Predigt am Reformationstag, 31. Oktober 2018

Predigt am Reformationstag, 31. Oktober 2018

31.10.2018

zu Galater 5, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„Ihr wollt doch zum Volk Gottes gehören. Dann lest doch die Schrift. Heißt es da nicht, dass alle Männer beschnitten sein müssen? Lest ihr nicht im Gesetz, welche Speisen wir nach Gottes Willen vermeiden sollen und welche uns erlaubt sind? Paulus hat Euch auf einen falschen Weg gebracht. Er ist abgefallen von dem Gesetz. Wenn ihr wirklich zu dem Bund gehören wollt, den Gott mit Israel geschlossen hat, dann müsst ihr auch als Christen das Gesetz ganz befolgen. Hat denn Jesus nicht gesagt: ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu befolgen? Will Paulus etwa dem Herrn widersprechen? – Lasst euch nicht verführen von dem Irrlehrer aus Tarsus, liebe Brüder!“
Der Apostel Paulus hatte den Heiden gepredigt, sie gehörten zu Jesus Christus allein durch ihren Glauben. Allein durch den Glauben seien sie Kinder Gottes. Und die Taufe sei für sie das Zeichen des Bundes mit Gott. Das Gesetz brauchten sie als Heidenchristen nicht zu befolgen. Das Gesetz sei erfüllt durch Jesus Christus. Durch seinen Tod am Kreuz habe das Gesetz sein Ende und seine Erfüllung  gefunden. So hatte Paulus gelehrt. Und sein Evangelium hatte eine ganze Reihe von Anhängern in Galatien gefunden. Eine christliche Gemeinde war entstanden, und Paulus hatte sie eine Zeit lang begleitet. Bis er dann weiterziehen musste auf seiner Missionsreise.
Nun kamen aber jüdische Männer und machten Stimmung gegen Paulus. Sie versuchten, die Christen in Galatien zur Befolgung des Gesetzes, insbesondere zur Beschneidung zu bewegen. Sie argumentierten damit, dass man nur durch die Beschneidung zu Gott gehören könne. So lautet ein Erklärungsversuch für die Worte des Apostels an die Galater. Ein anderer sieht auf das politisch-religiöse Umfeld. Eine neuere These besagt, dass die Galater eher aus taktischem Kalkül handelten. Das Judentum war eine geschützte Religion im Römischen Reich. Die Christen dagegen waren es nicht. Konflikte mit den jüdischen Gemeinden konnten in diesem Umfeld gefährlich werden. So war es besser sich beschneiden zu lassen, unter das Dach des Judentums zu schlüpfen und damit seinen Glauben in Frieden leben zu können.
Paulus muss von den Bestrebungen, sich beschneiden zu lassen und damit das jüdische Gesetz zu befolgen, irgendwie Wind bekommen haben. Vermutlich gab es unter den Christen in Galatien einige, die sich nicht beeindrucken ließen von den Predigten dieser Leute. Oder die als Christen keine Juden werden wollten. Und die deswegen an den Apostel schrieben und ihn um eine Antwort baten, eine Antwort auf die Hetze gegen ihn und seine Lehre.
Paulus schrieb nach Galatien: Ihr habt früher Angst gehabt vor dem Zorn Eurer alten Götter, vor dämonischen Mächten und all diesen Dingen. Ihr hattet Angst. Und als ich zu Euch kam mit dem Evangelium, da habt ihr gemerkt: Als Christen braucht Ihr keine Angst mehr zu haben. Denn Gott ist mächtiger als alle irdischen und dämonischen Mächte; er will euer Leben, nicht euren Tod. Ihr habt gemerkt: Im Vertrauen auf Jesus Christus, im Glauben an ihn sind wir frei. Wollt Ihr denn diese Freiheit nun wieder aufgeben? Wollt ihr euch wieder gefangen nehmen lassen von eurer Angst? Wollt ihr aus Angst das Gesetz befolgen? Merkt ihr nicht, dass ihr damit die Gnade Gottes verachtet?
Liebe Gemeinde, es gehört anscheinend zu unserem Wesen, dass wir in der Sorge um uns selbst gefangen sind und nach Mitteln gegen die Angst suchen. Die Galater hatten Angst, nicht richtig zu Gott zu gehören oder vor staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen. Sie meinten daher, sie müssten sich dem jüdischen Gesetz unterwerfen. Die heidnischen Kelten hatten z.B. Angst vor Geistern. Sie verkleideten sich darum am heutigen Abend als Geister, um unentdeckt zu bleiben. Diese Angst scheint uns im Unterbewusstsein noch heute sehr nahe zu sein. Woher kommt sonst die Faszination des Gruseligen, die aus dem Reformationstag Halloween gemacht hat. Auch in der Reformationszeit hatten die Menschen große Angst, vor allem um ihr Seelenheil. Sie meinten wie die Galater, sie müssten sich die Liebe Gottes verdienen und geradezu erkaufen. Und so hatten Ablasshändler wie der berühmte Tetzel großen Erfolg. Es kam so viel Geld in die Kassen der Kirche, dass davon der Petersdom in Rom gebaut werden konnte. Aber anders als die Galater wussten es die Christen im 16. Jahrhundert nicht besser. Denn die Kirche hatte die Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes vergessen und predigte nur noch die Angst vor dem Zorn Gottes und vor der ewigen Verdammnis.
Als einen ernsthaften Menschen hatte Martin Luther diese Angst vor Gottes Zorn bekanntlich so sehr bewegt, dass sie wie eine drückende Last auf ihm lag. Umso mehr hat Luther dann beim Lesen der Briefe des Paulus erfahren, wie frei uns das Evangelium von solcher Angst machen will. Die Angst fiel Luther wie ein Stein vom Herzen. Er lernte bei Paulus, dass wir als Christen frei sein dürfen von aller Angst vor Gott und damit auch frei von aller Angst um unser Leben.
Angst vor Gott und Angst um unser Leben: In der Reformations­zeit war das dasselbe. Das hat sich heutzutage gründlich geändert. Es ist sicherlich eine Auswirkung der Reformation, dass kaum je­mand mehr Angst vor dem Zorn Gottes oder der ewigen Ver­dammnis hat. Sonst wären unsere Gottesdienste besser besucht und unsere Gemeindegliederkarteien sehr viel voller. Aber zugleich mit der Angst ist leider vielen der Glauben an Gott verloren gegangen. Und das hat die Menschen unserer Tage ihre Freiheit von der Angst wieder gekostet.
Die großen Zugewinne einer Partei, die vor allem die Angst vor Flüchtlingen zu ihrem Thema gemacht hat, sind da ein deutliches Zeichen. Sicherlich sind viele Fehler gemacht worden, haben wir viele zu uns gelassen, die keine Flüchtlinge sind, sondern eher Goldsucher. Aber gerade hier bei uns im Osten gibt es nach wie vor so wenige Fremde, dass die Ausländerfrage eigentlich kein Thema sein dürfte. Aber Angst hat mit dem Denken nichts zu tun. Angst ist wie eine Macht, die uns im Innersten beherrscht. Ähnlich wie die Sünde macht sie uns unfrei.
Das gilt vor allem für die Angst vor dem Tod und die Angst, unser begrenztes Leben könne misslingen. Die Angst, unser Streben nach Glück in unseren wenigen Jahren könne nicht zum Ziel führen; hat uns fest im Griff. Weil uns die Werbung Glück aber im Wohlstand und möglichst Reichtum verspricht, bereichern sich die einen in einem unverschämten Maße. Man denke nur an die Vorstandsetage der Autokonzerne, die ihren Erfolg mit Betrug absichern zu müssen meinte. Und die Generation der Verlierer der Wende ist zutiefst frustiert und verbittert, weil sie nach der Wende an dem erhofften Wohlstand nicht teilhaben durften.
Ängste greifen wieder nach unserer Freiheit. Die Angst, sich das Lebensglück nicht in ausreichendem Maße verdienen zu können. Nicht zuletzt die Angst vor dem Sterben und dem Tod. Wenn inzwischen angefangen wird, auf Trauerfeiern ganz zu verzichten, kann man das nur so erklären. Der Tod macht manchen so viel Angst, dass sie sich dem Gedanken daran auf keinen Fall aussetzen wollen.
Gott sei Dank sind wir als Christen zur Freiheit berufen. Wir vertrauen darauf, dass wir Gottes geliebte Kinder sind. Wir wissen, dass wir uns seine Liebe nicht verdienen müssen: Es gibt sie umsonst. Wir wissen, dass unser Lebensglück in Gottes Hand liegt: Es ist dort gut aufgehoben. Wir wissen, dass unser Leben weder durch Not noch Tod misslingen kann: Gott wird unser Leben in seiner künftigen Welt in jedem Fall zur Vollendung bringen. Darum sind wir frei von dieser Sorge um uns selbst, die einen Menschen so verbiegen kann. Darum brauchen wir keine Angst zu haben, unser Leben könnte nicht gelingen. Darum gehen wir einen ehrlichen Weg durch das Leben. Darum begegnen wir erfüllt von Trost und Zuversicht den Wechselfällen des Lebens. Darum geben wir unserer Seele die Möglichkeit, von einem lieben Menschen in Würde Abschied zu nehmen. Die Hoffnung auf Christus befreit uns auch dazu.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Der evangelische Pfarrer und Märtyrer der Bekennenden Kirche Ludwig Steil lebte diese Freiheit. Ohne Angst vor den Nazis predigte er das Evangelium. So wies er der ersten westfälischen Bekenntnissynode im März 1934 in Dortmund den einzig möglichen Weg, den Weg des Glaubensgehorsams. Er schloss mit den Sätzen: „Wir sagen den Heiden in unserem Volk, dass wir Christen bleiben. ... Wir sagen den Verzagten unter uns, dass wir auf die Hilfe Gottes hoffen.“
Amen.

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