Predigt am Ostersonntag, 21. April 2019

Predigt am Ostersonntag, 21. April 2019

21.04.2019

zu Johannes 20, 11 - 18; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde des Auferstandenen,
nicht am Kreuz gestorben, sondern nur ohnmächtig geworden sein soll Jesus. Das behauptet der Historiker Johannes Fried in seinem neuen Buch "Kein Tod auf Golgatha". Die Schlüsselszene für ihn ist der Speerstich in die Seite des Gekreuzigten. Fried zufolge hat dieser Speerstich Jesus das Leben gerettet. Er wurde nicht tot, sondern ohnmächtig vom Kreuz genommen. Der Autor geht davon aus, dass Jesus darum auch nicht auferstanden, sondern aufgewacht ist und dass er dann außerhalb Israels sein Leben fortgesetzt hat. Seine Argumente sind letztlich dünn. Denn vor allem stützt er sich ganz auf die Darstellung des Johannesevangeliums. Das ist aber sehr stark von der Theologie des Evangelisten geprägt. Das Wasser, das aus dem Leib Jesu fließt, ist beispielsweise ein Hinweis auf die Taufe. Zugleich ist das Johannesevangelium das mit Abstand jüngste der Evangelien.
Frieds Buch zeigt vor allem eines: Der Osterglaube ist in unserer Zeit mehr als je zuvor Zweifeln ausgesetzt. Viele Menschen unserer Zeit können der Botschaft von der Auferstehung einfach keinen Glauben mehr schenken. Sie ist einfach zu weit von dem entfernt, was wir Menschen für möglich halten.
Nun sollten wir nicht glauben, dass es den Auferstehungszeugen anders gegangen ist. Wenn man sich die Berichte in den Evangelien genau ansieht, dann ist an mehreren Stellen von Unverständnis, Verwirrung, Zweifeln, sogar Angst und Schrecken die Rede. Der Auferstandene wird in den Begegnungen mit ihm auch nicht immer gleich erkannt. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus halten ihn nach dem Lukasevangelium für einen Fremden. Maria meint im Johannesevangelium, er sei der Gärtner. Selbst die unmittelbaren Zeugen der Auferstehung mussten also erst einen Weg gehen, bis sie erkannten, dass Jesus von den Toten auferstanden war. Das ist auch kein Wunder. Das Ostergeschehen übersteigt das, was wir mit unserem Verstand fassen können. Ein Mensch stirbt. Zwei Tage später gibt es Erscheinungen einer ganz anderen, ganz neuen Lebendigkeit desselben Menschen. Er war tot und lebt. Er lebt und doch ganz anders als Menschen auf der Erde leben. Wer sollte das gleich auf Anhieb begreifen?
Maria begreift es auch erst nicht. Das leere Grab verwirrt sie. Auch das ist kein Wunder. Was haben sie mit ihm gemacht? fragt sie sich. Im Grunde ist es dieselbe Frage, die auch Fried stellt. Warum ist das Grab leer gewesen? Fried kann sich das nur so erklären, dass Jesus gar nicht tot war und selbst – vielleicht unterstützt von Helfern – das Grab verlassen hat. Was in der Osternacht geschehen ist, ist einfach für menschliches Denken und Empfinden nicht zu fassen. Denn das gab es vorher noch nie und seitdem auch nicht mehr. Dass jemand durch die schöpferische Macht Gottes hineinverwandelt wird aus dem Tod in ein unvergängliches Leben, aus dem Tod in dieser Welt in ein Leben in der Welt Gottes, das ist nicht zu fassen.
Maria kann es nicht einmal zu dem Zeitpunkt fassen, als sie Jesus sieht. Sie denkt Jesus ist der Gärtner. Das ist übrigens auch ein theologischer Hinweis, den Johannes uns hier gibt. Nach dem Alten Testament sind wir Menschen einst aus dem Garten Eden vertrieben worden. Nun wird Jesus als der Gärtner dargestellt. „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“, singen wir schon zu Weihnachten, „der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob Ehr und Preis.“ Erst recht könnten wir es heute zu Ostern singen. Durch Kreuz und Auferstehung hat Jesus Christus uns den Himmel eröffnet – oder eben den Garten Eden.
Maria sieht also zunächst einmal den Gärtner vor sich und nicht den Auferstandenen. Aber dann begreift die Frau, die sich zu Lebzeiten in einem ganz engen geistigen Austausch mit Jesus befunden hat. Sie begreift, als Jesus sie anspricht. Der Auferstandene spricht sie mit ihrem Namen an: „Maria“. In diesem Augenblick erkennt sie, dass Jesus ihr gegenübersteht. Sie begreift, sie glaubt, sie bekennt. „Rabbuni“ – mein Meister, ruft sie aus. Sie bekennt sich damit dazu, dass sie den Auferstandenen vor sich hat. Den Jüngern gegenüber wird sie später sich dazu bekennen, dass sie den Herrn gesehen hat – weniger mit den Augen als mit den Ohren, weniger mit den Sinnen als mit dem Herzen.
Liebe Gemeinde, es ist im Wortsinn un-glaublich, was da zu Ostern geschehen ist. Man kann es nicht glauben. Aber dann trifft einen das Wort des Herrn. Er spricht einen an – und es wird nicht mehr zu einer Frage des Glaubens, sondern zu einer Frage eines solchen Sehens. Die Erscheinung des Auferstandenen ereignet sich, wenn er unser Herz auch nur mit einem Wort berührt. Dieses eine Wort Jesu hat für Maria den Umschwung gebracht; es war allein ihr Name: „Maria“.
So und nicht anders wird es Ostern – durch das Wort des Auferstandenen in unseren Herzen. Wir hören Jesu Wort. Wir werden von ihm angesprochen. Wir spüren, dass er gerade uns meint und genau uns. Als nennte er unseren Namen. So erfahren wir, dass er lebendig ist. So können wir dem Wort von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten unser Vertrauen schenken.
Am Anfang eines Lebens im Glauben geschieht das, wenn wir mit dem Wasser der Taufe beim Namen genannt werden. So wie eben die kleine Emelie beim Namen genannt worden ist. Da spricht uns der auferstandene Herr beim Namen an. Emelie ist noch zu klein, um das zu verstehen. Aber Eltern, Paten und wir als Gemeinde wollen es ihr nahebringen: Heute hat der auferstandene, lebendige Herr Jesus Christus sie beim Namen gerufen. – Am Pfingstsonnabend des letzten Jahres haben wir einen besonderen Taufgottesdienst in der Kapelle des Kreuzgangs gefeiert. Unter anderem wurden auch zwei Brüder getauft, der eine fünf und der andere schon sieben Jahre alt. Sie waren schon groß genug, um sich selbst bei ihrer Taufe von Jesus Christus angesprochen zu fühlen. Und sie haben es getan! Mit welcher Andacht diese beiden ihre Taufe erlebt haben, das hat mich zutiefst berührt. Ich hatte den Eindruck, dass sie die Worte des lebendigen Jesus Christus ganz genau vernommen haben. Der auferstandene Jesus hat sie bei ihrem Namen gerufen.
Wir hören die Ansprache durch den Auferstandenen aber auch an anderer Stelle. Wer regelmäßig in den Gottesdienst kommt, wird immer mal wieder aus dem Wort der Schrift oder in einer Predigt ein Wort hören, als würde der lebendige Christus direkt zu ihm sprechen. Das ist kein Zufall. Es ist der Lebendige, der da zu einem spricht. Mir steht da nach wie vor eindrücklich ein Predigttext vor Augen, den ich an einem Montag Ende Juli des vergangenen Jahres in der Vorbereitung der nächsten Predigt las. Das Wort der Schrift sprach sofort zu mir. Es sagte: „Es gibt Aufgaben, die Gott mir vor die Füße legt, damit ich sie wahrnehme.“ Am Donnerstag derselben Woche erhielt ich dann einen telefonischen Hilferuf – das war diese Aufgabe für mich. Sie war mir sozusagen schon angekündigt worden. – Wenn sich so etwas ereignet, dann begegnen wir in einem solchen Wort dem Auferstandenen. Dann steht er uns gegenüber. Es wird Ostern – hier und heute.
Auch das andere Sakrament lässt uns dem Auferstandenen begegnen. Auch in Brot und Wein will er uns ganz persönlich ansprechen und tut es auch. Nicht immer trifft es einen mitten ins Herz, wenn wir das Abendmahl miteinander feiern. Aber immer wieder blitzt es auf – manchmal in besonderen Lebenslagen. Dann stehen wir mit den anderen vor dem Altar und erleben es, dass der Auferstandene mitten unter uns ist – vielleicht an einem großen Frieden, der sich in Unruhe und Sorgen ganz plötzlich in uns ausbreitet.
Christus hat aber noch ganz andere Wege, um uns bei unserem Namen zu rufen und uns so erkennen zu lassen, dass er der lebendige Herr ist. Manchmal begegnet er uns durch Ereignisse in unserem Leben. Die Erfahrung einer Bewahrung in Gefahr mag so etwas sein. Dass die Revolution von 1989 friedlich genannt werden kann und nicht so blutig geendet hat wie in China, ist in meinen Augen auch ein Zeichen für das Wirken des lebendigen Christus. Er hat die unablässigen Gebete für den Frieden erhört. Viele Christen haben in den Herbsttagen 1989 die Gegenwart des Auferstandenen gespürt.
„Maria“, sagt der Auferstandene. Wie sie spricht er auch uns an – und das Wunder von Ostern wird zu einer lebendigen Erfahrung.
Amen.

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