Predigt am Letzten Sonntag des Kirchenjahres, 20. November 2016

Predigt am Letzten Sonntag des Kirchenjahres, 20. November 2016

28.11.2016

zu Offenbarung 21, 1 - 4, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

der November ist mit seinen grauen und oft regnerischen Tagen eine in jeder Hinsicht dunkle Zeit. Für viele ist dies eine Jahreszeit, in der dann auch dunkle Gedanken das Gemüt verfinstern. Umso mehr, wenn man erst in der zurückliegenden Zeit einen lieben Menschen verloren hat. Man kann es sich kaum vorstellen, dass es in einigen Monaten wieder warm und sonnig sein wird. Ein Tag voller Wärme und Licht ist um die jetzige Zeit eine Vision, die mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Und doch wird es wieder so sein.

Wir gedenken heute der Verstorbenen des nun zu Ende gehenden Kirchenjahres. Wir tun es in Anteilnahme mit Ihnen, liebe Angehörigen, die Sie heute unter uns sind. Wenn ein lieber Mensch von uns geht, dann kann der sonnigste Sommertag für uns zu einem grauen Novembertag werden. Das Leben wird von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Mühsam müssen wir einen Weg in ein neues Leben ohne unsere Verstorbenen finden. Wie die grauen Novemberwolken uns das Licht nehmen, so nehmen uns Trauer und Schmerz das Licht in unserem Herzen. Dass wieder eine Zeit kommen wird, in der wir fröhlich sein werden und lachen, das scheint unvorstellbar. Und doch finden Trauernde in der Regel aus ihrer Trauer auch wieder heraus. Der Schmerz verwandelt sich in eine dankbare Erinnerung an den Menschen, den oder die wir verloren haben. Auch wenn das im Erleben des Verlustes unvorstellbar zu sein scheint.

Vielleicht helfen uns diese Beispiele, die tiefe Wahrheit der Visionen des Johannes zu begreifen. Schon in dieser Welt ereignen sich Dinge, die wir nicht für möglich halten können. Unsere Sicht auf die Wirklichkeit wird oft verstellt durch das, was unmittelbar vor Augen ist. Das gilt erst recht für unsere überaus begrenzte Sicht auf die Wirklichkeit Gottes.

Johannes aber war es gegeben, Gottes Wirklichkeit zu erahnen. Er hatte eine ganze Reihe von Visionen, die wir in der Offenbarung am Ende unserer Bibel nachlesen können. Vieles davon sind Bilder, die uns etwas über das Ende aller Zeiten sagen wollen. Diese Bilder ersetzen die Worte, die es dafür nicht gibt. Dazu gehört auch die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde, die sich mit dem Bild des himmlischen Jerusalems verbindet.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt soll diesen Ausspruch getätigt haben. Denn man warf ihm vor, bei seinem politischen Handeln zu pragmatisch vorzugehen und nicht genügend Visionen für die damalige Bundesrepublik zu entwickeln. Schmidts Ausspruch ist einerseits ein sehr böses und abwertendes Wort; andererseits steckt auch viel Wahrheit darin. Denn sicherlich hilft es krank zu sein, um hinter die Kulissen der Welt und des Lebens zu sehen. Krankheit kann einem die Augen öffnen. Kranke sehen ebenso wie Trauernde manchmal besser, dass der normale Alltag nur eine Kulisse ist. Leicht kann sie beiseitegeschoben werden. Dann sieht das Leben plötzlich völlig anders aus. Kranke ahnen vielleicht besser als Gesunde, dass dieses Leben nicht alles sein kann. Kranke haben vielleicht auch eher einen unverstellten Blick auf das Eigentliche. Ihnen ist es vielleicht auch besser gegeben ein offenes Ohr und ein offenes Herz für Gottes Botschaften zu haben. Vielleicht konnte der Apostel Paulus auch deswegen den auferstandenen Christus auf dem Weg nach Damaskus sehen. Auch er war ja krank und litt unter Anfällen.

Menschen, die leiden, haben die Gabe, tiefer – oder höher – blicken zu können. Menschen, die unter Gewalt leiden, die verfolgt werden, spüren die Nähe unseres Gottes oft viel besser als die, denen es so gut geht wie uns. Dass der Gekreuzigte an seiner Seite ist, kann ein Mensch wohl besser spüren, der ebenfalls einen Kreuzweg geht.

Der Seher Johannes war so jemand. Seine Gemeinden wurden verfolgt. Er selbst war wegen seines christlichen Bekenntnisses auf die Insel Patmos verbannt worden. Leid und Tod hatte er vor Augen. Er hatte gesehen, wie Gemeindeglieder wegen ihres Glaubens litten und starben. Vielleicht war es deswegen empfänglich für das, was Gott ihm sagen wollte. Vielleicht konnte er deswegen weiter sehen als wir. Vielleicht war es ihm deswegen gegeben, einen Blick durch den Vorhang zu werfen, der unsere Wirklichkeit von der Wirklichkeit Gottes trennt.

So sieht Johannes eine neue Erde unter einem neuen Himmel. Er hat die Vision einer neuen Welt. Diese neue Erde unter dem neuen Himmel kommt nicht von selbst. Sie wird auch nicht von Menschen hervorgebracht. Sie kommt von Gott. Das will das Bild des himmlischen Jerusalems aussagen, dass aus dem Himmel herabkommt. Wir können den Vorhang zwischen unserer Wirklichkeit und der Wirklichkeit Gottes nicht zur Seite schieben. Die meisten von uns können nicht einmal durch ihn hindurchsehen. Aber Gott kann es. Seine neue Welt kommt auf uns zu. Darum hat der Seher Johannes dieses Bild vor Augen einer prachtvoll erneuerten Stadt, die aus dem Himmel herabkommt. Er sieht, wie das himmlische Jerusalem das alte in sich aufnimmt und verwandelt. Johannes erahnt eine neue Welt, die so wunderbar schön ist wie eine glücklich strahlende Braut in ihrem Brautkleid. In eine solche Welt wird Gott durch seine schöpferische Kraft unsere Welt verwandeln. – Für uns ist das unvorstellbar. So unvorstellbar wie ein sonniger Sommertag an einem grauen Novembertag; so unvorstellbar wie das Lachen für einen Trauernden.

Diese wundervolle Welt sieht Johannes hinter dem Vorhang unserer Wirklichkeit. Gott wohnt in ihr mitten unter den Menschen. Im Licht seiner schöpferischen Liebe wird alles vergangen sein, was dieses Leben oft so bedrückend macht. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“, schreibt Johannes. Was für ein liebevolles Bild. Gott wird hier wie eine Mutter oder ein Vater beschrieben. Liebevoll wendet er sich denen zu, die in diesem Leben so manche Träne vergossen haben. Er tröstet sie. Aber anders als Menschen es vermögen. Der Trost, den wir Menschen geben können, hilft, Trauer und Schmerz zu lindern. Das ist nicht wenig. Gottes Tröstung aber geht viel weiter. In der Gegenwart seiner Liebe werden Trauer und Schmerz verschwinden. Ebenso vergehen auch deren Ursachen. Wo Gott unser Nachbar ist, da haben das Leid und der Schmerz keinen Platz mehr. In der Gegenwart der schöpferischen Liebe Gottes kann der Tod nicht mehr sein. Auf der neuen Erde – so sieht es Johannes – wird all das verschwunden sein, was diese alte Erde von einer Welt des himmlischen Friedens unterscheidet. Für uns mag das unvorstellbar sein. Aber konnten wir uns im Sommer 1989 vorstellen, dass die DDR so bald ein Ende finden würde?

Viele von uns besuchen heute die Gräber ihrer Lieben. Die einen haben einen geliebten Menschen verloren, der nach einem erfüllten Leben in hohem Alter gegangen ist. Manche erinnern sich aber an Menschen, die erst am Anfang des Lebens standen oder in dessen Mitte. Kinder, Ehepartner oder Eltern. Sie fehlen den Zurückgebliebenen in ganz anderer Weise. Aber gemeinsam ist uns, dass wir uns nach unseren Lieben sehnen. Wie schön wäre es, sie noch einmal in den Arm nehmen zu können, ihre Hand zu halten, ihre Stimme zu hören! Nach menschlichem Ermessen ist das eine Wunschvorstellung, die nie in Erfüllung gehen kann.

Johannes aber hat weiter geblickt. Gott hat es ihm geschenkt, weiter sehen zu können. Da gibt es diese neue Welt, in der der Tod überwunden ist. Hinter dem, was wir sehen können, liegt eine andere Wirklichkeit; die Wirklichkeit Gottes. Sie ist jetzt schon da. Auch wenn sie für uns noch Zukunft ist. Denn sonst hätte Johannes sie nicht sehen können. – In dieser neuen Welt sind unsere Lieben geborgen im Licht der Liebe Gottes. Was sie an Traurigem erlebt haben mögen, das ist vergangen: Gott hat ihnen die Tränen abgewischt. Alles, was es Dunkles gab in ihrem Leben, das ist vergangen: Im Licht der Liebe Gottes vergeht auch alle Schuld. Aber alle Liebe, die sie gegeben haben, und alle Erfüllung in ihrem Leben sind aufgehoben unter einem neuen Himmel auf einer neuen Erde oder in dem himmlischen Jerusalem.

Diese Vision des Johannes mag auch unsere Tränen abwischen. Die Sonne scheint jenseits der Wolkendecke, auch wenn wir sie nicht durch sie hindurch sehen können. Ebenso scheint das Licht der schöpferischen Liebe Gottes jenseits des Vorhangs, der uns von Gottes Wirklichkeit trennt. Unsere in Christus Verstorbenen leben dort und wir werden ihnen dort begegnen. Denn diese Welt ist auch für uns nicht alles, was wir zu erwarten haben. Auch auf uns kommt sie zu: die neue Erde unter einem neuen Himmel. Und sie wird schön sein, wie ein junges Mädchen in seinem Brautkleid.

Amen.

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