Predigt am Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi), 26. Februar 2017

Predigt am Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi), 26. Februar 2017

27.02.2017

zu Lukas 10, 38-42; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in der Kirche in Strehla, wo ich viele Jahre Pfarrer war, gab es vier Buntglasfenster im Altarraum. Zwei davon waren vom Kirchenschiff aus gut zu sehen. Zwei dagegen konnte man nur sehen, wenn man sich im Altarraum befand und dessen Südwand in den Blick nahm. Das waren sozusagen die Fenster, die dem Pfarrer vorbehalten waren. Denn während des Gottesdienstes fiel der Blick vom Chorgestühl aus direkt auf sie. - Eines dieser beiden Fenster zeigte die Geschichte von Maria und Marta, die wir gerade aus dem Lukasevangelium gehört haben. Ich frage mich, ob der Künstler sich dessen bewusst war, wer auf dieses Fenster schauen würde. Wollte er besonders uns Pfarrer an diese Geschichte von Maria und Marta erinnern? Wenn ja, wollte er uns Pfarrer eher die Marta als Vorbild vor Augen halten oder doch eher die Maria? Oder vielleicht sogar mal die eine und mal die andere, je nach dem, ob der Pfarrer eher eine Marta oder eher eine Maria ist?
Wo liegen eigentlich Ihre Sympathien, liebe Gemeinde?
Eigentlich müssten wir es ja mit der Marta halten. Denn die verhält sich wirklich vorbildlich. Jesus und seine Jünger waren ja ohne ein Einkommen auf der Wanderschaft. Sie waren darauf angewiesen, dass sie jemand aufnahm. Insofern mag man sie am ehesten mit den heutigen Pilgern vergleichen, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind. Auf ihrer Wanderschaft, so lesen wir, kommen Jesus und seine Freunde in ein Dorf. Lukas schreibt: „Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.“ Unmittelbar vorher lesen wir im Lukasevangelium die Geschichte von dem barmherzigen Samariter. Es wird also deutlich: Marta lebt mit der Aufnahme Jesu und seiner Jünger die Liebe zum Nächsten. Wie der Samariter sich um den überfallenen Mann gekümmert hat, so sorgt sie für Jesus und seine Freunde. Marta gibt sich dabei alle Mühe. Sie hat hat nach Kräften zu tun, den Regeln der Gastfreundschaft gerecht zu werden. Jesus aufzunehmen, war zwar ein Akt der Nächstenliebe. Aber indem sie aufgenommen wurden, waren sie Gäste und Gäste standen zur Zeit Jesu hoch im Kurs. Einen Gast nach allen Regeln der Kunst zu bewirten, das war geradezu Pflicht. Für Marta gab es also viel zu tun. Denn Unterkunft und Essen für mindestens 13 Personen zu organisieren und vorzubereiten, war nicht eben mit Links zu bewältigen.
Insofern kann man es gut verstehen, dass sie sich über Maria beschwert. Die pfeift nämlich auf alle Regeln der Gast­freund­schaft. Ihr Platz wäre als Frau selbstverständlich in der Küche gewesen. Stattdessen setzt sie sich Jesus zu Füßen und hört ihm zu. Das kann man sich gar nicht ungehörig genug vorstellen. Eine Frau mischt sich in die Männerrunde. Das war gegen alle Regeln des Anstands. Sie verstößt also in doppelter Hinsicht gegen die Regeln. Kein Wunder also, dass Marta sich über ihre Schwester beschwert.
Marta verdient also durchaus unsere Sympathien. Ohne Menschen wie sie, die oft im Unsichtbaren wirken, ginge gar nichts. Jemand muss dafür sorgen, dass das Notwendige getan wird. Jemand muss die Verantwortung übernehmen. Jemand muss für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen können. Oft schlüpfen ja Frauen in die Rolle der Marta und wir können den Martas nicht genug danken für alles, was sie tun.
Aber zweifellos hat auch Maria in dieser Geschichte sehr viel richtig gemacht. Darum wird sie ja auch von Jesus in Schutz genommen. Marta hat absolut recht. Maria verhält sich ungehörig. Sie verletzt die Regeln der Gastfreundschaft und ebenso die Regeln des Anstands. Dennoch hat sie, wie es bei Luther heißt, „das bessere Teil erwählt“. Dennoch hat sie es auf ihre Weise mindestens ebenso richtig gemacht wie die Marta. Denn sie nutzt diese einmalige Gelegenheit, dass Jesus da ist. Ich stelle mir vor, dass sie ihm da zu Füßen sitzt und geradezu an seinen Lippen hängt. Wie kann sie in die Küche gehen, wenn in der Stube derartig wichtige Worte aus dem Mund dieses Mannes kommen. Wie kann sie sich um die Kleinigkeiten des Alltags kümmern, wenn es hier um alles, um Gott, um das Leben, um die Zukunft geht. Wie kann sie die Regeln befolgen, die ihr auferlegt sind, wenn hier eine Botschaft laut wird, durch die hindurch man Gott selbst zu hören meint.
Maria verdient also durchaus ebenso unsere Sympathien. Wir brauchen solche Menschen, die den ganzen Kleinkram des Alltags beiseite schieben, die Zwänge aufbrechen und sich auf das konzentrieren, worauf es wirklich ankommt.
Das ist schon im ganz Weltlichen so. Das Problem von Kanzlerin Merkel ist beispielsweise, dass sie sich von dem Alltagsgeschäft ganz und gar vereinnahmen lässt. Sie macht das sicherlich gut und routiniert und wir können in dieser chaotischen Welt sicherlich dankbar sein, dass wir sie haben. Aber sie müsste gelegentlich die Marta in sich abschalten und mal Maria sein. Sie müsste sich mal eine Auszeit nehmen und überlegen, wohin sie eigentlich mit unserem Land will. Wie will sie mit den Ängsten der Menschen umgehen, die der AfD auf den Leim gehen? Was will sie gegen die wachsende Ungerechtigkeit in unserem Land tun? Darauf fehlen ihr die Antworten.
Ich erlebe das bei mir anderen in meiner Umgebung übrigens auch. Das Dringliche verdrängt das Wichtige immer wieder von der Tagesordnung. Sofern man es nicht auf die Tagesordnung setzt und sich Zeit dafür nimmt. Ich bin insofern sehr dankbar, dass wir uns im Kirchenvorstand die Zeit genommen haben, einmal über ein Leitbild für die Domgemeinde nachzudenken. Wer sind wir und wohin wollen wir? Was ist unsere spezielle Aufgabe? Diese Fragen haben wir zu beantworten versucht und stellen diesen Versuch der Gemeinde demnächst zur Diskussion.Wir haben versucht, der Maria Raum zu geben und mal nicht nur auf der Schiene der Marta zu fahren.
Noch wichtiger ist es natürlich, der Maria auch in geistlicher Hinsicht zu folgen. Das ist natürlich nicht leicht. An jedem Morgen greift der Alltag nach einem. Bei vielen ist es am Wochenende nicht besser. Die Marta in uns gewinnt der immer leicht die Oberhand. Dabei ist es so ungeheuer wichtig, sich Zeit zu nehmen für ein geistliches Leben. Dreimal am Tag läuten die Glocken. Sie laden uns ein, einen Moment inne zu halten; Ein Gebet zu sprechen; Einen Vers der Bibel zu lesen, die Losung beispielsweise; Sich innerlich einen Moment aus dem Alltag auszuklinken. Im Landeskirchenamt ist es ein guter Brauch, dass Sitzungen unterbrochen werden, wenn die Glocken läuten. Dann spricht einer ein Gebet – im Kollegium ist das in der Regel der Landesbischof. So wird deutlich, dass die Marta in uns wenigstens für einen kurzen Augenblick zurückstehen und der Maria Raum gegeben werden soll.
Maria oder Marta: Wem gehören Ihre Sympathien? Vermutlich können wir uns zum Teil mit beiden identifizieren. Ohne die Marta in uns würde nichts funktionieren; ohne die Maria in uns wäre das Leben sinnentleert und gottlos. Gut wird es immer dann, wenn wir einen guten Weg zwischen den Polen finden, die beide Frauen einnehmen. So wie es die Benediktinerregel mit ihrem „ora et labora“ sagt. Wer nach der Regel des heiligen Benedikts in einem Kloster lebt, wird niemals sich nur der Kontemplation widmen. Arbeit gehört immer dazu für einen Mönch oder eine Nonne in den Benediktinerklöstern. Aber keine Arbeit ist dort so wichtig, dass sie nicht unterbrochen würde, wenn die Gebetszeiten da sind. Dann finden sich alle zusammen und loben Gott mit ihrem Singen und Beten und dem Hören auf das Wort.
Ja, was wollte der Künstler den Strehlaer Pfarrern wohl sagen, als er ihnen die Figuren der Maria und der Marta vor Augen malte? Übrigens beide als hübsche junge Frauen. Denen, die sich nur der Verkündigung widmen wollten, hat er vielleicht sagen wollen: Denkt auch an die Organisation der Gemeinde, an den Zustand der Gebäude, kümmert euch um eure haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter. Und denen, die sich von diesen Fragen ganz vereinnahmen ließen, hat er sicherlich deutlich machen wollen: Verliert euch nicht in den Geschäften des Alltags. Sonst lauft Ihr leer. Widmet euch eurem geistlichen Leben. Hört auf Gottes Wort. Lebt aus der Stille. Dann habt ihr das gute Teil erwählt.
Maria und Marta – zwei so unterschiedliche Schwestern. Wie zwei Herzen, die in der Brust eines jeden von uns schlagen sollten – und das möglichst im Takt.
Amen.

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