden, die heute an sie gestellt werden.
Mit „trübem Himmel“, „kalte und raue Luft“ und „stürmende Natur“ ist ja weniger der Wetterbericht gemeint, sondern alles, was in und um uns unser Leben und Lebensglück beeinträchtigt. Und wer kennt nicht das innere Seufzen: ich will nicht raus!? Es sollen also unsere Lebens- und Arbeitsverhältnisse weder schlimmer noch weniger schlimm dargestellt und gedacht werden, als sie tatsächlich sind.

Und dazu nun der Kontrast: die „heitere Seele“, das „warme und milde Herz“, das „ruhige Gewissen“, der diesem Gebetszusatz seine bemerkenswerte Stimmung gibt.

Die heitere Seele. Die steht in einem deutlichen Gegensatz zu dem Druck der Forderungen, den wir immer wieder empfinden und der ganz schnell in eine Überforderung umschlagen kann. Übrigens ein Druck, der nicht nur von außen, sondern oft auch vom eigenen Herzen, also von innen kommt. Ein Symptom, das einen sorgenvoll stimmen kann, ist die gravierende Zunahme der psychischen Erkrankungen. Haben wir ein Stück weit verlernt, wirklich abzuschalten und Atempausen einzulegen? Manchmal scheint es mir so – und ich rede da gar nicht nur von anderen. Es braucht dabei nicht betont zu werden, dass hier nicht der Faulheit das Wort geredet werden soll. Die heitere Seele, die ein Ausdruck dafür ist, dass jemand Luft zum Atmen hat und in der Lage ist, buchstäblich oder im übertragenen Sinne das Werkzeug aus der Hand zu legen. Dabei scheint mir das Vertrauen eine unerlässliche Rolle zu spielen, das darin begründet ist, dass man der Zusage traut: „Ich will dich segnen.“ Denn das bedeutet ja zugleich, dass wir nicht dazu verurteilt sind allein unser Leben zu erhalten.

Das warme und milde Herz. Das ist nun etwas ganz anderes als die verbissene Ruppigkeit, die unter dem Zwang steht, sich in jedem Falle selbst durchsetzen zu müssen. Wir können uns als eine Ausdrucksform dafür die sogenannten sozialen Netzwerke vor Augen halten. Da gehört man zu einer Gruppe von Menschen, die sich in ihrer Meinung immer gegenseitig bestärkt, auch wenn sie noch so töricht ist. Und die, die anders denken, die werden dann schnell zu Feinden, auf die man dann in einer Art und Weise losgeht, die selbst die geringsten Regeln des Anstandes nicht mehr beachtet. Sind wir dabei, zu verlernen,  auf den anderen zu hören, auf seine Beweggründe, seine Argumente? Dass ich nicht davon rede, dass wir profillos sein sollen, liegt hoffentlich auf der Hand.
Wie klingt dagegen das Wort vom warmen und milden Herzen, das dem anderen gegenüber offen und ihm zugewandt ist und bleibt. Und wer hätte nicht selbst schon bemerkt, wie Segen davon ausgeht, wenn einer in solcher Offenheit einem anderen begegnet? „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“. Ich bin überzeugt, dass in dieser Weise nur jemand offen sein kann, der selbst davon ausgeht, dass er gesegnet ist.

Das ruhige Gewissen. Es tritt an die Stelle des Unbehagens, dass – wiederum von außen und von innen – in uns wachsen kann bei dem Gedanken, wir hätten noch mehr tun können und noch mehr tun müssen. Eine Erscheinungsform davon könnte sein, dass mancher nicht mehr in der Lage ist, den Sonntag von Arbeit frei zu halten und das, was liegen geblieben ist, noch zu erledigen. Hängt es damit zusammen, dass es uns zunehmend schwer fällt, anzuerkennen, dass alles, was wir tun unvollendet und unvollkommen ist und dass diese Tatsache zu den Grundgegebenheiten unseres Lebens gehört?
Ich rede nicht der Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Tun das Wort! Das ruhige Gewissen bedeutet, dass wir genug auch genug sein lassen können. Und es hängt unerlässlich daran, dass jemand überzeugt ist, dass Segen nicht von der Perfektion unseres Tuns abhängt, sondern dass Segen auch bedeutet, davon auszugehen, dass auch das bruchstückhafte Werk am Ende Gutes und Wichtiges bewirken wird.

Es war wieder ein beeindruckender, imposanter Einzug Ihrer Bergparade heute. Ich kann nur hoffen, dass wir neben der äußeren Tradition die innere nicht verkümmern lassen. Wie wäre es, wenn jemand, bevor er morgens das Haus verlässt, sich die zwei Minuten nimmt und in Ruhe diese alten Worte liest und bedenkt?

Amen.

 

 

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben