Predigt am Sonntag Rogate zum 425-jährigen Jubiläum der Grablege im Freiberger Dom, 26. Mai 2019

Predigt am Sonntag Rogate zum 425-jährigen Jubiläum der Grablege im Freiberger Dom, 26. Mai 2019

26.05.2019

zu Johannes 16, 23b - 33; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„in der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“: Diese beiden Halbsätze beschreiben genau das Spannungsfeld zwischen Angst und Trost, in dem wir uns als Christen unser Leben lang bewegen.
Die Erbauer der Grablege – angefangen von Heinrich, dem Frommen, bis hin zu Christian I. und seinem Baumeister Nosseini haben diese Spannung ebenso in sich gespürt. Wirft man einen Blick in den Chorraum mit der Begräbniskapelle, dann kann man das sehr gut sehen. Damals im 16. Jahrhundert hat die Angst vielleicht eine noch größere Rolle gespielt als heute. Täglich waren die Menschen bedroht von Hunger und Seuchen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Aber mehr noch trugen sie die Angst vor dem Verlorengehen in der Ewigkeit in sich. In der heutigen Zeit denken ja die meisten Menschen, mit dem Tod sei alles aus. Also muss man sich keine Gedanken darüber machen, was nach diesem Leben auf einen wartet. Das war damals völlig anders. Die Frage: „Was wird mit mir?“ bewegte die Menschen zutiefst. Sie hatten eine große Angst, in Ewigkeit verloren zu sein, in einer Hölle leben zu müssen, die sie sich in den finstersten Farben ausmalten. Martin Luther hat diese Angst so sehr umgetrieben, dass er ins Kloster ging. Es war dann die erlösende Erkenntnis für ihn, dass wir keine Angst zu haben brauchen. Wer im Glauben mit Jesus Christus verbunden ist, wird nicht verloren gehen.
Solche Ängste verschwinden im kulturellen Gedächtnis eines Volkes aber nicht von jetzt auf gleich. Die Grablege im Dom verdankt sich zwar der Reformation. Der Chor wurde als Anbetungsstätte der Domherren nicht mehr benötigt. Er blieb sozusagen ungenutzt zurück. Irgendwie musste man ihn neu nutzen. Es wäre aber durchaus denkbar gewesen, ihn in den Dom zu integrieren. Man hätte die Empore im mittleren Bereich entfernen und so den Blick auf den Altar öffnen können. Man hat es aber nicht gemacht. Schon Heinrich der Fromme bestimmte, dass er jenseits der Ostempore bestattet werden sollte und gründete so im Chor des Freiberger Doms die Fürstengruft. Im Wesentlichen von seinem Enkel Christian I. wurde sie dann so prachtvoll ausgestattet. Bald nach dessen Tod war dann 1594 die Grablege fertiggestellt, in der nachfolgend die weiteren lutherischen Angehörigen des wettinischen Fürstenhauses bestattet werden sollten. Das hatte nicht nur etwas damit zu tun, dass man sich natürlich keine prominentere Grablege in Sachsen hätte vorstellen können. Es hatte auch etwas damit zu tun, dass man sich von einem Begräbnis in einer Kirche nach wie vor eine höhere Sicherheit dafür versprach, nach dem Tod in das Himmelreich aufgenommen zu werden.
„In der Welt habt Ihr Angst“: Von dieser Angst zeugt übrigens auch das großartige Moritzmonument, das uns den Blick auf den Hohen Chor vom Kirchenschiff her verstellt. Moritz war einer, der mit dieser Angst auf seine Weise umgegangen ist. Er münzte sie in einen großen Wagemut um. Mit einer kaum zu übertreffenden Kühnheit pokerte er um die Stellung des albertinischen Sachsens, wechselte mehrfach die Fronten und sicherte so die Stellung seines Kurfürstentums. Auch in den Schlachten, die mit einer solchen Politik verbunden waren, scheint er überaus wagemutig gewesen zu sein. Dass er schon in relativ jungen Jahren bei Sievershausen gewaltsam zu Tode kam, wundert einen nicht.
Glauben wir aber nicht, dass diese Angst uns heute nicht mehr bewegt! Wir verdrängen sie vielleicht besser als es die Menschen im 16. Jahrhundert konnten. „Das Leben ist zu kurz, um im Stau zu stehen“ plakatierte ein Kandidat für den Freiberger Stadtrat. Das bringt das Lebensgefühl zumindest der mittleren Generationen auf den Punkt. Viele haben keine Hoffnung, dass es über dieses Leben hinaus etwas geben kann. Also muss man aus diesem Leben so viel herausholen wie nur möglich. Dabei Rücksicht auf die kommenden Generationen und ihre Lebensmöglichkeiten zu nehmen, ist ein überflüssiger Luxus. Lieber will man alles zubetonieren, um das kurze Leben besser nutzen zu können. Die Angst der jungen Generation vor dieser Haltung ist nur allzu berechtigt. Am Freitag hat sie sich auf dem Obermarkt wieder Ausdruck verschafft. Und auch die Wahlen von heute werden vermutlich auch die Ängste vieler Wähler vor der Zukunft in der einen oder anderen Weise abbilden.
„In der Welt habt ihr Angst“, sagt Christus. „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Das allein steht gegen unsere Angst vor dem Leben und vor dem Sterben. Was dieses Wort Jesu besagt, wird in der Grablege in wunderbarer Weise dargestellt. Der von Christian I. beauftragte Künstler Giovanni Maria Nosseini hat ja das Kreuzgewölbe im Stil der damaligen Zeit verändert. Er hat eine Art plastisches Deckengemälde gestaltet. Im Mittelpunkt dieses Deckengemäldes steht der auferstandene Christus. Er ist sichtbar an der Siegesfahne in der Hand und an dem Siegeszeichen, das er mit der anderen Hand macht. „Seht her, ich bin der Überwinder des Todes“, scheint einem dieser Christus zuzurufen. Er ist nicht der schreckliche Weltenrichter, der uns nach unseren Taten beurteilt. Er ist der Erlöser. Mit seiner Wiederkunft wird alles gut. Dass die Engel mit ihren berühmten Instrumenten dazu Musik machen, unterstreicht den freudigen Charakter der Wiederkunft Christi in beeindruckender Weise. Schön, dass wir in diesen Tagen und besonders gestern etwas von diesen himmlischen Klängen hören konnten. Die Engel mit ihren Instrumenten stehen auf ihre Weise für die Hoffnung des Evangeliums: Wir gehen nicht auf Tod und Verderben zu. Nein, Christus kommt auf uns zu. Er hat unserer Welt den Schrecken genommen. Er ist hineingegangen in den Tod um zu überwinden, was uns am meisten Angst macht. Alles wird durch ihn gut werden. Alles wird durch ihn heil werden. Das ist unsere Zukunft. Darum brauchen wir keine Angst zu haben.
„In der Welt habt ihr Angst“, sagt Christus. „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Zwischen diesen beiden Polen bewegen wir uns in unserem Leben als Christen. Auch wir haben Angst davor, dass unser Leben oder das unserer Lieben schnell enden könnte oder dass die Klimaveränderungen die Zukunft unserer Kinder und Enkel bedrohen. Zugleich haben wir die Hoffnung, dass Christus der Überwinder ist. Dass er uns an der Hand hält im Leben und im Sterben. Dass auf uns eine Welt wartet, in dem alle Tränen abgewischt sein werden.
Zwischen beiden Polen bewegen wir uns im Leben. Das eine lassen wir hinter uns. Das andere liegt noch vor uns. Dazwischen haben wir das Gebet. „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen“, sagt Christus, „wird er´s euch geben.“ Auch das bildet die Gestaltung der Grablege in wunderbarer Weise ab. Wer im Rahmen der Mars-Ausstellung einmal im Hohen Chor, also im Innern der Grablege, gewesen ist, der hat es gesehen: Alle Fürstinnen und Fürsten in der Begräbniskapelle sind in anbetender Haltung dargestellt. Ihre lutherische Frömmigkeit kommt dadurch zum Ausdruck. Es gehört ja zum Kern unseres Glaubens, alle unsere Anliegen direkt vor Christus und vor Gott bringen zu können. Wenn uns Ängste bewegen, so können wir sie im Gebet dem anvertrauen, der die Welt überwunden hat. Unsere Sorgen und Nöte vor ihn zu bringen, lässt uns den Frieden finden, den Christus uns verspricht. Das Gebet kann uns dabei nicht alle Ängste nehmen. Es wird auch nicht alles in Erfüllung gehen, was wir uns wünschen. Gottes Wille ist nicht identisch mit unseren Sehnsüchten und Wünschen. „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben. Im Gebet zu Christus werden wir aber gewiss, dass er die Welt und damit den Grund für alle unsere Ängste überwunden hat. Im Gebet zu dem Vater wird die Hoffnung in uns kräftig, dass das Heil unsere Zukunft ist. Das bringen die betenden Bronzefiguren Carlo di Caesares del Palagio so wunderbar zum Ausdruck. Das Gebet lässt uns die Spannung aushalten zwischen unserer Angst in der Welt und dem Trost und der Hoffnung auf Christus, den Überwinder.
Zwischen den betenden Angehörigen des Hauses Wettin und den musizierenden Engeln sind auf der mittleren Ebene der Grablege alttestamentliche Propheten dargestellt. Ein Wort Gottes aus dem Mund des Propheten Jesaja (43,1) ist so etwas wie eine Antwort Gottes auf alles, was wir ihm im Gebet anvertrauen:
„Fürchte Dich nicht; denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“
Amen.

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