Predigt am Ostersonntag, 1. April 2018

Predigt am Ostersonntag, 1. April 2018

zu 1. Samuel 2, 1 - 2.6 - 8a; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich noch an das „Sommermärchen“, wie man es damals nannte, von 2006? Es war ja wirklich wie im Traum. Die Fußballnationalmannschaft der Männer war kurz zuvor noch an einem Tiefpunkt angelangt gewesen. Dann aber kam die Weltmeisterschaft von 2006 unter einem neuen Trainer, der mit seinem Assistenten vieles auf den Kopf stellte. Und plötzlich gab es so etwas wie eine Auferstehungserfahrung. Die Mannschaft steigerte sich von Spiel zu Spiel. Sie verlor lediglich das Halbfinale. Das gewonnene Spiel um Platz 3 wurde im Land bejubelt, als sei Deutschland zum vierten Mal Weltmeister geworden.
Aber es gab auch noch ein anderes Sommermärchen. Das spielte sich im Land ab. Die Deutschen identifizierten sich durch die unbekümmerte Offensive der Fußballspieler und die daraus resultierenden Erfolge auf eine fröhliche, weltoffene und ganz und gar nicht nationalistische Art mit ihrem Land. Schwarz-rot-goldene Fahnen wurden geschwenkt und als Wimpel an den Autos befestigt, aber zugleich zeigten sich die Deutschen als wunderbare Gastgeber, bejubelten auch die Tore anderer Mannschaften, feierten Arm in Arm mit internationalen Gästen. Mancher ausländischer Journalist erkannte Deutschland nicht wieder. Das Bild von den fleißigen, aber irgendwie verkrampften und überheblichen Deutschen bekam deutliche Risse. Das war das eigentliche Sommermärchen von 2006.
Ist es mit Ostern nicht in gewisser Weise ähnlich gewesen? Erst zwei Tage zuvor waren Jesu Freunde an einem Tiefpunkt angelangt. Der erst am Palmsonntag von den Massen bejubelte Christus fand den Tod eines Aufrührers. Einer seiner Freunde hatte ihn verraten; ein anderer verleugnet; die anderen waren einfach nur traurig und verzweifelt. Dann aber geschah das Wunder von Ostern in dem Felsengrab des Josef von Arimathia.
Was in der Osternacht geschehen ist, übersteigt unser menschliches Fassungsvermögen. Darum sind die Osterzeugnisse auch so unterschiedlich und zum Teil widersprüchlich. Aber das Grab wurde leer vorgefunden. Jesu Jünger machten die Erfahrung: Jesus hatte die Fesseln des Todes abgestreift; Gott hatte ihn verwandelt in eine neue Existenz. Sie sahen Jesus und er war auf eine neue Art lebendig. Wir nennen das die Auferstehung Jesu von den Toten. Aber weder unser Verstand, noch unser Fühlen können erfassen, was das eigentlich bedeutet. Denn die Auferstehung Jesu hat sich in einer anderen Welt abgespielt, in der Welt Gottes. In dieser Welt wurde nur ein leeres Grab entdeckt.
Aber es gab auch ein Osterwunder in dieser Welt. In Entsprechung zu dem Sommermärchen außerhalb der Stadien. Dieses Osterwunder haben die Jüngerinnen und Jünger Jesu erlebt. Sie waren das, was wir heute „traumatisiert“ nennen. Einen Menschen am Kreuz sterben zu sehen, dass muss schrecklich sein. Warum waren die Jünger nicht anwesend? Weil sie es wahrscheinlich seelisch und vielleicht auch körperlich nicht ausgehalten haben. Nur einige Frauen waren stark genug. Dennoch müssen auch sie unter Schock gestanden haben. Wir wissen, was Traumata in der Seele eines Menschen anrichten können. Sie alle hätten daran zugrunde gehen können.
Bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu aber war das genaue Gegenteil der Fall. Sie wurden von dem Erlebten nicht immer weiter hinuntergezogen, sondern das genaue Gegenteil trat ein. Sie wurden plötzlich von der Gewissheit erfasst, dass Jesus lebt. Erscheinungen des Auferstandenen, Begegnungen mit dem verlorenen geglaubten Freund vertrieben Trauer und Verzweiflung und gaben ihnen das Leben zurück. Die alte Hoffnung war wieder da, dass alles gut werden würde. Ihre Trauer hatte sich verwandelt in Freude. Sie überwanden ihre Angst. Sie gingen hinaus und erzählten, dass Gott den Tod Jesu in ein neues Leben verwandelt hatte.
Zweifellos ist die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu zu Ostern eine einzigartige und nicht wiederholbare. Sie durften zu Ostern schon einen Blick in Gottes ewige Welt werfen. Das können wir nicht. Aber wir müssen uns dieser Erfahrung ja irgendwie nähern. Wir wollen ja ihren Glauben an den Auferstandenen und ihre Hoffnung auf ein ewiges Leben teilen. Wir wollen ja auch auf den lebendigen Christus vertrauen. Es muss doch irgendwie eine Brücke geben von uns zu den Jüngern. Aber wie können wir die bauen?
Eine Brücke zu den Ostererlebnissen der Jünger sind die Auferstehungserfahrungen in diesem Leben. Sie sind nicht identisch mit dem, was die Jünger erlebten. Aber sie lassen uns ahnen, was damals geschehen ist. So wie jemand, der sich schon mal über den Sieg einer Mannschaft im Fußball gefreut hat, die Euphorie verstehen kann, die 2006 durchs Land zog.
Gott sei Dank aber gibt es solche Erfahrungen der schöpferischen Kraft Gottes in dieser Welt auch in unserer Welt. Eine solche Erfahrung durfte zu biblischen Zeiten Hanna machen. Sie war in ihrem Leben auch an einem Tiefpunkt angelangt. In ihrer Ehe hatte es sich herausgestellt, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Das war damals für eine Frau noch schlimmer als heute für eine Frau, wenn sich ein Kinderwunsch nicht erfüllt. Das Leben einer unfruchtbaren Frau war damals sinnlos. Zudem hatte sich ihr Mann eine Nebenfrau genommen, um doch noch Nachkommen zu haben. Die machte ihr das Leben endgültig zur Hölle.
Aber dann wendet Hanna sich an Gott. Sie vertraut ihm ihre Not an. Sie bittet ihn, ihr Schicksal zu wenden. Sie verspricht, dass das Leben des Kindes Gott gehören soll. Schließlich wird sie wie durch ein Wunder schwanger. Sie bekommt mit dem späteren Propheten Samuel ein Kind. Sie kann aus dem seelischen und auch sozialen Tod in das Leben zurückkehren.
Solche Auferstehungserfahrungen bauen uns eine Brücke zu dem Unfassbaren, das da zu Ostern geschehen ist. Es gibt sie auch heute. Manche von Ihnen werden im Sonntag den Artikel meines Kollegen Roland Herrig gelesen haben. Er ist an einer sehr schweren Form von Krebs erkrankt. Er schreibt von Auferstehungserfahrungen, die er selbst gemacht hat. Da sind die ganz Erfahrungen, dass das Leben ihm an jedem Tag neu geschenkt wird. Bei der Schwere seiner Erkrankung müsste er eigentlich bereits gestorben sein. Aber er lebt. Zugleich spürt er den lebendigen und Leben schaffenden Gott an seiner Seite. Er spürt die Kraft, die ihm zuwächst. Mitten in den Todeserfahrungen erlebt er Dinge, die auf für ihn Ostern hinweisen und von ihm von Ostern her verstanden werden.
Oft sind es solche Grenzerfahrungen, die uns verstehen lassen, dass Gott wirklich ein schöpferischer Gott ist – die Quelle allen Lebens. Schon in diesem Leben schenkt er uns Erfahrungen, die uns durchsichtig werden auf Ostern hin. Erfahrungen, die nicht zu vergleichen sind mit den Ostererscheinungen der Jünger. Denn da ging es um eine Überwindung des Todes. In dieser Welt kann es immer nur um die Überwindung von todähnlichen Zuständen gehen. Aber sie lassen uns ahnen, dass es auch für uns eine Hoffnung gibt – über dieses Leben hinaus. Wir werden leben – mit Christus. Wir werden ihn sehen – so wie ihn seine Freunde am Ostermorgen gesehen haben. Wir werden mit ihm das himmlische Freudenfest feiern, von dem er zu Lebzeiten erzählt hat.

Frei nach Alois Albrecht:
Mancher erlebt inmitten der Nacht
den Tag der Auferstehung;
Leben wird von neuem möglich
und der Herr ist da.
So feiern wir heute an diesem Tag
das Fest der Auferstehung;
loben, preisen Jesu Namen
und die Hoffnung trägt.

Amen.

 

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben