Predigt am S. Reminiszere 2016, Annenkapelle Freiberg

Predigt am S. Reminiszere 2016, Annenkapelle Freiberg

23.02.2016

zu Römer 5, 1-5 von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

die Bilder haben sicherlich uns alle erschüttert. Dieselben Szenen wie wir sie erst hier in Freiberg  vor dem Bahnhof erlebt haben. Menschen, die all ihre Wut und ihren Hass anderen Menschen entgegenschleudern. Dabei sind die ohnehin schon verängstigt und traumatisiert durch den Krieg in ihrer Heimat, durch die Erlebnisse auf der Flucht. Und nun so etwas. Und dann rufen diese Leute auch noch: „Wir sind das Volk“. Nein, das seid ihr nicht!

Ich will jetzt aber nicht einstimmen in den Chor derer, die diese nun als Nazis und braunen Mob bezeichnen. Ich frage vielmehr: Was bringt Menschen dazu, sich so zu verhalten wie die, die sich da jetzt in Clausnitz versammelt hatten und den Flüchtlingen mit so viel Hass begegneten? Meine Antwort darauf ist: Manche sind tatsächlich schlicht und ergreifend Rassisten; viele aber werden einfach nur Angst haben. Ihre Angst ist so groß, dass sie sie geradezu in Panik versetzt. Ihre ganze Welt scheint ins Wanken zu geraten.

Man mag sich fragen: Warum eigentlich? Das altvertraute Leben wird sich womöglich ändern, wenn nun auf dem Marktplatz oder der Bushaltestelle Männer zusammensitzen, wie sie es von zu Hause gewohnt sind, und dort die Ereignisse des Tages besprechen. Aber muss einem das Angst machen? Frauen in Kopftüchern werden in den Dorfladen kommen. Ist das ein Problem? Vielleicht werden diese Menschen Angst davor haben, dass es Vorfälle wie in der Silvesternacht gibt, dass Terroristen Unterschlupf suchen, nicht zuletzt, dass möglicherweise das Geld, das den Flüchtlingen zukommt, nicht mehr den benachteiligten Deutschen zu Verfügung steht. Aber sind diese Sorgen bei fünf Frauen und Männern und 10 Kindern real? Das Problem liegt in meinen Augen tiefer.

Hinter diesen Befürchtungenen steht nämlich eine ganz grundlegende Lebensangst. Das scheint in uns Menschen so angelegt zu sein, dass wir Angst haben – um uns und unser Leben. Die Heiden in der Antike projizierten sie auf die Götter und versuchten diese mit Opfern zu beschwichtigen. Juden, wie Paulus einer war, wurden vielfach von derselben Furcht bewegt. Sie versuchten, durch ein genaues Befolgen der Weisungen Gottes in der Bibel ihrer Angst vor seinem Zorn Herr zu werden. – Diese Angst scheint eine ganz grundlegende Befindlichkeit unserer menschlichen Existenz zu sein. Martin Luther fürchtete sich so sehr, dass er ins Kloster ging, um dort seiner Angst zu entgehen, aber er nahm sie mit in seine Klosterzelle. Auch er machte seine Existenzangst an Gott fest. Er versuchte, ihn mit einem gottwohlgefälligen Leben als Mönch zu besänftigen. Aber er fand so keinen Frieden. – Heute schließlich bewegt diese Angst auch manche Christen. Sie fürchten, dass sie nicht genug in der Heiligen Schrift lesen, nicht genug spenden, nicht fest genug glauben. Und sie versuchen die Frohe Botschaft unter die Menschen zu bringen, indem sie ihnen erst einmal Angst machen – vor der Verlorenheit durch die Sünde. – Für die meisten unserer Zeitgenossen gibt es allerdings keinen Gott, an dem sie ihre Lebensangst festmachen können. Aber sie sucht sich dennoch ihren Weg. Es gibt allerdings einen Unterschied. Wenn es Gott ist, der einem scheinbar Angst macht, dann müssen wir ihn zu besänftigen versuchen, denn er ist übermächtig. Wenn es die Flüchtlinge sind, durch die die Existenzangst aufbricht und ausbricht, dann stehen 20 Flüchtlingen in einem Bus 100 Randalierer gegenüber. Da fühlt man sich stark und kann gegen die Flüchtlinge vorgehen und so die eigene Angst bekämpfen. Wie soll man es auch sonst machen?

Dabei gibt es mit dem Glauben an Jesus Christus ein wirksames Mittel gegen unsere Angst um uns selbst, um das Leben und auch vor dem Leben. „Wir haben Frieden mit Gott“, schreibt der Apostel. Wir brauchen uns vor Gott nicht zu fürchten. Wir brauchen keine Angst zu haben. Gott ist nicht derjenige, der unser Leben bedroht. Sicherlich haben wir uns von ihm entfernt – nicht zuletzt durch unsere Angst. Sie bedeutet ja, dass wir uns selbst ganz furcht-bar wichtig nehmen. Alle Gedanken kreisen nur noch um einen selbst. Da hat man natürlich keinen Gedanken mehr frei für Gott oder für seine Mitmenschen. Diese Lebensangst, die wir in uns tragen, ist darum ein Aspekt dessen, was die Bibel Sünde nennt. Als Glaubende sind wir aber dennoch sicher, dass Gott mit uns im Reinen ist. Weil Christus uns mit ihm versöhnt hat. Wir leben im Frieden mit Gott. Er braucht nun wirklich kein Grund für unsere Existenzangst zu sein.

Im Gegenteil: Gott will sie uns ja gerade durch das Evangelium nehmen. Christus hat seine Furcht vor dem Sterben und dem Tod überwunden. Er ist in den Tod gegangen, auch um uns zu zeigen, dass wir nicht tiefer fallen können als in Gottes ausgebreitete Arme. Christus hat das auf sich genommen, wovor wir am meisten Angst haben. Er ist in den Tod gegangen – und, wie wir wissen, am Ostermorgen von Gott zum Leben erweckt worden. Er hat uns so gezeigt, dass Gott stärker ist als alles, was uns ängstigt. So sind wir frei von unserer Sorge um uns selbst. Wenn wir auf den Gekreuzigten vertrauen, gibt es keinen Grund, sich vor dem Tod und erst recht nicht vor dem Leben zu fürchten. Und dann brauchen wir auch vor nichts anderem in der Welt Angst zu haben.

Das ist auch der Grund, warum sich der Apostel der Bedrängnisse rühmt, die er erfahren hat und erfährt. Paulus hat weiß Gott Schlimmeres erlebt, als ein paar verängstigten Flüchtlingen zu begegnen. Aber er ist deswegen nicht in Panik ausgebrochen und hat sich zu Dingen hinreißen lassen, wofür man sich schämen muss. Paulus hatte immer das Vertrauen, von Christus begleitet zu sein und von ihm geführt zu werden. Denn Christus ist mit uns den Weg des Leides gegangen, als er dem Kreuz nicht auswich. Wenn Christen leiden, so war sich der Apostel sicher, dann tragen sie an sich dieselben Schmerzen, die auch Christus auf seinem Weg ans Kreuz und am Kreuz erlitten hat. Und umgekehrt dürfen Christen darum gerade im Leiden den Gekreuzigten an ihrer Seite wissen.

Wir brauchen aus diesem Grund an schweren Erfahrungen, die uns das Leben nicht immer erspart, nicht zu verzweifeln. Wir hatten in der Fastenzeitreihe am letzten Mittwoch eine Psychiaterin zu einem Vortrag hier. Sie erzählte, wie Menschen mit traumatischen Erfahrungen umgehen. Viele verkraften diese und gehen daran nicht zugrunde. Wenige entwickeln schwere Folgestörungen. Einer der Faktoren, die unserer Seele helfen, keinen Schaden zu nehmen, ist der Glaube. Der Satz „Hoffnung lässt nicht zuschanden werden“ könnte auch von einem modernen Psychiater stammen. Wir vertrauen darauf, dass wir getragen werden gerade auch in den finsteren Tälern des Lebens. Wir hoffen, dass Gott uns am Ende jedes finsteren Tales ein österliches Licht leuchten lässt. Von diesem Licht werden wir ganz und gar beschienen werden, wenn wir Gottes Herrlichkeit sehen werden. Denn teilzuhaben an den Kreuzesleiden Christi, das heißt auch, an der Auferstehung Jesu Anteil zu bekommen. Als Christen dürfen wir uns darum darauf verlassen, dass alle unsere Wege – mögen sie auch noch so beschwerlich sein – im Licht des Ostermorgens in Gottes Herrlichkeit enden werden.

Den Verteidigern des christlichen Abendlandes fehlt zumeist diese Hoffnung. Sie haben keine Waffe gegen unsere menschliche Existenzangst. Darum bekämpfen sie sie an den Flüchtlingen. Als Christen wissen wir dagegen, dass wir angstfrei leben können. Wir haben Frieden mit Gott. Wir sind als Sünder von Gott gerecht gesprochen; unsere Lebensangst trennt uns nicht mehr von Gott. Wir dürfen uns im Gegenteil in Gottes Liebe geborgen wissen. Das nimmt uns die Angst um uns selbst.

Darum können wir uns vertrauensvoll den Herausforderungen des Lebens stellen. Wir brauchen uns vor den Flüchtlingen nicht zu fürchten. Natürlich wird es nicht leicht sein, eine so große Zahl zu integrieren. Und wir können sicherlich nicht jedes Jahr eine Million Flüchtlinge aufnehmen. Aber aus dem Glauben heraus lassen sich ganz andere Herausforderungen bewältigen.

Das Leben macht uns immer wieder Angst. Aber wir haben den Glauben. Er ist unsere Waffe gegen die Lebensangst. Wir vertrauen darauf, dass unser Leben in Gottes Hand liegt. Wir hoffen auf eine Welt, in der sich niemand mehr zu fürchten braucht. Darum begegnen wir unseren Mitmenschen angstfrei – und mit Liebe.

Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben