Predigt am Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi), 3. März 2019

Predigt am Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi), 3. März 2019

03.03.2019

zu Amos 5, 21 - 24; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
stellen Sie sich einmal vor, jetzt würde ein Fremder hier aufstehen und laut rufen: „Gott sagt euch: Ich kann eure Lieder nicht mehr hören und eure Gebete könnt ihr euch sparen. Hört auf mit diesen armseligen Gottesdiensten. Kümmert euch lieber darum, dass es gerecht auf der Welt zugeht!“ Was würden wir mit ihm machen? Ihn zur Eingangstür begleiten und ihm sagen, dass er gern wiederkommen kann, wenn er sich wieder beruhigt hat?
Genau so ist es den Pilgern im Tempel in Beth-El mit dem Pro­pheten Amos gegangen. Beth-El, das war im 8. Jahrhundert vor Christus der Wallfahrtsort im nördlichen der beiden Staaten in Israel. Die Menschen machten sich auf tagelange Reisen, um dort Gott als Zeichen ihrer Verehrung oder Ihres Dankes ihre Opfer darzubringen, die sie sich vom Munde abgespart hatten: eine Taube vielleicht oder eine Erntegabe. Der Priester des Tempels – er hieß damals Amazja – nahm die Opfergaben entgegen und opferte sie auf dem Altar. Eine Begleitmusik von Harfen und Leiern sorgte dabei für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Nach dem Opfer gab der Priester den Gläubigen dann Bescheid, dass Gott ihr Opfer angenommen hatte und sie nun im Frieden und unter dem Segen Gottes wieder nach Hause zurückkehren könnten.
Dann kommt eines Tages ein Bauer aus dem Süden, aus Judäa, und sieht sich das Treiben im Tempel an. Und dann steht er auf, vielleicht gerade zu dem Zeitpunkt, als Amazja den Gläubigen den Frieden Gottes mit auf den Weg geben will. Amos schreit ihnen das genaue Gegenteil entgegen: „Gott sagt zu euch: Ich verachte eure Feiertage, und mit euren Versammlungen könnt ihr mir gestohlen bleiben. Wenn ihr mir opfert, dann ekelt mich das an. Lasst mich in Ruhe mit dem Geplärr eurer Lieder und eurer Musik. Ich kann das nicht mehr hören. Stattdessen soll das Recht wie Wasser strömen und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“
Liebe Gemeinde, haben Sie sich inzwischen überlegt, was wir mit einem solchen Störenfried machen würden? Der Priester Amazja jedenfalls beschwerte sich beim König über Amos und ließ ihn nach Judäa ausweisen.
Was war es, was den Amos so aus der Rolle fallen ließ? War er einfach ein Spinner, ein religiöser Fanatiker? Nein, es ging um etwas ganz Anderes. Amos hatte in Israel erleben müssen, wie eine Gesellschaft auseinander fiel. Da waren die Reichen, denen es in den Umbruchszeiten zur Zeit des Amos gut und immer besser ging. Sie profitierten von dem aufkommenden Handel mit anderen Ländern und wurden dadurch immer reicher. Im Gegensatz zu ihnen verarmte die Landbevölkerung. Für ihr Vieh und das, was sie anbauten, bekamen sie immer weniger Geld. Sie mussten sich oft genug verschulden und waren dann auf Gedeih und Verderb den reichen Gläubigern ausgeliefert. Im Konfirmandenunterricht haben wir erst kürzlich ein Video der deutschen Bibelgesellschaft angesehen, in dem so ein Reicher eine arme Witwe aus ihrem Haus vertreibt, weil sie die Schulden nicht bezahlen kann. In dem Video sieht Amos genau diesen Mann, wie er eine Opfergabe zum Tempel bringt und sich sehr fromm und anständig vorkommt. Amos klagt ihn an dass er einerseits die Gebote Gottes mit Füßen tritt und andererseits dann meint, mit seinen Opfern sich den Segen Gottes erkaufen zu können.
Liebe Gemeinde, manchmal hat man bei dem Blick in die Ver­gangenheit den Eindruck, dass sich im Grunde nichts geändert hat. Die Schere zwischen Arm und reich klafft heute wieder genauso wie damals. Die Armen werden immer Ärmer, weil die Reichen immer reicher werden wollen. Der einzige Unterschied zur Zeit des Amos ist: Heute bringen die Reichen ihre Opfer nicht mehr in einen Tempel Gottes. Der Gott, der heute von ihnen angebetet wird, das ist der Aktienkurs ihres Unternehmens oder ihr eigenes Bankkonto. Diesen Götzen werden aber durchaus Opfer dargebracht: Die eigene Gesundheit gehört bei vielen dazu, die eigene Familie, aber man opfert ebenso auch Menschen: diejenigen, die entlassen werden, um den Unternehmensgewinn zu steigern, beispielsweise.
Amos würde darum heute vielleicht nicht in eine Kirche gehen. Seine Gerichtsrede würde er heute vielleicht eher auf dem Parkett der Frankfurter Börse oder vor dem Eingang des Bundestages halten. Aber heißt das, dass die Worte des Amos uns heute nichts mehr angehen? Können wir uns beruhigt zurücklehnen und uns darüber freuen, wie Amos die da oben kritisiert?
Ich glaube nicht. Die Frage ist doch: wie steht es eigentlich bei uns mit unserem Leben und unserem Glauben? Gibt es da einen Zusammenhang? Oder gehört der Glauben zum Sonntagvormittag oder vielleicht in den Konfirmandenunterricht, und das Leben spielt sich nach ganz anderen Regeln ab?
Wieweit hat unser Gottesdienst etwas mit unserem Leben zu tun? Kommen wir zusammen, weil wir Zuspruch und Stärkung und Ermutigung für unser Leben suchen, weil uns die Ruhe wichtig ist, die es in unserer hektischen Zeit ja anderswo kaum noch gibt? Oder gibt es eine Verzahnung zwischen unserem Gottesdienst und dem, was wir im Alltag leben? Stimmt das überein?
Diese Frage kann sich jede und jeder nur selbst beantworten. Sicherlich wird es bei kaum jemandem ein ganz uneingeschränktes Ja geben können. Dazu sind wir eben zu sehr „arme, elende, sündige Menschen.“ Wenn ich mir aber beispielsweise meine haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter ansehe, dann bin ich schon sehr beeindruckt. Keiner von den Hauptamtlichen lässt nach 40 Stunden die Arbeit liegen. Viele Ehrenamtliche wänden viele Stunden für die Gemeinden auf, die sie auch gemütlich auf dem Sofa verbringen könnten. Da prägt der Glaube durchaus das Leben.
Amos wäre es aber wichtig, dass der Glaube sich auch auf den Lebensalltag jenseits der Kirchenmauern auswirkt. Ein Cousin von mir ist Mitglied einer freikirchlichen Gemeinde. Der war einmal in einem Laden für alte Möbel, interessierte sich für ein Stück und fragte nach einem Preisnachlass. Der Verkäufer machte ihm das Angebot, ihm den Schrank ohne Quittung und damit ohne Mehrwertsteuer zu verkaufen. Das lehnte mein Verwandter ab. Der Verkäufer fragte ihn: Sind sie vom Finanzamt? Daraufhin mein Cousin: Schlimmer, ich bin Christ. – Ehrlich zu bleiben, die Allgemeinheit nicht mit Steuerbetrug oder anderen Machenschaften zu schädigen, auch das gehört zu einem Leben als Christ dazu. Dass christliche Wähler in den USA auf einen Donald Trump setzen, ist mir insofern wirklich ein Rätsel.
Amos hat aber nicht nur den Einzelnen im Blick gehabt. Ihn interessierten auch und vor allem die gesellschaftlichen Probleme. Er klagte die Reichen nicht nur wegen ihres persönlichen Lebenswandels an, sondern auch weil er den Zusammenhalt des Gottesvolkes Israel bedroht sah. Er sah sich von Gott gerufen dagegen aufzustehen; gegen soziale Missstände und Ungerechtigkeit; gegen die Verletzung des guten Willen Gottes für unser Leben.
Eigentlich brauchten wir es angesichts so mancher bedenklichen und bedrohlichen Entwicklungen von Neuem, dass Propheten ihre Stimme erheben. Mich beeindruckt in diesem Zusammenhang dieses junge schwedische Mädchen Greta Thunberg sehr, das durch den Hamburger Schulstreik wieder Schlagzeilen gemacht hat. Ist sie nicht so etwas wie eine Prophetin unserer Zeit? Fordert sie nicht genau das an, was auch Amos gefordert hat? Ja, ihr geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um die Bewahrung der Schöpfung. Sie hat dabei als Schwedin vermutlich auch keine christlichen Beweggründe. Gott nimmt oft Menschen in seinen Dienst, von denen man es nicht erwarten würde. Eigentlich müssten wir diese jungen Menschen als Kirche massiv unterstützen. Warum tun wir es nicht? Denn unser Bürgerrecht ist zwar im Himmel, wie wir es in der Bibelwoche in Kürze hören werden. Aber als Himmelsbürger sollen und dürfen wir schon jetzt so leben, als wäre wir im Himmel. Armut und Ungerechtigkeit und die Zerstörung der guten Schöpfung Gottes können uns da nicht kalt lassen. Denn sie lassen auch Gott nicht kalt. Sich dagegen zu engagieren ist auch ein Dienst an Gott und natürlich ein Dienst am Nächsten.
Gott lässt uns nicht allein. Er schickt Propheten wie Amos oder Greta und erinnert uns an seinen guten Willen für unser Leben und unsere Welt. Hören wir auf sie!
Amen.

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