Predigt zum 18. Sonntag nach Trinitatis, 11. Oktober 2020

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Predigt zum 18. Sonntag nach Trinitatis, 11. Oktober 2020

11.10.2020

zu 5. Mose 30, 11 - 14; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wenn man von der Fähre nach England herunterfährt, sieht man etwa alle einhundert Meter ein sehr großes Schild am Straßenrand stehen: Drive left! – Fahren Sie links! Wir sind es als Kontinentaleuropäer so sehr gewohnt, das Rechtsfahrgebot einzuhalten, dass wir tatsächlich mehrfach daran erinnert werden müssen, dass es in Großbritannien nicht gilt und dass es im Gegenteil verboten ist, auf der rechten Seite zu fahren. Es dauert ein paar Tage, bis man sich wirklich daran gewöhnt hat, auf der falschen Seite unterwegs sein zu müssen und wenn man gerade ein wenig in Gedanken ist und beispielsweise von einem Parkplatz herunterfährt, kann es dennoch immer mal zu kritischen Situationen kommen.
Das Rechtsfahrgebot ist ein Beispiel für ein Gebot, das einzuhalten uns nicht schwer fällt, das wir im Gegenteil regelrecht verinnerlicht haben. Niemand käme im Traum auf die Idee, in Deutschland auf der linken Seite zu fahren – außer vorübergehend zum Überholen. (Dass das Rechtsfahrgebot auf Autobahnen schwer missachtet wird, ist etwas anderes.)
In dem Text, den wir eben als Predigttext gehört haben, wird das Gebot Gottes in ähnlicher Weise beschrieben. Das 5. Buch Mose fasst die vorhergehenden Schriften des Alten Testaments zusammen, bringt sie auf den Punkt. Die Gebote werden dem Volk noch einmal eingeschärft. Dabei wird aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger gearbeitet. Es wird nicht mit dem Zorn oder der Strafe Gottes gedroht. Nein, es wird gegenüber Israel schlicht darauf verwiesen, dass das Wort Gottes unserem Herzen nahe ist. Wie wir modernen autofahrenden Menschen es verinnerlich haben, auf der rechten Seite zu fahren, so ist es auch mit den Geboten Gottes für die Menschen, die an ihn glauben und auf ihn vertrauen. Das Wort Gottes ist weder zu hoch noch zu fern. Es ist in unserem Herzen verankert; wir brauchen darum eigentlich nur unserem Herzen zu folgen.
Eigentlich! Denn der unserem Text folgende Vers lautet dann: Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor; den Tod und das Böse. Wir Menschen haben also immer die Wahl, ob wir dem folgen, was uns Gott zum Leben als Orientierung gibt, oder ob wir einen anderen Weg gehen, der nicht zum Leben führt.
Die Gebote Gottes haben es darum schon immer schwer gehabt. Es liegt eine große Verlockung darin, Gottes gute Gebote für unser Leben zu missachten. Die ältere Schöpfungserzählung macht das symbolisch in der Figur der Schlange deutlich. Es liegt eine große Verlockung für uns darin, die verbotene Frucht zu essen, also Gottes Gebote zu missachten.
Darum haben es die Gebote Gottes auch schwer in unserer heutigen Zeit. Vielleicht haben Sie es mitbekommen, dass in letzter Zeit viele Apotheker in Deutschlang große finanzielle Sorgen haben, weil der Dienstleister für Apotheken AvP durch kriminelle Machenschaften in Insolvenz gehen musste und vermutlich viele Apotheken um das Geld betrogen worden sind, das ihnen gehört. „Du sollst nicht stehlen?“ Ja, aber wenn man doch mit ein paar winzigen Operationen am Rechner ein Leben in Saus und Braus führen kann?
Sind uns Menschen die Gebote Gottes vielleicht doch zu hoch und zu fern?
Nehmen wir das Gebot, insbesondere vor Gericht, aber auch in anderen Zusammenhängen bei der Wahrheit zu bleiben. Wir haben am Dienstag im Kreuzganggespräch zum Thema erlebt, dass es gar nicht so einfach ist, überhaupt festzustellen, was denn die Wahrheit ist. Aber es gibt eben auch Menschen, die absichtlich und ganz bewusst die Unwahrheit sagen oder schreiben – von Donald Trump bis Claas Relotius, dem ehemaligen Redakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Aber abgesehen von solchen Menschen mit einem ausgeprägten Münchhausen-Syndrom: Bei der Wahrheit zu bleiben, wenn es für einen selbst oder einen nahestehenden Menschen nachteilig wäre, ist wohl für uns alle nicht einfach.
Sind uns Menschen die Gebote Gottes vielleicht doch zu hoch und zu fern?
Denken wir an das nach lutherischer Zählung sechste Gebot, die Treue in einer Beziehung oder einer Ehe zu wahren. Es gab oder gibt im Privatfernsehen eine Sendung, in der es bewusst darum geht, Beziehungen aufs Spiel zu setzen, um damit Quote oder Kasse zu machen. Wenn man in einer solchen Zeit noch mit derselben Frau zusammen ist, die man in seiner Jugend kennen gelernt hat, gehört man ja in unserer heutigen Zeit fast schon ins Museum.
Das Gebot ist Dir nicht zu hoch oder zu fern?
Erstaunlicherweise kenne ich allerdings sehr viele lange verheiratete Paare, die in unserer Zeit Gefahr laufen, im Museum ausgestellt zu werden. Unter uns Christen scheint dann doch das eine oder andere anders zu laufen. Gott sei Dank! Auch wenn wir fehlbare, sündige, schuldige Menschen sind wie alle anderen auch und der Vergebung bedürfen. Aber offensichtlich ist es eben doch möglich, die Gebote zu achten oder sogar zu verinnerlichen. Kürzlich saß ich in einer Runde, in der vier Paare aus unserer Gemeinde schon Jahrzehnte verheiratet sind. Kein Mensch kann mir erzählen, dass es bei denen immer nur Friede, Freude und Eierkuchen gab und gibt. Wenn doch, dann sind immer alle Probleme unter den Teppich gekehrt worden oder es hat immer einer der beiden nachgegeben. Aber dennoch gibt es unter uns Christen viele, die sich ihrem Eheversprechen verpflichtet fühlen und es darum hinbekommen, sich immer wieder zusammenzuraufen; die darum aller Voraussicht nach wirklich zusammenleben werden, bis der Tod sie scheidet. Denen ist das Gebot nicht zu hoch.
Woran mag das liegen?
Ich bin überzeugt, dass es etwas damit zu tun hat, wie intensiv wir uns dem Kraftfeld der Liebe Gottes aussetzen. Wir sehr wir aus unserem Glauben heraus die Gebote Gottes verinnerlicht haben – ähnlich wie das Rechtsfahrgebot auf der Straße. Neulich hörte ich von einer Frau, die in schwierigen Zeiten schwanger wurde, aber das Kind behielt und aufzog. Lieber ein Kind auf dem Kissen als auf dem Gewissen, hat sie gesagt. Je intensiver wir uns in diesem Kraftfeld der Liebe Gottes bewegen, je größer die Rolle ist, die der Glaube in unserem Leben spielt, je mehr wir in der Gemeinde leben und auf Gottes Wort hören, umso einfacher wird es, den Geboten zum Leben zu folgen. Sie werden dann etwas, das dem Herzen einfach nahe ist. Auch wenn das nicht bedeutet, dass wir Gottes Willen wirklich befolgen, denn auch wir Christen sind Menschen, die immer wieder an den Geboten scheitern.
Der Glaube an den Gott, der unser Leben will und der es gutmachen will, schreibt die Gebote in unser Herz hinein.
Aus diesem Grund sind wir heute Morgen hier. Wir heiligen gerade den Feiertag; wir heiligen den Namen Gottes, indem wir zusammen Gottesdienst feiern, wir stellen Gott in die Mitte unseres Lebens, geben ihm allein die Ehre und beginnen die neue Woche darum auf diese Weise hier im Dom.
Und wenn wir dann die Kirchentür wieder durchschritten haben, sind uns auch die anderen Gebote nahe und wir versuchen sie zu leben: Wir haben die Generation vor uns und die nach uns im Herzen. Uns ist es wichtig, dass die Würde und Unversehrtheit menschlichen Lebens geschützt werden. Wir bekennen uns zu der Entscheidung, die wir einmal für einen anderen Menschen getroffen haben. Wir beteiligen uns nicht an unlauteren Machenschaften. Wir versuchen, Wahrhaftigkeit auch in einer Zeit durchzuhalten, in der es immer schwieriger wird, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Wir machen nicht mit, wenn die Gier nach immer mehr das ganze Leben und die ganze Welt bestimmen soll.
Im Kraftfeld der Liebe Gottes berühren seine Gebote unser Herz so, dass es möglich wird, nach Gottes Willen zu leben – so schwer es im Einzelfall auch sein mag. Gut, dass wir heute hier im Dom durch unsere Gemeinschaft, unser Gotteslob und das Hören auf Gottes Wort wieder einmal diesem Kraftfeld in besonderer Weise ausgesetzt sind.
Amen.

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