Predigt am Sonntag Trinitatis, 27. Mai 2018

Predigt am Sonntag Trinitatis, 27. Mai 2018

01.06.2018

zu Römer 11, 33 - 36, gehalten von Landesbischof Dr. Carsten Rentzing im Berggottesdienst zu "Klingende Montanregion"

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn "wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen"? Oder "wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?" Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde,
als ich vor über 20 Jahren in die Stadt Annaberg geschickt wurde, hatte ich meine eigentliche Erstbegegnung mit den bergmännischen Traditionen der Montanregion. Mir wurde sehr bald deutlich, dass es dabei nicht nur um historische Reminiszenzen oder gar so etwas wie Folklore geht. Die bergmännischen Traditionen sind tief verwurzelt im Leben und Glauben der Menschen bis auf den heutigen Tag, bewusst, aber manchmal auch unbewusst.
Natürlich habe ich mir bald die Frage gestellt, wie das sein kann. Und ich meine, auch eine Antwort gefunden zu haben. Es ist die Anknüpfung an die konkreten, existenziellen Erfahrungen, die den Glauben des Menschen so vertieft hat, dass noch die nachfolgenden Generationen daran teilhaben. Der Glaube lebt eben in konkreten Erfahrungen und nicht in theoretischen Konstruktionen. Was muss es für einen Bergmann bedeutet haben, wenn er nach einer Woche unter Tage in der Enge und Dunkelheit der Schächte sich am Sonntagmorgen auf den Weg zum Dom machte und die gotische, lichtdurchflutete Halle im hervorbrechenden Morgenlicht betrat! Ein Vorhof des Himmels mitten in diesem konkreten Leben. Ich meine nicht, dass ich alles nachvollziehen kann, was so ein Mensch in solch einem Augenblick verspürte. Ich meine aber schon, dass wir manches davon bis heute verstehen  können. Und so helfen uns diese Erfahrungen bis heute und lassen auch uns tiefer verstehen, worum es im christlichen Glauben geht.
Es sind aber nicht nur diese sehr bekannten Anknüpfungspunkte der Weite und des Lichtes, die uns die bergmännischen Traditionen in besonderer Weise nahe bringen. Die Lesungen in diesem Gottesdienst lenken unsere Blicke auch auf andere wichtige Punkte. Vom Schatz war da die Rede und von der kostbaren Perle: ein Vorgeschmack auf das Himmelreich. So hat der Schöpfer diese Welt erschaffen. Sie hält Reichtümer für uns bereit. Sie versorgt uns und sichert unsere Existenz. Auch das ist mit konkreten Erfahrungen verbunden, von denen wir uns Heutigen allerdings um Einiges entfernt haben. Wir erhalten unsere Nahrung gewöhnlicherweise von Lebensmittelmärkten. Und das Geld landet auf digitalem Weg auf unseren Konten. Wie elementar ist demgegenüber das Finden von Silbererz oder auch das Bestellen eines Feldes. Und wie wenig verwunderlich ist die Dankbarkeit eines Bergmannes oder eines Bauern dem Schöpfer gegenüber, wenn er erlebt, dass er versorgt wird. Und wie sehr und tief vermag das den Glauben zu prägen.
In der anderen Lesung war von der Demut die Rede. Demütig ist der, der weiß, dass er sich nicht nur auf seine eigenen Kräfte verlassen kann. Wir leben heute oft in dieser Illusion. Ein Bergmann konnte sich kaum dieser Illusion hingeben. Er wusste sich Kräften ausgesetzt, die er nicht allein beherrschen konnte. Und auch der Erfolg seines Tuns lag nicht allein in seiner Macht. Fleiß und Stärke allein reichten hier nicht aus. Führung und Segen konnten so für ihn zur echten Erfahrung werden und prägten unmittelbar Leben und Glauben. Es ist auch dieser Zugang zu existenziellen Erfahrungswelten der Menschen, der aus der Montanregion etwas Besonderes macht. Eine internationale Aufwertung und Würdigung passte da sehr gut!
Der Glaube lebt in konkreten Erfahrungen und nicht in theoretischen Konstruktionen. Heute ist das Trinitatisfest. Eines der Hochfeste der christlichen Kirchen neben Ostern, Weihnachten und Pfingsten. Wenn auch eines mit weniger öffentlicher Beachtung. Das Fest der Heiligen Dreieinigkeit. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts war Michael Schmaus Professor für Dogmatik in Münster. Als er einmal an einer Nikolausfeier der Theologiestudenten im Konvikt teilnahm, sagte ihm der dort zum Spaß auftretende „heilige Nikolaus“: „Lieber Michael Schmaus, Gott Vater lässt dir bestellen, dass du über die Trinität ganz feine Dinge gesagt hast. Einige davon seien ihm selbst gar nicht bekannt gewesen.“
Die Trinität als theologisch-theoretische Konstruktion: So kann sie auch heute noch Menschen erscheinen. Und wie anders, als theoretisch, will man sie sich auch vorstellen: Ein göttliches Wesen in drei Personen. Die Theologen haben sich über Jahrhunderte die Zähne daran ausgebissen, verständlich zu machen, was damit gemeint ist und vor allen Dingen, wie das ganze denk-bar wird. Es waren die Reformatoren, allen voran Philipp Melanchthon, die das große Theoretisieren an dieser Stelle beendeten. „Die Geheimnisse Gottes soll man nicht zu ergründen suchen, sondern anbeten.“, so sagte er. Er lenkte damit den Blick darauf, dass es sich bei der Dreieinigkeit Gottes eben gerade nicht um eine theoretische Diskussion handelt. Christen sprechen nicht deshalb vom dreieinigen Gott, weil Theologen in irgendeiner Stube sich das so erdacht haben. Christen sprechen vom dreieinigen Gott, weil sie Gott als Dreieinigen erfahren. Um konkrete Erfahrung geht es im Glauben.
Am Morgen spüren zu können, dass wir in dieser Welt versorgt sind mit neuer Kraft für den Tag, mit frischer Luft und zahlreichen Gütern des Lebens lenkt den Blick der Gläubigen empor zu Gott, dem Vater, dem Schöpfer aller Dinge, voller Dankbarkeit.
Die Erfahrung, dass manches in deinem Leben unwägbar ist, dass wir nicht allein auf unsere Kräfte setzen, nicht alles planen und beherrschen können und demnach nicht allein und verlassen dastehen; diese Erfahrung stimmt den Gläubigen zuversichtlich, weil er weiß, dass ihm sein Heiland und Erlöser beisteht, Jesus Christus.
Durch das konkrete Leben zu gehen und darin eine Spur zu erkennen, die sich nicht zufällig ergibt, sondern die Sinn macht, das lässt den Gläubigen auf die Führung und den Segen des Heiligen Geistes vertrauen.
So und nur so ist Gott der Dreieinige. So und nur so wird verstanden, was die Christenheit an diesem Tag feiert. So und nur so kann nachvollzogen werden, weshalb sogar Bergwerke mit dem Namen „Dreieinigkeit“ benannt wurden.
Diesem dreieinigem Gott gehört unsere Anbetung und unser Dank. Denn von ihm und durch ihn sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

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