Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 9. August 2020

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Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 9. August 2020

09.08.2020

zu Jeremia 1, 4 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
während meines Dienstes als Persönlicher Referent des Landes­bischofs hatte ich gelegentlich auch die Andacht zum Beginn der Kirchenleitungssitzung zu halten. Die Losung gab an einem Sitzungstag die Thematik „Gebet“ vor. „Das Beten“, sagte ich damals, „ist ein Gespräch mit Gott. Von unserer Seite her ist das relativ einfach. Gott hört unser Gebet; darauf können wir ver­trauen. Umgekehrt ist es manchmal schon schwieriger, Gottes Antwort auf unser Gebet zu vernehmen. Aber Gott findet schon einen Weg, mit uns zu kommunizieren.“ In genau diesem Augen­blick klingelte mein Handy in der Jackettasche. Sie können sich das Gelächter vorstellen, dass durch den großen Besprechungs­raum im Landeskirchenamt brandete.
„Des Herrn Wort geschah zu mir“, heißt es in der Erzählung von der Berufung des Jeremia zum Propheten. Es bleibt ungesagt, auf welche Weise oder in welcher Form Gott zu dem Propheten spricht. Ist es ein Traum, in dem er Gottes Wort hören und mit ihm diesen Dialog führen kann? Ist es eine Vision, die er mitten am Tag hat? Wir erfahren es nicht. Was wir erfahren, ist: Gottes Wort ereignete sich. Gott sprach den Jeremia direkt an. Nun sind wir keine Propheten. Hat dieser Text dann überhaupt eine Bedeutung für uns? Erleben wir es auch, dass sich Gottes Wort mitten in unserem Leben ereignet?
Nach unserem lutherischen Bekenntnis ist es zunächst einmal in erster Linie die Heilige Schrift, in der das Wort Gottes ent­scheidend seinen Niederschlag gefunden hat. Darum werden ja in jedem normalen Gottesdienst zwei Texte aus der Bibel gelesen und häufig kommt noch der Predigttext hinzu. Aber spricht Gott durch die Lesung eines Abschnitts aus der Heiligen Schrift bereits zu uns? Geschieht das Wort, wenn wir einen Text hören oder lesen? Haben Sie es eben so empfunden, dass Gott zu Ihnen gesprochen hat, als das Evangelium gelesen wurde?
Nicht immer wird es so sein, aber manchmal geschieht es in der Tag und dann in einer wirklich erstaunlichen und bewegenden Weise. Vor zwei Jahren war dieser Text schon einmal der biblische Text, über den ich zu predigten hatte. Das hat übrigens etwas mit der Neuordnung der Predigttexte zu tun. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mir den Text am Montag durchlas und der Text sprach sofort zu mir. Sofort hatte ich eine Idee, was ich am Sonntag predigen wollte. Der Gedanke kam mir, dass Gott uns zu bestimmten Zeiten eine Aufgabe sozusagen vor die Füße legt. Wir werden gerufen, etwas zu tun oder einen bestimmten Weg einzuschlagen. Wichtig ist es, so wollte ich predigen, dass wir uns dieser Verantwortung oder dieser Herausforderung stellen.
Am Donnerstag derselben Woche lag ich abends gegen halb elf Uhr bereits im Bett, als unser privates Telefon im Flur klingelte. Am Telefon war eine Bekannte, von der wir sehr lange nichts mehr gehört hatten und von der wir nicht einmal mehr eine Adresse hatten. Es stellte sich heraus, dass sie sich in einer Lebenskrise befand und nicht mehr weiterwusste. Eine Stunde lang sprachen wir miteinander. Ich hörte zu, was sie von sich zu erzählen hatte. Sie hatte wegen Mobbing ihre Arbeitsstelle aufgegeben und ihre Wohnung gekündigt, hatte aber nichts Neues gefunden. So bot ich ihr an, erst einmal im Gästezimmer im Pfarrhaus unterzukommen. So konnte sie ihr Leben Schritt für Schritt neu ordnen. „OK“, dachte ich, als ich den Hörer nach einer Stunde wieder auflegte. „Ich habe verstanden. Das ist es also, was Du mir durch diesen Text von der Berufung des Jeremia sagen wolltest. Das ist jetzt die Aufgabe, die Du für uns hast.“ Am 1. August vor zwei Jahren stand die Bekannte dann mit ihrem Gepäck vor der Pfarrhaustür.
„Des Herrn Wort geschah zu mir“: Nicht immer ist es ein Bibeltext, durch den sich Gottes Wort ereignet. Manchmal hören wir auch einen Satz aus einer Predigt, als hätte der Prediger ihn für uns und gerade für uns und eigentlich nur für uns gesprochen. Manchmal ereignet sich Gottes Wort auch durch die Anrede eines anderen Menschen. Vor den Sommerferien hatten wir ja das Ehepaar Eidner hier im Dom mit einem Singspiel zu Franziskus von Assisi zu Gast. Ich stellte mich vor, als ich in den Dom kam und sagte: „Wir sind uns vor vielen Jahren mal in Strehla be­gegnet“. „Ja“, sagte Amadeus Eidner, „Sie gehören zu den Menschen, die mein Leben entscheidend beeinflusst haben“. Er erzählte, dass er mal einen Termin in meiner ersten Gemeinde abgesagt hatte, weil er einen wichtigeren Termin im Zusammen­hang mit einer anderen Tätigkeit hatte. Meine Reaktion war wohl ziemlich ärgerlich ausgefallen und ich hatte erwidert, er müsse sich schon entscheiden, was er tun wolle. Das war für ihn der Anlass, seiner eigentlichen Berufung zu folgen.
Manchmal hören wir allerdings auch Worte, von denen wir vielleicht nur denken, sie seien Gottes Wort. Es hat in der Geschichte der Kirche und im Leben einzelner Menschen viele Irrwege, viele völlig falsche Weichenstellungen gegeben, aus denen viel Leid hervorgegangen ist. Es wird uns ja immer wieder vorgehalten, dass es im Namen Jesu die Kreuzzüge gegeben hat, dass Ketzer verbrannt und Juden verfolgt wurden. Selbst einer wie Martin Luther hat sich trotz aller Bindung an die Heilige Schrift ja bekanntlich in Bezug auf die Juden auch auf fatale Irrwege begeben. Gottes Wort geschieht zwar nicht nur im Hören auf die Heilige Schrift allein. Aber es muss sich immer an ihr messen lassen und an dem, den sie verkündigt, Jesus Christus. Jesus Christus ist nach der Barmer Erklärung von 1934 das eine Wort Gottes, auf das wir zu hören haben. Er ist das Kriterium, ob des Herrn Wort zu uns geschieht oder nicht. Die Auffassung, Gott habe in Adolf Hitler zu den Deutschen gesprochen, musste sich vom Evangelium von Jesus Christus her gesehen von Anfang an als irrig erweisen. Jede menschenfeindliche Ideologie – und möge sie sich anfangs noch so kirchenfreundlich geben – kann sich nicht dem Wort Gottes verdanken. Aber auch alle Frömmigkeit, die den Menschen einengt, die ihn bevormundet, ihm Lebensmög­lichkeiten verwehrt, in von anderen Menschen trennt, kann sich nicht auf eine Anrede Gottes berufen. Die Gnade und Barmherzig­keit Jesu Christi und die Freiheit in Verantwortung, zu der er uns beruft, sind das entscheidende Kriterium, ob sich wirklich Gottes Wort ereignet hat oder nicht. Insofern sind Gottes Wort und die Heilige Schrift bzw. das in ihr enthaltene Zeugnis von Jesus Christus nicht identisch. Aber sie sind auch nicht voneinander zu trennen. Durch das Wort der Schrift kann sich Gottes Wort ereignen und wenn es das abseits der Schrift tut, muss es sich an ihr messen lassen.
Dass Gott durchaus auch abseits der Schrift zu uns spricht, habe ich damals in der Andacht vor der Kirchenleitung deutlich zu machen versucht. Das Handy klingelte allerdings ganz zufällig an der richtigen Stelle – oder war es gar kein Zufall? Gott spricht schon manchmal auf ganz besonderen Wegen zu uns. In dem Andachtsbuch, das während der Corona-Schließung in der Annenkapelle auslag, steht eine berührende Geschichte von einem Seelsorger am Anfang seines Dienstes. Er wurde zu einer Patientin gerufen und wusste überhaupt nicht, was er zu ihr sagen sollte. Er fühlte sich komplett hilflos, weil ihm nicht ein einziger Satz in den Sinn kam, der dieser Frau vielleicht helfen oder sie wenigstens ein wenig trösten könnte. Als er nach Hause zurückkehrte, fühlte er sich als totalen Versager und war völlig am Boden. Einige Zeit später begegnete er ihr noch einmal. Sie dankte ihm überschwänglich für seinen Besuch und für alle die guten und tröstlichen Worte, die er ihr gesagt hatte und die sie als einen Wendepunkt für sich empfang. Er erkannte: Gott hatte durch sein hilflose Schweigen zu dieser Patientin gesprochen.
Des Herrn Wort geschieht. Er berührt Menschen durch das Hören und Lesen der Texte aus der Heiligen Schrift und schenkt ihnen den Glauben, das Vertrauen auf seine Gnade und Barmherzigkeit. Er beruft Menschen in seinen Dienst, vertraut ihnen kleine und ganz große Aufgaben an. Er spricht zu uns und tröstet selbst durch das Schweigen anderer hindurch. Des Herrn Wort geschieht. Zu Zeiten des Propheten Jeremia ebenso wie heute. Schenke der Herr uns offene Ohren und offene Herzen.
Amen.

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