Predigt am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 19. November 2017

Predigt am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 19. November 2017

17.11.2017

zu Lukas 16, 1 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ich stelle mir einmal vor, ich wäre bei dieser Geschichte dabei. Da ist dieses Landhaus, Mittelpunkt eines großen Landbesitzes. Vor dem Haus im Schatten sitzt der Besitzer. Er ist gekommen, um nach dem Rechten zu sehen und hat gehört, sein Verwalter verschleudere seinen Besitz. Dann sehe ich den Verwalter auf den Hof kommen. Sein Blick ist unsicher, die Schultern hat er etwas nach oben gezogen. Ich will etwas näher herangehen, um zu hören, was die beiden sagen. Aber da steht plötzlich ein Mann vor mir. Er stellt sich mir als Lukas vor. „Pass gut auf, was in dieser Geschichte passiert“, sagt er. „Du kannst von dem Verwalter lernen, wie man mit Geld wirklich umgeht.“
Da bin ich mal gespannt. Ich trete also näher und höre, wie der Gutsbesitzer seinem Verwalter zum Ende des Monats kündigt. Vorher soll der Verwalter aber noch eine Abschlussbilanz aufstellen. Na ja, denke ich mir. Vielleicht springt noch eine Abfindung für ihn heraus. Sonst brauchte er sich ja die Mühe nicht mehr zu machen.
Der Verwalter scheint völlig verzweifelt zu sein. Eigentlich sieht er gar nicht aus wie einer, der seinen Herrn betrügt. Aber da taucht plötzlich ein anderer Mann auf. Auch der scheint unsicher zu sein. In der Hand hat er anscheinend einen Schuldschein. Er setzt sich zu dem Verwalter und schreibt etwas auf den Schuldschein. Ich gehe noch ein wenig näher. Ich hoffe, Du wirst Dich in Zukunft erinnern, wer dir die Schulden erlassen hat, sagt der Verwalter. Ich traue meinen Ohren kaum. Aus lauter Verzweiflung ist er doch noch korrupt geworden. Aber vielleicht hatte er keine andere Wahl. Ein anderer Gutsbesitzer wird ihn nicht einstellen und wie einer, der sein Brot mit der Arbeit seiner Hände verdienen könnte, sieht der nun nicht gerade aus. Kaum ist der erste fort, kommt schon der nächste. Auch dem wird eine Schuld im Gegenwert von etwa 500 Denar erlassen, überschlage ich den Wert der gestrichenen Schulden. Alles in allem hat er seinen Herrn um drei Jahresverdienste eines einfachen Tagelöhners betrogen.
Ich ziehe mich aus der Szenerie zurück und bin doch ein wenig erschüttert, wie hier der Besitzer hinters Licht geführt wurde. Da sehe ich am Rande Jesus stehen. Er hat gerade diese Geschichte seinen Jüngern erzählt. Nicht mehr lange und sie werden ihn ans Kreuz nageln, denke ich. Bei dem Gedanken schaudert es mich. Gesprächsfetzen dringen zu mir durch. Einer der Jünger redet immer wieder vom Schuldenerlass. Schuldenerlass? denke ich. Klar, das ist doch der Schlüssel zu dieser merkwürdigen Geschichte! Der Verwalter ist niemand anderes als Jesus. Genau so wie der Verwalter handelt doch Jesus. Er ist zu uns schuldigen Menschen gekommen. Er hat dazu eine Vollmacht von seinem himmlischen Vater gehabt. Er ist sozusagen der Verwalter der Schulden gewesen, die wir Menschen bei Gott aufgehäuft haben. Nur dass das natürlich keine finanziellen Schulden gewesen sind. Trotzdem sind wir Gott so unendlich viel schuldig geblieben. Wir mit unserem Kleinglauben, unserem Egoismus, unserer Tratschsucht, unserem Kreisen um uns selbst und unser eigenes Leben; wir mit unserer Lieblosigkeit und unserer Unfähigkeit, unsere Mitmenschen wirklich zu lieben. Und dann kommt dieser Verwalter der Schulden, also Jesus, und erlässt uns einfach die Schulden. Mit Huren und Zöllnern hat er sich abgegeben. Er kommt dabei in ein schiefes Licht. Die Frommen beschuldigen ihn, den Willen Gottes zu verraten. Sie werden dafür sorgen, dass er damit nicht durchkommt. Sie brauchen dazu gar nicht viel zu tun. Die Mächtigen im Tempel und vor allem die Römer haben ihn ohnehin schon auf die schwarze Liste gesetzt. Jesus wird sterben und damit den Schuldenerlass besiegeln. Wie auf den Schuldscheinen, die ich eben gesehen habe, sind sie einfach durchgestrichen, durchkreuzt könnte man auch sagen.
Wieder dringen Gesprächsfetzen von dort drüben zu mir herüber. Gern würde ich etwas näher zu Jesus gehen, aber das erschiene mir dann doch unangemessen zu sein. Zwei der Jünger unterhalten sich über das, was Jesus gesagt hat. Der eine deutet die Geschichte anscheinend so, dass wir uns die Klugheit des Verwalters zum Vorbild nehmen sollen. Aber was bedeutet es denn, im Zusammenhang mit der Geschichte Jesu klug zu handeln, frage ich mich.
Langsam entferne ich mich von der Szenerie. Da begegnet mir Lukas wieder. „Wie siehst du denn das?“ frage ich ihn. „Wenn Jesus mir am Kreuz das vergibt, was ich Gott schuldig bleibe, was bedeutet es dann, klug zu handeln?“ – „Mach dir Freunde im Himmel mit deinem Geld“, antwortet Lukas. „Lieber Lukas“, antworte ich ihm. „Ich weiß ja, dass Du ein ganz großes Herz für die Armen hast. Ich gebe auch einiges von dem Geld, was ich habe, für Menschen in Not aus. Aber mache ich mir damit Freunde im Himmel? Lukas, das haben wir seit 500 Jahren hinter uns.“ Der Evangelist hat anscheinend keine Lust mit mir ein Streitgespräch anzufangen und geht. Da stehe ich nun allein da und überlege. Vielleicht hat er ja Recht, auch wenn er es vielleicht etwas verkürzt formuliert hat. Jesus nachzufolgen, das bedeutet doch dem nachzufolgen, der uns die Schulden erlassen hat. Ich lebe in der Nachfolge also aus der Vergebung. Ich lebe aus der Gewissheit, dass Gott mich aus allen schädlichen Bindungen befreit und sich an mich bindet durch Jesus. Das Geld spielt in diesem Zusammenhang natürlich eine große Rolle. Wie viel Macht übt es aus! Wer sich einmal mit dem Geld richtig eingelassen hat, der verfällt dem Geld geradezu. Man hat das ja jetzt erst gehört: Da ist dieser englische Rennfahrer, der sich ein eigenes Flugzeug leisten kann, aber keine Lust hatte, die Einfuhrsteuern zu bezahlen. Lieber hat er Leute bezahlt, die ihm die richtigen Tricks verraten und für ihn ausgeführt haben. Dass er damit die Allgemeinheit betrogen hat, war ihm egal. So viel Macht hat das Geld über einen, wenn man sich darauf eingelassen hat. So viele Schulden vor Gott häuft man an, wenn man sich mit dem Geld einlässt. So verstanden, hattest Du Recht, lieber Lukas, denke ich. Klug zu sein in der Nachfolge des Gekreuzigten, das bedeutet sicherlich auch, sehr verantwortungsvoll mit dem eigenen Geld umzugehen und ihm keine Macht über einen einzuräumen. Es den Armen zu geben, ist damit sicherlich auch verbunden. Jesus nachzufolgen ist ja gar nicht möglich an den Armen vorbei.
Aber das kann es ja nicht allein sein. Muss die Klugheit in der Nachfolge des Schuldenerlassers Jesus nicht noch mehr bedeuten? frage ich mich. Wenn Jesus in der Vollmacht des Vaters uns Menschen in dieser anstößigen Weise einfach so vergeben hat, was wir Gott schuldig geblieben sind, müssen wir dann nicht noch eine ganz andere schädliche innere Bindung kappen. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern, hat Jesus seine Freunde zu beten gelehrt. Wir beten das mindestens in jedem Gottesdienst. Mir wird es bei dem Gedanken heiß und kalt. Klug zu sein in der Nachfolge Jesu, würde ja bedeuten, denen zu vergeben, die an mir schuldig geworden sind. Wer war noch mal der Jünger, der andauernd vom Schuldenerlass gesprochen hat? Er hatte eine Tasche aus Wolle über der Schulter hängen. Da sehe ich ihn gerade noch in einer erreichbaren Entfernung. Schnell mache ich mich auf den Weg. Vielleicht kann er mir sagen, ob Jesus das wirklich so gemeint hat. Das kann es doch nicht sein, oder? – „Doch!“ sagt er. „Jesus hat mal gesagt, wir sollten siebenmal siebzigmal vergeben, wenn jemand an uns schuldig geworden ist.“ „Das ist doch nicht in Ordnung“, sage ich. „Diesem Schlitzohr von Geschäftsführer beispielsweise, der meine Kirchgemeinde und mich hinters Licht führen und uns übervorteilen wollte. Ein wirklich übler Typ übrigens, der jetzt in meinem Alter die Mutter seiner Kinder gegen eine Jüngere eingetauscht hat. Dem soll ich vergeben?“
„Wenn einer seine Sünden nicht bereut, ist es schwer“, sagt der Jünger – ich kenne nicht einmal seinen Namen. Aber bereust Du wirklich alles, was Du an Verfehlungen begangen hast? All die Lieblosigkeiten, die du nicht einmal bemerkst? All das, wo du Spaß hattest, Deine Interessen gegen die anderer durchzusetzen? Lass deine unguten Gefühle ihm gegenüber los. Sie vergiften nur deine eigene Seele und entfernen dich von Gott. Trenne dich von diesen Gefühlen. Vergib ihm. Lebe aus der Vergebung heraus. Jesus hat alles durchkreuzt, was du Gott schuldig geblieben bist. Mach es umgekehrt mit all denen, die dir etwas schuldig geblieben sind. Bis zum Bußtag hast du ja noch Zeit.
Ich schaue noch mal zu Jesus hinüber. Seine Geschichte hat mich berührt:
-          Die Schulden sind durchkreuzt.
-          Die Entschuldeten folgen in aller Klugheit dem Gekreuzigten.
-          In der Nachfolge sind sie befreit zu lieben, zu vergeben und nicht zuletzt zu teilen.
Und das sagt er alles zu mir und zu uns allen, liebe Gemeinde.
Amen.

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