Predigt am Vorabend vom Sonntag Miserikordias Domini, 4. Mai 2019

Predigt am Vorabend vom Sonntag Miserikordias Domini, 4. Mai 2019

04.05.2019

zu Johannes 10, 11 - 16; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
wie so viele historische Momente fühlt es sich nicht immer so an. Aber heute ist ein historischer Tag: Vertreter der Kirchgemeinde Kleinwaltersdorf, der Kirchgemeinde Großschirma und der Domgemeinde St. Marien unterzeichnen im Anschluss den Vertrag zur Vereinigung der drei Kirchgemeinden zu der gemeinsamen, neuen „Ev.-Luth. Kirchgemeinde am Dom Freiberg“. Nach einer unterschiedlich langen Geschichte der Selbständigkeit und einem gemeinsamen Weg als Schwesterkirchgemeinden von 20 bzw. vier Jahren endet die Geschichte aller drei Gemeinden und etwas Neues beginnt. Man mag das mit Traurigkeit und Bedauern so sehen. Aber die Entwicklung der letzten einhundert Jahre hat leider dazu geführt, dass mehr und mehr Bewohner unserer Dörfer und Städte der Kirche den Rücken gekehrt haben. Gab es noch nach dem Krieg einen Bevölkerungsanteil unter den Evangelischen bei 85% so sind es jetzt noch 18%. Dass das an den Strukturen unserer Kirche nicht spurlos vorübergehen konnte, sollte jedem einleuchten.
Dass es so ist, hat nicht nur etwas mit der DDR und ihrer kirchenfeindlichen Politik zu tun. Die Gründe liegen wohl sehr viel tiefer. Aus meiner Sicht hat es in gewisser Weise auch etwas mit unserem Predigttext zu tun. Der Evangelist Johannes verwendet hier zur Charakterisierung Jesu Christi das Bild von dem Guten Hirten. Christus ist der, dem die Schafe so wichtig sind, dass er sein Leben für sie einsetzt. Während ein angestellter Hirte die Schafe nicht gegen ein gefährliches wildes Tier mit dem Einsatz seines Lebens verteidigen würde, ist der Besitzer der Herde dazu bereit. Ähnlich hat Christus am Kreuz sein Leben gegeben für die, die als Christen zu ihm gehören. ER ist der gute Hirte.
Das heißt aber umgekehrt auch, dass wir die Schafe sind. Wir als Christen stoßen uns in der Regel nicht an diesem Bild. Wir finden es sogar schön zu wissen, dass Christus so etwas wie ein guter Hirte für uns ist. Ähnlich suchen sich Taufeltern in der Regel heute ein Psalmwort aus, in dem Gott als einer geschildert wird, der einen durch seine Engel behütet auf allen Wegen durch das Leben. – Viele unserer Zeitgenossen können aber mit einem solchen Bild Gottes nichts anfangen. Sie wollen kein Schaf sein. Sie wollen autonom sein. Sie wollen sich von keinem Hirten – und sei er auch noch so gut – irgendwie leiten lassen. Menschen unserer Zeit wollen über ihr Leben selbst bestimmen. Notfalls wollen sie in eine Sackgasse hineingeraten als jemand anderes über ihr Leben bestimmen zu lassen. Das ist so. Das müssen wir erst einmal zur Kenntnis nehmen. Ich denke, es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Spätere Generationen werden das vielleicht auch wieder anders sehen. Aber aktuell ist es so. Insofern werden wir weiter weniger werden und es ist gut, dass wir dem mit neuen Strukturen Rechnung tragen. Wir hoffen dabei ja auch, dass diese neuen Strukturen uns wenigsten für die nächsten 15-20 Jahre erhalten bleiben werden.
Nun könnte man es bei solchen Zukunftsaussichten für die Kirche natürlich ein wenig mit der Angst zu tun bekommen. Wenn von den 18-25-jährigen Gemeindegliedern regelmäßig die Hälfte austritt, dann wird sich der Schwund in den Gemeindegliederzahlen noch deutlich verschärfen. Wird es dann irgendwann nur noch vereinzelte Christen geben? Müssen wir dann unsere Kirchen abreißen und es bleiben nur noch einige wenige übrig? Werden Pfarrer dann nur noch nebenamtlich oder gar ehrenamtlich tätig sein, es also nur noch so etwas wie Prädikanten geben? Die Antwort ist: Wir können es nicht wissen. Wie die Gestalt von Kirche in zwanzig Jahren aussehen wird, kann heute niemand sagen. Meine persönliche Vermutung ist, dass die Menschen sich erst dann wieder auf den Glauben besinnen werden, wenn es eine grundlegende Krise unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems geben wird. Wie schnell alles ganz anders kommen kann, haben wir ja 1989 gesehen. Mir hat in diesem Zusammenhang sehr zu denken gegeben, dass das Friedensgebet nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in meiner damaligen Kirchgemeinde neben ev. Gemeindegliedern und Katholiken aus dem Ort auch von einer ganzen Reihe von Menschen besucht wurde, die gar nicht zu einer Kirche gehörten. Wenn sie merken, dass der Boden unter den Füßen dünn wird, dann kommen sie, dachte ich damals. Aber ob sich die Menschen in einer Krise tatsächlich wieder einer und dann auch unserer Kirche zuwenden werden, wissen wir natürlich auch nicht.
Was wir aber wissen ist: Der gute Hirte wird immer bei seinen Schafen sein. Christus ist nicht nur individuell mit jedem Einzelnen von uns auf dem Weg. Er begleitet auch den Weg unserer Gemeinschaft als Christen. Wir sind mit ihm innig verbunden. Wir sind sein Leib in dieser Welt. Er wird es nicht zulassen, dass die Kirche in dieser Welt von der Bildfläche verschwindet. Er wird es nicht zulassen, dass sie ihrem Auftrag nicht mehr gerecht werden kann, das Evangelium von dem Guten Hirten zu verkündigen. Das bedeutet nicht, dass es zu allen Zeiten eine Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens geben wird. Vielleicht werden wir eine Art Freikirche werden – oder uns mit den Katholiken zusammenschließen, wer weiß. Aber es wird immer Christen geben, die sich als Gemeinde zusammenfinden, ihren Glauben leben, sich gegenseitig im Glauben ermutigen und weitersagen, was sie in ihrem Leben trägt: das Vertrauen auf den guten Hirten.
Als ich mein Vikariat beendete und mich aus dem kleinen Dorf am südlichen Harzrand verabschiedete, schenkte mir unsere damalige Diakonin ein Fensterbild mit einem Hirten. „Ich schenke Dir das nicht, damit du ein Hirte sein sollst. Ich gebe dir das mit, damit du immer weißt, wer dein guter Hirte ist“, sagte sie dazu. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis auf unserem gemeinsamen Weg in die Zukunft. Im Verhältnis zu Jesus Christus sind wir tatsächlich Schafe des guten Hirten. Aber im Verhältnis zu ihrem Pfarrer oder ihrer Pfarrerin sollten Gemeindeglieder das nicht sein. Und umgekehrt sollte der Pfarrer sich immer bewusst sein, dass er keine Schafe unter sich, sondern Mitchristen an seiner Seite hat.
Viel zu lange lief in unserer Kirche alles auf den Pfarrer zu. Das mag auch dazu beigetragen haben, dass wir heute so dastehen wie wir es tun. Immer wichtiger wird es in der Zukunft werden, dass wir in der Gemeinschaft von Pfarrern, anderen hauptamtlichen Mitarbeitern und vor allem Ehrenamtlichen gemeinsam das tun, was uns aufgegeben ist. Nur so können wir die frohe Botschaft von dem Guten Hirten in einer überzeugenden Weise vermitteln. Denn das Wort der Ehrenamtlichen wiegt bei den anderen viel schwerer als das der bezahlten Mitarbeiter. Zudem sind die ja auch überhaupt nicht in der Lage, alles zu tun, was getan werden muss. Insofern wäre es fatal, wenn im Zuge der Strukturveränderungen in den jeweiligen Orten die Bereitschaft zu Übernahme von Verantwortung nachlassen würde. Wenn in Großschirma niemand mehr zum Kirchenputz käme, weil er denkt, das macht jetzt schon irgendjemand aus der neuen großen Gemeinde: Das wäre verhängnisvoll. Ebenso: Wenn niemand im Ortsausschuss in Kleinwaltersdorf mitmachen wollte, weil die Entscheidungen ja im gemeinsamen Kirchenvorstand getroffen werden. Oder wenn in der Domgemeinde niemand mehr ehrenamtlich den Kindergottesdienst halten würde, weil es in der gemeinsamen Gemeinde ja zwei Gemeindepädagoginnen geben wird. Wie die Schafe in der Sonne liegen und das grüne Gras fressen, das einem die Hauptamtlichen servieren: Gebe es Gott, dass die neue Gemeinde nicht eine solche Einstellung provoziert. – Umgekehrt gibt es ja sehr viele Beispiele für wunderbares Engagement der Gemeindeglieder. Wenn ich nur mal daran denke, wie viel Zeit und Kraft unsere Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen und all die anderen Ehrenamtlichen aufwänden für ihre Kirchgemeinden.
Wir wissen als Christen darum, dass wir einen Guten Hirten haben: Jesus Christus, der für uns Leid, Schuld und Tod überwunden hat. Er wird auch in Zukunft unseren Weg und den Weg unserer Kirche begleiten. Von ihm wollen wir uns leiten lassen auf dem Weg als eine neue, gemeinsame Kirchgemeinde. Möge es dazu ein gutes Zeichen sein, dass in unserem Evangelium der Satz steht: „Es wird eine Herde und ein Hirte werden.“
Amen.

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