Predigt anlässlich der Eröffnung des Themenjahres 2016 zur Lutherdekade „Reformation und die Eine Welt“ am Epiphaniastag, 6. Januar 2016 im Dom

Predigt anlässlich der Eröffnung des Themenjahres 2016 zur Lutherdekade „Reformation und die Eine Welt“ am Epiphaniastag, 6. Januar 2016 im Dom

14.01.2016

zu Epheser 4, 1-6 von Landesbischof Dr. Carsten Rentzing

Liebe Gemeinde,


vor einiger Zeit wurde ich auf der Generalsynode der VELKD Zeuge eines eindrücklichen Geschehens. Thema der Synode waren eigentlich die modernen Kommunikationsformen der digitalen Welt und ihre Auswirkungen auf die Verkündigung des Evangeliums. Einer der Beiträge bestand in einer besonderen Videoeinspielung. Zunächst sah man eine Weltkarte. In einem Teil der Welt wurde plötzlich ein kleiner Chor sichtbar, der begann, ein Lied zu singen. Auf der Weltkarte im entgegengesetzten Winkel wurde ein zweiter Chor sichtbar, der in das Lied miteinstimmte. Es folgten zwei weitere Chöre. Ein polyphoner Gesang entstand, der die Kontinente und Völker miteinander verband. Eine virtuelle Welt- und Glaubensgemeinschaft war entstanden, die ihre Wirkung nicht verfehlte, da nun auch in der Generalsynode derselbe Gesang anhob und uns alle mit dieser virtuellen Gemeinschaft vereinte. So innig wie an dieser Stelle war mir noch nie bewusst geworden, dass die lutherische Kirche tatsächlich Weltkirche ist. Hier blieb die Gemeinschaft des lutherischen Weltbundes nicht nur ein Wort, nicht nur eine organisatorische Größe. Hier wurde sie ganz praktisch und real. Und man könnte schon die Frage aufwerfen, was das für die Verkündigung des Evangeliums in der heutigen Zeit und Welt zu bedeuten hat. Aber das soll nicht mein eigentliches Thema sein an diesem Tag. Mir geht es mehr um die Einheit und Gemeinschaft, die darin zum Ausdruck kommt. Beide sind Folgen des einen Geschehens, um das unsere Gedanken während dieses Weihnachtsfestes kreisen. Die Geburt unseres Herrn und Heilands Jesus Christus ist kein Ereignis für einen Teil der Welt oder einen Teil der Menschheit gewesen. Die Geburt Christi hat Bedeutung für alle Welt und für alle Menschen.
Der heutige Epiphaniastag bringt dies nochmals deutlich zur Geltung. Es sind
die drei Weisen aus dem Morgenland, die signalisieren, dass sich hier etwas
ereignet, das weit über die Grenzen des Volkes Israel hinaus von Bedeutung ist.
Durch kosmische Ereignisse auf die Spur gebracht, stehen die drei Weisen
geradezu für den kosmischen Charakter der Geburt des Herrn. Die ganze Welt
ist hier mit hineingenommen. Und auch wenn Jesus später seine Kraft zunächst
auf sein eigenes Volk konzentriert hat, finden sich auch bei ihm immer wieder
Grenzüberschreitungen den Samaritanern und auch den Römern gegenüber.
Als Auferstandener wird er schließlich seine Jünger an alle Welt verweisen. Und
seine Jünger haben diesen Auftrag auch schnell sehr ernst genommen.
So ist die Kirche Jesu Christi als Weltkirche entstanden. Und nur als Weltkirche
kann sie Kirche Jesu Christi sein. Getragen ist sie dabei von der Hoffnung und
Zuversicht, dass Menschen durch Christus über alle kulturellen und völkischen
Unterschiede hinweg eine Gemeinschaft bilden können und bilden:

Die Gemeinschaft der Familie Gottes.
Ist so etwas tatsächlich möglich? Schon in kleinen Familien gibt es doch oft
Streit. Manchmal geht der so weit, dass es zum Zerwürfnis kommt. Wir kennen
solche Vorgänge aus unseren natürlichen Familien. Wir kennen sie auch aus
unseren Gemeinden und den lokalen Kirchen. Je größer eine solche
Gemeinschaft wird, desto schwieriger scheint es, die Gemeinschaft beieinander
zuhalten. Und die Geschichte der Reformation ist ein Beispiel dafür. Es kam zu
Trennungen, die bis heute schmerzen und die unser Zeugnis in der Welt
behindern. Ist also die Gemeinschaft des christlichen Glaubens letztlich doch
nur eine Chimäre, eine Illusion, die an den menschlichen Realitäten scheitert.
Ist die Hoffnung darauf, dass der christliche Glaube den Zertrennungen der
Menschen und Völker und dem daraus folgenden Streit und Hass etwas
entgegensetzen kann nur eine wirklichkeitsferne Fantasterei?


Der Epheserbrief sieht dies anders. Die Gefahr des Zerwürfnisses unter
Menschen und auch unter Gläubigen ist ihm wohlvertraut. Und so „mahnt“ er
eindringlich dazu, nicht aus der Berufung herauszufallen, in die die Gläubigen
durch Christus gestellt sind. Und er kennt auch die Bedingungen, unter denen
das geschehen kann.
Zunächst ist dazu dreifacher Mut erforderlich: De-mut, Sanft-mut, Lang-mut.
Nicht umsonst hat man früh genau darin christliche Grundtugenden erblickt, an die es immer wieder zu erinnern lohnt.
Demut wurde einmal als die höchste Form der Tapferkeit bezeichnet. Und in der Tat gehört ein hohes Maß an Mut dazu demütig zu sein. Es setzt voraus nicht sich selbst ins Zentrum des Universums zu rücken. Es setzt voraus, mit dem eigenen Irrtum zu rechnen. Demütig kann sein, wer um seine eigenen Begrenzungen weiß und darum, dass auch der Andere Recht haben könnte.
Sanftmut ist eine Haltung, die davon lebt, dass ich den Anderen nicht überwältigen möchte mit dem, was mir wichtig geworden ist. Sanftmut ist in der Lage das Gegenüber so stehen zu lassen, wie es ist; in all seiner Unterschiedlichkeit und manchmal auch Befremdlichkeit.
Langmut – Luther übersetzt hier mit Geduld – meint das Wissen darum, dass tiefere Einheit zwischen den Menschen manchmal vom Moment Gottes abhängt und nicht von unseren Wünschen und Planungen. Langmütig kann sein, wer Gemeinschaft von der Kraft Gottes her erwartet und nicht von unseren menschlichen Kräften abhängig macht.
Dieser dreifache Mut ist für jede echte Gemeinschaft erforderlich. Aber es wäre geistlich betrachtet zu wenig hier stehen zu bleiben. Denn dieser dreifache Mut hat seinen Anlass in einer Einheit, die uns durch Gottes Geist geschenkt wird. Ein Leib, ein Herr, ein Glaube und eine Taufe: Hierin liegt der Grund aller Zuversicht. Sehr elementar redet hier der Epheserbrief. Und die lutherische Reformation hat diese elementare Rede von Beginn an aufgegriffen. Wo wir durch die eine Taufe zu einem Leib Christi geworden sind und uns gemeinsam auf ihn im Glauben an Kreuz und Auferstehung ausrichten, sind wir längst im Wesentlichen eins. So sehr der Glaube auch noch weiter inhaltlich gefüllt und geklärt werden muss, so wie es die Reformatoren in den Bekenntnissen unserer Kirchen dann auch getan haben, so sehr spielen dann kulturelle, emotionale und charakterliche Unterschiede keine trennende Rolle mehr.
Wir sind eins durch die eine Hoffnung und den einen Geist, der uns erfüllt.
„Reformation und die Eine Welt“ - so lautet das Themenjahr der Reformationsdekade, das vor uns liegt. Nach den Ereignissen des letzten Jahres hat dieses Thema für mich fast schon prophetischen Charakter.


Niemals zuvor sind wir in diesem Ausmaß in unserem Land damit konfrontiert worden, dass wir in dieser Welt nicht isoliert leben. Die Welt mit all ihren Problemen und Verwerfungen steht sprichwörtlich vor unsrer Haustür. Und wir werden neu daran erinnert, dass wir als christliche Kirche schon längst eingebunden sind in eine Weltgemeinschaft des Glaubens und manchmal auch des Leidens. So wenig wie die Reformation sich auf ihre Kernlande beschränkt hat, sondern zur Weltbürgerin geworden ist, so wenig können wir heute daran vorbei, dass wir als europäische Christen und Lutheraner zum kleineren Teil der Weltchristenheit und des Weltluthertums gehören. Mit Blick auf die wachsenden Kirchen anderer Kontinente sollten wir wahrlich demütig werden. Man ist uns dort nach wie vor sehr dankbar für die geistlichen Impulse, die unsere Vorfahren einst dorthin gebracht haben. Womöglich aber wird es jetzt Zeit, Impulse von dort her für uns zu erwarten.


Das Thema: „Reformation und die Eine Welt“ gibt uns die Chance dazu. Öffnet Augen und Herzen für den einen Gott, der da ist über allen und durch alle und in allen. Vielleicht wird Er uns dann ähnlich beglückende Erfahrungen schenken wie die eine, von der ich zu Anfang berichtet habe, und die uns zu dem macht, was wir längst sind: Die Gemeinschaft der Familie Gottes.
Es wäre auch ein Schritt hin zur Erneuerung des Friedens in dieser Welt. Amen.

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