Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 27. Januar 2019

Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 27. Januar 2019

27.01.2019

zu 2. Mose 3, 1 - 14; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„unsere Tochter hat doch schon alle Unterschriften für die Gottesdienste zusammen“, sagte mir die Mutter einer Konfirmandin einer Nachbargemeinde am Telefon. Ich halte dort zurzeit vertretungsweise den Unterricht. „Da dachten wir, es wäre nicht so schlimm, wenn sie jetzt nicht zum Konfirmandenunterricht kommt.“ Wir haben dann eine Lösung für das Transportproblem gefunden, das das wesentliche Hindernis war. Aber es bleibt der Eindruck: Als wichtig wird der Unterricht nicht angesehen. Es macht nichts, wenn die Konfirmanden kaum wissen, wozu sie sich bei der Konfirmation bekennen. „Konfirmandenunterricht soll doch in erster Linie Spaß machen“, sagte mir ein Vater aus wieder einer anderen Gemeinde. Inhalte stören da nur. Kann es das sein?
Kann man so mit dem Glauben an Jesus Christus umgehen? Kann man so letztlich mit Gott umgehen? Die lockere Einstellung von manchen Konfirmandeneltern zum Unterricht ist da nur ein Beispiel. Es gibt ja viele Christen, für die der Glaube im Grunde mehr so eine Art Sahnehäubchen auf der Erdbeertorte ist. Zu bestimmten Gelegenheiten ist es schon gut, wenn man die Kirche hat. Einen Heiligen Abend ohne Christvesper kann man sich nicht vorstellen. Aber sonst spielt der christliche Glaube im Leben eigentlich keine Rolle. Die Erdbeertorte kann man auch ohne Sahne lecker finden.
Die Geschichte von dem brennenden Dornbusch stellt eine solche Haltung ganz entschieden in Frage. Als Mose den Dornbusch brennen sieht, will er sich ansehen, was es mit diesem Phänomen auf sich hat. Aber er wird aufgehalten. Erst muss er seine Schuhe ausziehen. Die Begründung dafür ist die Heiligkeit des Bodens, auf dem er Gott in Gestalt des brennenden Dornbuschs begegnen wird. Mose darf Gott nur mit nackten Füßen entgegentreten. Das hat seinen guten Sinn. Mose muss sich verletzlich machen. Schuhe sind ja auch so etwas wie eine schützende Hülle für die Füße. Mose muss sich verletzlich machen; er muss die Steine unter den Füßen spüren auf den letzten Metern hin zu dem Dornbusch. Nur so kann er sich innerlich öffnen, um Gott begegnen zu können.
Für unseren Umgang mit dem Glauben kann das ja nur heißen: Wir müssen mit unserem Leben auch der Heiligkeit Gottes gerecht werden. Der Glaube ist alles andere als ein Sahnehäubchen, das das Leben zu bestimmten Zeiten oder Festen garniert. Der Glaube will ernsthaft gelebt werden. Nur so kommt er in die Tiefe. Nur so kann er auch der Heiligkeit Gottes gerecht werden.
So tritt Mose also mit nackten Füßen Gott entgegen – und begegnet in dem brennenden Dornbusch dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; dem Gott der Vorväter. Gott bleibt in dem brennenden Dornbusch verborgen. Mose kann ihn nicht von Angesicht zu Angesicht sehen. Auch das gehört zu der Heiligkeit Gottes. Aber er ist da. Er macht sich in Form dieses brennenden Feuers dann doch sichtbar. – Im letzten Gottesdienst der Epiphaniaszeit sei gesagt: Seit Weihnachten wissen wir: In Jesus Christus hat sich der unsichtbare Gott dann noch in einer ganz anderen Weise offenbart, sichtbar gemacht. In dem, der das Kind in der Krippe war, konnten Menschen Gott in einer noch ganz anderen Weise begegnen. Aber auch hier, in dem Dornbusch, macht Gott sich kenntlich. Er nennt dem Mose gegenüber seinen Namen.
Im Namen liegt ja schon für uns Heutige ein guter Teil der Identität. Darum tun sich ja viele Ehepaare schwer, sich auf einen gemeinsamen Namen zu einigen: Einer muss dann ja seinen aufgeben. Biblisch liegt im Namen aber noch sehr viel mehr. Im Namen ist das ganze Wesen enthalten. Wenn Gott dem Mose aus dem brennenden Dornbusch heraus seinen Namen nennt, dann offenbart er ihm sein ganzes Wesen: „Ich bin, der ich bin“. Man könnte diese Worte auch übersetzen: „Ich bin da; ich bin für euch da; ich bin mit euch.“ Gott ist der, der sich auf den Weg mit seinem Volk macht; der seinen Weg begleiten wird in die Freiheit von der Unterdrückung in Ägypten; der sich Jahrhunderte später in Jesus Christus auf einen noch ganz anderen Weg begeben wird, um uns Menschen aus der Gefangenschaft der Gottesferne zu befreien.
Gott offenbart sich dem Mose: Er wird seinem Volk die Freiheit schenken. Beflügelt, motiviert, gestärkt, ermutigt von dieser Begegnung macht sich Mose auf den Weg zum Pharao. Von ihm wird er das Ende der Knechtschaft fordern. Immer und immer wieder. Bis der Pharao gezwungen sein wird, sie Israel zu gewähren. Hier, in der Begegnung mit dem lebendigen Gott, beginnt die Freiheit Israels. Durch Mose wird Gott sein Volk in die Freiheit führen.
Für unseren Umgang mit dem Glauben ist das eine wunderbare Botschaft. Die Begegnung mit Gott schenkt Freiheit. Wo der Glaube nicht frei macht, hat er insofern mit dem Gott Israels, mit dem Vater Jesu Christi nicht allzu viel zu tun. Der Glaube an Gott macht frei oder es ist mehr oder weniger ein Irrglaube. Es gibt ja Strömungen in der Christenheit, auch in unserer Kirche, wo der Glaube eher etwas Angstbehaftetes ist. Da gibt es ein Gottesbild, das mit dem eigentlichen Wesen Gottes nicht mehr viel zu tun hat. Gott ist da der gestrenge Richter, der über das wacht, was wir im Leben falsch machen und der das unbarmherzig verurteilen wird. Das ist ein Gottesbild, wie Martin Luther es eigentlich überwunden hat. Aber es gibt es noch immer. Das ist das Gegenteil von „Evangelium“. Denn dieses Wort bedeutet: „Frohe Botschaft“. Der Glaube ist etwas frohmachendes, befreiendes. Der Glaube will und darf fröhlich und zuversichtlich gelebt werden. Das Vertrauen auf den Gott an unserer Seite gibt dem Leben eine Tiefe, gepaart mit Freude und Zuversicht. Das lässt uns fröhlich unseren Weg im Glauben gehen.
Die Dornbuschgeschichte zeigt uns den wahren Charakter einer Beziehung zu dem lebendigen Gott.
Sie muss zum einen ernsthaft sein. Es geht um die Heiligkeit Gottes. Der Glaube kann nicht nur ein Sahnehäubchen sein. Es muss uns auch etwas kosten, zu Jesus Christus zu gehören. Die Steine auf dem Weg zu dem brennenden Dornbusch unter unseren Füßen können auch wehtun. Mit entblößten Füßen zu gehen, ist nicht immer angenehm. Gott will uns ganz, nicht nur ein bisschen. Er will auch, dass wir ihm die Ehre geben. Auch das ist in dem Akt des Schuheausziehens ja enthalten: der Respekt vor Gott. Der Glaube will ernsthaft gelebt sein. Nur das wird der Heiligkeit Gottes gerecht. Nur das wird auch uns Menschen gerecht. Ein Glaube, der nur ein Sahnehäubchen ist, verfehlt die Bestimmung unseres Lebens. Die Erdbeertorte schmeckt zwar auch ohne Sahne. Viele ziehen die Konsequenz und lassen den Glauben hinter sich. Damit aber verfehlen sie die Bestimmung ihres Lebens. Denn wir sind dazu bestimmt, in einer Beziehung zu dem lebendigen Gott zu leben. Nur so können wir frei sein. Nur so können wir wirklich Mensch sein. Nur so kommen wir zu uns selbst.
Wir sollten aber auch nicht „auf der anderen Seite vom Pferd fallen“, um das einmal salopp zu formulieren. Der Glaube kann nicht anders als fröhlich gelebt werden. Das Evangelium ist eine frohe Botschaft. Nur so kann sie uns frei machen. Zur Freiheit aber hat uns Christus berufen, schreibt Paulus. Die Angst vor Gott – oder in manchen charismatischen Kreisen: die Angst vor dem Teufel – kann da keinen Raum haben. Der Gott für uns macht sich dem Mose offenbar. Er zeigt ihm sein Wesen: „Ich bin bei euch“. In dem Sohn der Maria hat er uns allen das in unüberbietbarer Weise gezeigt – bis hin zum Kreuz. Wir haben einen Gott, der unsere Freiheit will. Wir haben einen Gott, der uns mit übervoller Gnade beschenkt. Wir haben einen Gott, der für uns da ist. Das ist einfach wunderbar. Das lässt einen froh werden.
Die Dornbuschgeschichte zeigt uns den wahren Charakter einer Beziehung zu dem lebendigen Gott. Wir gehen den Weg im Glauben, den sie uns weist. Fröhlich leben wir unseren Glauben. Aber nicht weniger achten wir die Heiligkeit Gottes. Fröhlich singen wir darum in diesem Gottesdienst miteinander, tun es aber nicht allein für uns, sondern geben Gott damit die Ehre.
Der große Paul Gerhardt hat diese beiden Aspekte des Glaubens – Ernsthaftigkeit und Fröhlichkeit – in wunderbarer Weise zum Ausdruck gebracht: „Fröhlich soll mein Herze springen; dichtet er 1653 zu Beginn seines wunderbaren Weihnachtsliedes. Und lässt es enden mit den Worten: „Ich will Dich mit Fleiß bewahren; ich wir dir leben hier, dir will ich hinfahren.“
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben