Predigt am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 13. November 2016

Predigt am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, 13. November 2016

14.11.2016

zu Matthäus 25, 31 - 46, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ich habe den Himmel schon gesehen! Vielleicht auch manche von Ihnen. Man kann ihn in der Hainichener Straße besichtigen. Er hat eine Außenstelle in dem weißen Gebäude mit dem goldenen Engel auf dem Dach. Ich habe den Himmel gesehen, als ich gemeinsam mit meinem Praktikanten im Sommer den Mormonentempel besichtigte. Innerhalb dieser Tempelanlage gibt es den sog. Coelestialen Saal. In diesem Saal sollen die gläubigen Mormonen einen Vorgeschmack auf den Himmel bekommen. Ich war sehr gespannt auf diesen Saal während der Besichtigung. Dann aber stellte es sich heraus, dass der Saal eher aussah wie eine amerikanische Hotel-Lobby. Von der Decke hing ein Kristall-Leuchter. In der Mittel stand auf einem Teppich ein schwerer polierter Holztisch mit Ledersesseln an jeder Seite. Die vier Ecken wurden von kleineren Tischen gefüllt. Auf denen standen kleine Lampen, die ein gedämpftes Licht verbreiteten. Wenn so der Himmel wäre, dachte ich, dann würde ich es vorziehen, nicht in den Himmel zu kommen. Denn dort muss es dann furchtbar langweilig sein. Und das für den Rest der Ewigkeit.
Das Gleichnis vom Weltenrichter will uns auch den Himmel zeigen, wenn auch auf eine ganz andere Weise. Auf den ersten Blick zeigt es uns die Eingangsvoraussetzungen für den Himmel und die Hölle. So ist es über Jahrhunderte missverstanden worden. Jesu Gleichnisse darf man aber niemals so wörtlich nehmen. Sie können nicht eins zu eins ausgedeutet werden. Sonst wäre das Gleichnis von dem korrupten Knecht ja beispielsweise ein Aufruf Jesu zur Vorteilsnahme. Jesu Gleichnisse haben immer eine Pointe, auf die es hinausläuft. Das Gleichnis vom Weltenrichter – es wird übrigens nur von Matthäus berichtet – beschreibt den Himmel als ein Beziehungsgeschehen. Die Hörer – es sind ausdrücklich die Jünger Jesu und keine Außenstehenden – sollen verstehen, worum es eigentlich geht im Reich Gottes: Der Himmel ist da, wo Menschen füreinander da sind. Der Himmel ist da, wo Menschen gerade dadurch in Beziehung zu Christus treten. Wo sie es nicht tun, das ist die Hölle.
Sehen wir uns das Gleichnis mal im Einzelnen an. Da sind die einen, die nicht nur für sich selbst da sind. Sie sind gastfreundlich, wenn jemand an ihre Tür klopft. Sie geben einem Gast zu Essen und zu Trinken. Zurzeit Jesus war Gastfreundschaft wie noch heute im Orient ein lebensnotwendiger Brauch. Anders war es nicht möglich zu reisen. Man war einfach darauf angewiesen, von anderen aufgenommen zu werden. Wer das nicht tat, verstieß gegen elementare Regeln der Menschlichkeit. Die von Jesus als „Gesegnete“ bezeichneten Menschen gehen aber darüber hinaus. Sie nehmen sich nicht nur der Fremden an. Das beruhte ja auch auf ein wenig Eigennutz. Denn man konnte ja auch selbst einmal darauf angewiesen sein, auf einer Reise die Gastfreundschaft anderer in Anspruch nehmen zu müssen. Nein, sie nehmen sich auch der Notleidenden an. Kleidung war zur Zeit Jesu ein teures Gut, von dem manche tatsächlich viel zu wenig hatten. Manche mussten nahezu nackt gehen, wenn ihre Kleider so verschlissen waren, dass sie einen Menschen kaum noch verhüllten. Ihnen etwas von der wenigen eigenen Kleidung abzugeben, war ein wirkliches Opfer und ein Akt der Barmherzigkeit zugleich. Die „Gesegneten“ nehmen sich im Gleichnis aber nicht nur der Armen an. Sie stehen auch denen bei, die an den Rand des Lebens geraten sind durch eine Krankheit oder durch eine Gefängnisstrafe der Römer. Sie zu besuchen, war damals noch viel wichtiger als heute. Es bedeutete nicht nur Trost und inneren Beistand. Es war oft auch zum Überleben notwendig. Wer niemanden hatte auf dem Krankenlager oder im Gefängnis, der konnte verhungern oder verdursten. Es ging dabei auch immer ums Überleben.
„Was ihr einem von diesem meinen geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt der König. Das ist ihnen neu ebenso wie sich die anderen verwundern, wo sie denn dem König die Gastfreundschaft oder die anderen Zuwendungen verweigert haben sollen. Christus stellt sich den Armen, Kranken und Notleidenden gleich. Er identifiziert sich mit ihnen. In den Notleidenden lässt er sich finden.
Das ist Jesus so wichtig, dass er dafür das Szenario des großen Endgerichts ausmalt: Das Himmelreich beginnt in dieser Welt. Klein wie ein Samenkorn. Es wächst dort, wo Menschen füreinander da sind. Denn der Glaube kann nicht bei sich selbst bleiben. Der Glaube ist nicht allein ein spirituelles Geschehen zwischen Gott und einem Menschen. Der Glaube muss notwendigerweise immer auch in Taten der Barmherzigkeit Gestalt finden. Ein Glaube, der sich nicht auch so auswirkt, bleibt fragmentarisch. Die Beziehung zu Jesus Christus schließt entweder unsere Mitmenschen ein oder sie ist keine tragfähige Beziehung zu dem Herrn.
Darum und nur darum ist hier von der Hölle der Rede. Ein Glaube ohne Barmherzigkeit ist kein Glaube. Eine Beziehung zu Jesus Christus ohne Nächstenliebe verdient diesen Namen nicht. Ohne ihn verlieren wir aber einen Zugang zu der schöpferischen Liebe Gottes. Schon in dieser Welt bleibt ein Leben leer, wenn es nur bei sich bleibt. Über dieses Leben hinaus ist gar kein Leben möglich, wenn eine tragfähige Beziehung zu Christus fehlt.
Lassen wir uns also von dem Bild des Hirten, der die Schafe sortiert, die von der Weide kommen, nicht täuschen. Es geht nicht um eine Einteilung der Menschheit. Es geht schon gar nicht darum zu sagen: Die kommen in die Hölle und wir werden gerettet. Es geht nicht um das Seelenheil anderer. Es geht um uns. Es geht um mich. Meine Person. Um meinen Glauben. Christus lädt uns ein teilzuhaben an diesem Beziehungsgeschehen, das Jesus das Reich der Himmel genannt hat. Er stellt mit seinem Gleichnis jedem von uns die Frage: Trägt Deine Beziehung zu mir so sehr, dass du den Blick von Dir wenden und dich anderen zuwenden kannst? Befreit Dich Dein Glaube von deinem Egoismus und schenkt Dir die Kraft, für andere da zu sein? Kannst Du mich in deinem Mitmenschen finden? Wenn ja, dann steht Dir der Himmel offen. In dieser Welt und über diese Welt hinaus.
Im Freiberger Mormonentempel ist ein Vorgeschmack auf den Himmel eher nicht zu finden. Aber überall da, wo Christen ihren Glauben leben, wo sie ein offenes Herz haben für ihre Mitmenschen, da gibt es wirklich einen Vorgeschmack auf das Himmelreich.
In einem russischen Märchen heißt es: Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elia als Führer mit. Elia führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Leute mit einem langen Löffel und schöpften alle aus dem Topf. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Denn die Stile ihrer Löffel waren viel zu lang, so dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten. Als die Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle.
Daraufhin führte Elia den Rabbi in einen zweiten Raum, der genau aussah wie der erste. In der Mitte des Raumes brannte ein Feuer, und dort kochte ein köstliches Essen. Leute saßen ringsum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel!
Amen.

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