Predigt zum 1.2.2015

Predigt zum 1.2.2015

01.02.2015 Dompfarrer Urs Ebenauer (Tel: 03731 / 3009766)

Predigt am S. Septuagesimae 2015 zur Einführung als Dompfarrer zu Matthäus 20, 1-16a

Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

Mittelschule Strehla, Klasse 8, Mitte der 90er Jahre. Es ist die letzte Stunde vor den Winterferien im Religionsunterricht. Wir besprechen die Zensuren. Ich fange mit denen an, die im Alphabet vorn stehen. Sie bekommen eine Drei. Zufriedenheit bis Aufatmen sind die Reaktionen, denn sie haben Schlimmeres befürchtet. Ich gehe weiter im Alphabet. Auch die nächsten bekommen eine Drei. Bei den ersten regt sich Unmut. „Ich habe doch in der Klassenarbeit eine Zwei gehabt und in der mündlichen Lernkontrolle eine Eins. Warum bekomme ich dann eine Drei“, fragt die erste. Auf die Frage habe ich gewartet. „Ich habe mir überlegt“, sage ich, „dass alle eine Drei bekommen“. Dann braucht sich niemand zurückgesetzt zu fühlen und keiner wird bevorteilt. Das ist doch eine gute Lösung.“ Sofort entspinnt sich eine heftige Diskussion unter den Schülern. Die, die sich mehr ausgerechnet hatten, sind entschieden gegen dieses Vorgehen. Die anderen finden den Vorschlag sehr sympathisch. Letztlich kommen wir dann überein, dass doch jeder nach seiner eigenen Leistung benotet wird und es keine Einheitszensur geben soll.

Liebe Gemeinde, so anstößig wie mein Vorschlag einer Einheitszensur ist auch die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg gewesen, die Jesus seinen Zuhörern erzählt hat. Sie alle wussten, wie es auf dem Arbeitsmarkt zugeht. Wie schwer die Arbeit in der Landwirtschaft war. Das Vorgehen des Weinbergbesitzers ist wirklich empörend. Dass diejenigen, die nur eine einzige Stunde des Tages in der Weinlese mitgearbeitet haben, denselben Lohn bekommen sollen, ist einfach eine schreiende Ungerechtigkeit. Ein Stundenlohn von einem Zwölftel Denar für die, die am Morgen eingestellt worden sind, und ein Stundenlohn von einem ganzen Denar für die, die zuletzt die Arbeit aufgenommen haben. Das muss die empören, die den ganzen Tag gearbeitet haben, ebenso aber auch die Zuhörer Jesu.

 

Jesu Weinbergbesitzer hat aber offenbar etwas anderes im Auge, nämlich die Bedürftigkeit der Tagelöhner. Von einem Denar konnte damals ein Familienvater seine Familie am nächsten Tag ernähren. Darum gibt der Winzer in einer geradezu anstößigen Großzügigkeit den einen Denar, den er den anderen am Morgen versprochen hat, auch denen, die nur kurze Zeit gearbeitet haben.

Genau so ist Gott – das war die Botschaft Jesu an seine Zuhörer. Er ist ebenso verschwenderisch mit seiner Gnade wie der Weinbergbesitzer mit seinem Geld. Er sieht ebensowenig auf das, was wir leisten oder vorweisen können. Er sieht nicht einmal auf die Schuld, die wir auf uns geladen haben. – Das war überaus empörend für die Zuhörer Jesu. Sie hatten es verinnerlicht, dass es vor Gott darauf ankommt, dass man das Gesetz Gottes, die Thora befolgt. Die Frommen sahen auf das einfache Volk herab. Denn diese Leute waren so arm und so ungebildet, dass sie die Gebote gar nicht einhalten konnten. Gerade denen aber predigte Jesus die Frohe Botschaft von der kommenden Herrschaft Gottes. Sollte diese Herrschaft etwa auch zu denen kommen? Ja, sagte Jesus, gerade zu denen kommt das Reich Gottes. Weil der Vater im Himmel so ist wie dieser Weinbergbesitzer.

Liebe Gemeinde, Martin Luther hat vor 500 Jahren durch die Briefe des Paulus gelernt, dass für Gott Gerechtigkeit etwas anderes ist als für uns. Luther lernte bei Paulus, dass Gott nicht nach unseren guten Werken fragt. Seine Gnade gibt es umsonst. Wir brauchen nur darauf zu vertrauen. – Wenn wir die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg lesen, dann hat Paulus das aufgenommen, was Jesus so anschaulich gepredigt hat. Es geht darum, dass Gott nicht danach fragt, was wir geleistet haben oder an Engagement für den Nächsten vorweisen können. Es geht darum, dass Gott uns nicht einmal bei unserer Schuld behaftet. Darum ist Christus für uns ans Kreuz gegangen. Es geht darum, dass Gott großzügig mit uns ist. In einer für uns unvorstellbaren und nach dem Denken dieser Welt auch ungerechten und anstößigen Weise. Gott ist wie dieser Weinbergbesitzer. Ihm geht es darum, was wir brauchen. Darum beschenkt er uns mit seiner Gnade, seiner Liebe, seiner Anerkennung.

Liebe Gemeinde, heute beginnt nun mein Weg mit Ihnen. Ich freue mich, mich mit Ihnen gemeinsam auf den Weg zu machen. Auf diesem Weg möchte ich Sie und mich immer wieder daran erinnern, was für einen wunderbaren Gott wir haben. Einen Gott, der so großzügig mit uns ist, dass wir es kaum verstehen können; der uns Anerkennung schenkt, auch wenn wir gar nichts vorweisen können; einen Gott, der uns nicht bei dem behaftet, was wir ihm oder anderen schuldig geblieben sind. Diese Botschaft ist so wunderbar und zugleich so wichtig für die Menschen in unserer Zeit. Sie hungern so sehr nach Anerkennung. Lassen Sie uns gemeinsam diese Botschaft zu den Menschen bringen.

Dabei wird es wichtig sein, dass wir Jesu Worte auch auf uns selbst beziehen. Wer sie genau hört, der versteht: Es ist gottlos, nach dem Leistungsprinzip zu leben und sich von der Hektik unserer Zeit treiben zu lassen. Für uns Pfarrer ist es beispielsweise eine große Versuchung, zu denken, wir müssten uns nur genügend anstrengen, dann würde der Gemeindeaufbau funktionieren, das Evangelium würde seinen Lauf nehmen und die Gemeinde würde einen lieben. Wer dieser Versuchung erliegt – das gilt nicht nur für Pfarrer –, nimmt leicht Schaden an Leib und Seele. Wer dieser Versuchung erliegt, handelt aber auch gottlos. Denn er traut Gott nicht allzu viel zu. Manchmal kann es für eine Gemeinde wichtiger sein, in der Stille auf Gott zu hören und für ihren weiteren Weg zu beten als in Aktionismus zu verfallen. Insofern möchte ich mich gern mit Ihnen zusammen von dem Vertrauen tragen lassen, dass Gott uns annimmt mit unseren Stärken und Schwächen und das er das segnet, was wir in seinem Namen gern tun und auch das, was wir miteinander lassen.

In einem Lied von Reinhard Mey erzählt er, wie er als Schüler die Unterschrift unter einem ziemlich schlechten Zeugnis gefälscht hat – sicherlich aus Scham über seine Leistungen. Die Fälschung fällt auf. Der Lehrer hält die gefälschte Unterschrift der Mutter unter die Nase. Die setzt ihre Brille auf, prüft die Unterschrift und erklärt, das sei zweifellos ihre. Sie hätte vor dem Unterschreiben eine schwere Tasche getragen. – Wie empörend ist es, dass sie diesen Betrug deckt! Wie wunderbar zugleich, eine solche Mutter zu haben. Wie beglückend ist es, sich genauso vorbehaltlos von Gott geliebt zu wissen! Und wie froh bin ich, an dieser Stelle hier diesen Gott verkündigen zu dürfen.

Amen.

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