Predigt am Reformationstag, 31. Oktober 2016, im Dom Freiberg

Predigt am Reformationstag, 31. Oktober 2016, im Dom Freiberg

02.11.2016

zu Römer 3, 21-28 gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ein Glied unserer Gemeinde feiert in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag und hat immer noch eine Halbtagsstelle als Professor an der Bergakademie. Wie wunderbar, wenn man gesund genug ist, um in diesem Alter immer noch als Wissenschaftler Anerkennung finden zu können. Umgekehrt sind nach der Wende Menschen schon mit Ende 50 in dem Ruhestand geschickt worden, weil sie sonst arbeitslos geworden wären. Nicht mehr gebraucht zu werden, das war für viele von ihnen sehr schwer zu verkraften. Nicht nur wegen des Geldes. Denn Arbeit ist ein wichtiger Inhalt des Lebens. Anerkennung nicht zuletzt im Berufsleben zu finden, macht einen großen Teil unseres Selbstwertgefühls aus.
Das Beispiel der Arbeitslosigkeit macht deutlich: Anerkennung ist ein vergäng­liches Gut. Das ist übrigens ein Grund, warum sich manche unserer Politiker so lange an der Macht festhalten. Ohne das Amt ist man plötzlich für viele kein interessanter Ansprechpartner mehr. Ohne das Amt fällt ein großer Teil der Anerkennung eines öffentlichen Lebens einfach weg. Anerkennung und Selbst­bestätigung können einem wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen.
Heute suchen ja viele insbesondere junge Leute ihre Selbstbestätigung in den Medien. Sie verdienen damit auch einiges an Geld. Ein Paar hat anscheinend in den letzten Jahren die Zeit der ersten Liebe, ihre Hochzeit, die Schwangerschaft und die Geburt des gemeinsamen Kindes vor den Medien ausgebreitet. Dass sie sich jetzt scheiden lassen, braucht einen nicht zu wundern. Wie groß muss die Sehnsucht danach sein, von möglichst vielen Menschen beachtet zu werden? Und wie tief mag ein Fall sein, wenn die Medien sich immer wieder neuen Helden zuwenden? Unsere Suche nach Bestätigung und Anerkennung geht leicht in die Irre.
Diese Erfahrung musste auch der Apostel Paulus machen. Er war ein strenger Pharisäer, er versuchte Gottes Gebote ganz genau zu befolgen. Für ihn war es ein ganz wichtiger Teil seines Lebens, in Gottes Augen richtig zu leben. Er zog sein Selbstwertgefühl daraus, dass andere ihn für einen vor­bildlichen Juden hielten. Vor allem aber war es ihm wichtig, bei Gott Anerkennung zu finden. Das trieb er so weit, dass er die er­sten Christen verfolgte, weil die ja seiner Meinung nach Gottes Gebote brachen. Aber auch ihm zerrann diese Anerkennung zwi­schen den Fingern. Auf dem Weg nach Damaskus begegnete er dem auf­erstandenen Christus.  Dadurch erkannte er, dass er in Gottes Augen auf einem völlig falschen Weg gewesen war. Er hatte Gottes Anerkennung gesucht und dabei seinen Christus und dessen Gemeinde verfolgt.
Auch Martin Luthers Werdegang kann man als eine Suche nach der Anerkennung Gottes verstehen. Er fragte sich immer wieder, ob er gut genug wäre für Gott. Ihn führte sein Weg darum ins Kloster. Als Mönch, so meinte er, würde er vor Gott richtig leben können. Im Kloster hoffte er die von ihm so sehr ersehnte Anerkennung Gottes zu finden. Im Gegensatz zu Paulus schei­terte Luther aber schon an sich selber. Je mehr er versuchte, ein für Gott anerkennenswertes Leben zu führen, umso größer wurden seine Selbstzweifel. Ihm gelang es überhaupt nicht, Selbst­bestä­tigung in seinem Leben als Mönch zu finden. Denn je mehr er fastete und Buße tat, umso größer wurden seine Zweifel. Müsste er denn nicht vielleicht noch mehr tun, um Gottes Gnade zu finden?
Für Martin Luther war es ein Segen, dass der Apostel Paulus 1500 Jahre vor ihm in dieselbe Sackgasse hineingeraten war. Aus dieser Sackgasse hatte Paulus durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus wie­der herausgefunden. Paulus hatte erkannt: Mit dem, was ich tue, kann ich Gottes Anerkennung nicht finden; ich habe alle guten Gebote Gottes zu erfüllen versucht, und gerade dadurch habe mich von Gott ganz weit entfernt. Gleichzeitig hatte Gott dem Apostel aber gezeigt, dass er ihn für ganz wertvoll hielt. Der auf­erstandene Jesus war ja auf dem Weg nach Damaskus ausgerechnet dem Verfolger der jun­gen Christenheit begegnet. Gerade diesen Christenverfolger hatte Christus zum Apostel berufen. Da­durch lernte Paulus etwas, was auch für uns ganz wichtig ist: Gott misst uns nicht an dem, was wir tun. Gott sieht nicht auf das, was wir leisten oder erreichen. Er behaftet uns auch nicht bei unseren Fehlern und unserer Schuld. Für Gott sind wir etwas wert, einfach nur weil wir wir selbst sind. Gottes Anerkennung bekommen wir, weil wir seine Kinder sind. Diese Anerkennung brauchen wir uns nicht erst mühsam zu erarbeiten. Sie ist schon da! Gott schenkt sie uns einfach. Das dürfen wir glauben und darauf dürfen wir vertrauen.
Für Martin Luther war das vor einem halben Jahrtausend eine so ungeheuer befreiende Erkenntnis, dass wir uns seine Erleichterung kaum vorstellen können. Als er endlich verstand, was der Apostel Paulus gemeint hatte, begann für ihn ein neues Leben. Luther las, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Und plötzlich verstand er: Ich brauche mich gar nicht so abzumühen, um Gottes Anerkennung zu finden. Er schenkt sie mir ja einfach so. Ich brauche das nur zu glauben und Gott mein Vertrauen zu schenken.
Das war für Luther eine so befreiende Erkenntnis, dass er nie, nie wieder in sein altes Leben zurück wollte. All die vergeblichen Versuchen, Gottes Anerkennung zu erreichen, lagen endgültig hinter ihm. Darum hat er im Jahre 1517 auch so heftig auf die Ablasspredigten Tetzels reagiert. Dass da einer erzählte, man könne sich Gottes Vergebung mit dem Erwerb von Ablassbriefen kau­fen, das war für Luther nach all dem, was er durchgemacht und schließlich verstanden hatte, bodenlos. Dagegen konnte einer wie der Reformator nur zu Felde ziehen. So schlug er am 31.10.1517 seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Dass er damit seine Kirche verändern, eine neue gründen und manche Irrungen und Wirrungen auslösen würde, das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar.
Liebe Gemeinde, dass wir hier in Sachsen den Reformationstag als Feiertag haben, ist ein Geschenk. Manche sind heute mehr auf Süßes aus. Dabei ist die Erkenntnis Luthers viel bedeutsamer als Schokolade oder Kaugummi. Denn der Reformationstag erinnert uns immer wieder an die­se ganz grundlegende Wahrheit: Wir sind nicht das, was wir tun oder leisten. Wir sind etwas wert, weil wir wir selbst sind. Wir sind vor allem etwas wert, weil wir in Gottes Augen wertvoll sind. Wir finden seine Anerkennung, ohne dass wir uns das mühevoll erarbeiten müssten.
Wenn also jemand in seinem Beruf nicht so richtig zurecht­kommt, dann bedeutet das nicht, dass er kein wertvoller Mensch ist. Er ist ein wertvoller Mensch. Viele Menschen lieben ihn dennoch. Vor allem ist er in Gottes Augen wertvoll, egal, was er macht oder tut.
Wenn ein Schüler aus irgendwelchen Gründen von anderen nicht cool gefunden wird, dann kann ihn das eigentlich kalt lassen. Jedenfalls, wenn er auf Jesus Christus vertraut. Denn Christus findet ihn in jedem Fall cool, weil er ein Kind Gottes ist.
Und selbst wenn jemand eine schwere Schuld auf sich geladen hat, muss ihm das nicht ein Leben lang anhängen. Zu Christus kann er immer kommen und bei ihm Vergebung finden. Denn für Gott sind wir nicht das, was wir getan haben oder tun; für Gott sind wir wir selbst: seine geliebten Kin­der. Und wenn Gott uns für wertvoll hält, dann können wir uns selbst auch für wertvoll halten.
Darum braucht sich auch kein Mädchen krank zu hungern, um die Anerkennung anderer zu finden. Gott fragt nicht nach den Kör­permaßen. Und kein Arbeitsloser braucht zu verzweifeln, dass er nicht mehr wert ist, weil ihn keiner haben will. Er ist etwas wert. Er ist er: Einer, dessen Namen Gott kennt. Und keiner, den die Medien fallen gelassen haben, ist darum ein Nichts.
Unsere Gesellschaft fordert und fördert die Erfolgreichen, Schönen, die Selbstdarsteller, die Leistungsträger bis zur Selbstaufgabe. Die Botschaft der Reformation ist: Das ist ein Irrweg. Gib Deinen täglichen Kampf um Anerkennung und Selbstbestätigung auf. Du bist Gottes geliebtes Kind. Er schenkt Dir alle Bestätigung, die Du brauchst. Vertrau darauf. Vertrau auf ihn.
Amen.

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