Predigt am Ostermontag, 17. April 2017

Predigt am Ostermontag, 17. April 2017

17.04.2017

zu Lukas 24, 36 - 45; gehalten in der Petrikirche von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

„I´m in love with your body“ heißt es in einem Lied, das die Sender zurzeit herauf- und herunterspielen. Übersetzt hieße das: „Ich bin in deinen Körper verliebt“. Da sieht man dann gleich ein Bild von sich von einem sonnengebräunten, im Fitnesstudio ge­formten, vielleicht noch von einem Schönheitschirurgen verbes­serten und natürlich jungen Körper. In einen solchen wunder­schönen Körper hat sich dann der Sänger verliebt. Allerdings mag man sich fragen: Fehlt da nicht noch etwas? Sollte der Partner oder die Partnerin nicht vielleicht auch einen Geist haben, eine Seele, einen Charakter? Kommt es nur auf den Körper an? Kann man den losgelöst sehen vom Rest des Menschen? – In unserer heutigen Zeit offenbar ja. Früher sorgten sich die Menschen um ihr Seelenheil, hat mal jemand gesagt. Heute sorgen sie sich um das Wohlergehen ihres Körpers. Der soll möglichst lange möglichst schön und gesund bleiben. Er soll einem eine möglichst lang anhaltende Jugend geben. Denn Alter und Tod sollen möglichst lange von einem fern bleiben. Auf den Körper kommt es an. Darum quälen sich viele Menschen mehrere Stunden in der Woche an den Geräten in einem Fitnessstudio.
Das war in früheren Zeiten tatsächlich anders. Da sorgte man sich um seine Seele und deren Wohlergehen. Die alte griechische Vorstellung von einer unsterblichen Seele war fest in den Köpfen der Menschen verankert. Der Auslöser der Reformation vor 500 Jahren war ja die Lehre der damaligen Kirche, dass man sich von zeitlichen Sündenstrafen einen Ablass erkaufen könne. Sobald das Geld im Kasten von Herrn Tetzel erklungen sei, so hieß es, würde die Seele aus dem Fegefeuer heraus springen können und bei Gott sein. Auch heute können sich viele Christen Auferstehung ja gar nicht anders vorstellen, als dass die Seele sich vom Leib löst und ohne ihn weiterleben kann.
Biblisch war und ist die Vorstellung einer Trennung von Leib und Seele nicht. Biblisch ist es nicht, den Körper als eine entbehrliche, sterbliche Hülle des Geistes anzusehen. Biblisch ist in gleicher Weise natürlich auch der heutige Körperkult nicht. Biblisch gesehen gehören Leib und Seele un­trennbar zusammen. Der Mensch ist eine unauflösliche Einheit von Leib, Geist und Seele. Wie könnte sich die Seele an der Schönheit eines Sonnenuntergangs erfreuen, wenn die Augen ihn nicht sehen würden? Wie sehr verkümmert die Seele eines Menschen, der niemanden hat, der ihn mal in den Arm nimmt! Oder man stelle sich nur einmal vor, man würde morgens im Körper eines viel jüngeren oder viel älteren Menschen des anderen Geschlechts aufwachen. Wäre man dann noch man selbst? Sicherlich nicht! Es ist nicht egal, mit welchem Leib unsere Seele und unser Geist eine Einheit bilden.
Die Ostergeschichte im Evangelium nach Lukas macht diese Ein­heit des Menschen in einer geradezu verstörenden Weise deutlich. Kurz zuvor hat sich Jesus zwei seiner Jünger auf dem Weg nach Emmaus gezeigt. Ein Mann ist mit ihnen gegangen, hat ihnen die Schrift ausgelegt. Aber sie erkennen ihn nicht. Sie spüren nur, wie es ihnen warm geworden ist ums Herz bei seinen Worten. Erkennen können sie ihn erst, als er mit ihnen das Brot bricht. So wie er es tut, hat Jesus es immer getan. Da erkennen sie, er ist Jesus und er lebt.
Nun steht Jesus wenig später plötzlich mitten unter den Jüngern. Anders als in der Geschichte von dem ungläubigen Thomas im Johannes­evangelium wird nicht ausdrücklich gesagt, dass Fenster und Türen verschlossen waren. Aber offenbar steht Jesus ziemlich unvermittelt unter ihnen. Von einem Anklopfen und einem Öffnen der Tür ist keine Rede. Die plötzliche Erscheinung des Aufer­standenen versetzt die Jünger auch in ein nicht geringes Er­schrecken. Sie danken, er wäre ein Geist, ein Gespenst. Da ver­weist Jesus auf seine Hände und Füße. An ihnen kann man die Wunden von den Nägeln am Kreuz noch sehen. Er ist kein Gespenst. Er ist der Gekreuzigte. Gott hat ihn in ein neues Leben hineingerufen. Das können sie sehen. Keiner allerdings berührt ihn. Offenbar ist seine Lebendigkeit eine ganz andere. Jesus ist nicht in derselben Weise lebendig, wie wir es sind. – Und dann kommt eine Szene, die übersteigt dann doch alles, was wir noch nachvollziehen können. Der Auferstandene lässt sich etwas zu essen geben: Fisch, neben Brot das Grundnahrungsmittel der einfachen Leute. Wie oft hat Jesus Brot und ein wenig Fisch dazu mit seinen Jüngern zu seinen irdischen Lebzeiten gegessen! Nun isst der auferstandene Jesus ebenfalls Fisch.
Was die Jünger zu Ostern in dieser Szene gesehen haben, ist für uns ganz schwer zu verstehen. Man kann so etwas auch nicht so ohne weiteres in Worte fassen. Was wir von Ostern erfahren, sind Bilder einer anderen Wirklichkeit. Für die haben wir eigentlich keine Worte. Aber was uns Lukas mit dieser Szene sagen will, ist ganz klar: Der Auferstandene ist kein anderer als der, mit dem die Jünger unterwegs waren. Mit ihm haben sie gegessen. Daran können sie erkennen, dass es Jesus ist, der vor ihnen steht: Als er Brot isst, erkennen ihn die Emmaus-Jünger; nun, wo er Fisch isst, erkennen auch die anderen Jünger den Auferstan­denen als ihren verloren geglaubten Herrn. Er ist kein Gespenst. Er ist auch keine Trauerphantasie. Er ist kein anderer als Jesus. Er ist der Gekreuzigte. An seinen Händen und Füßen können sie es sehen. Er lebt. Nicht nur seine Seele oder sein Geist sind lebendig. Nein, Gott hat Jesus lebendig gemacht mit Leib, Geist und Seele. Nur so kann er auch er selbst sein.
Der Apostel Paulus hat uns denselben Sachverhalt mit dem Bild vom Samenkorn deutlich zu machen versucht. Ein Samenkorn wird in die Erde gelegt und erstirbt. Aber dann erwächst aus der Erde mit dem grünen Halm etwas ganz Neues, das aber doch genetisch dasselbe ist, wie das Samenkorn. So hat Jesus nun einen himmlischen Leib, aber an ihm sind die Nägelmale der Kreuzigung sichtbar: Er ist derselbe, den die Jünger gekannt haben.
Früher haben sich die Menschen Gedanken gemacht wegen ihres Seelenheils; heute sorgen sie sich um ihren Körper und seine Gesundheit. Von Ostern her sind Beides Irrwege. Jesus ist mit Leib und Seele in ein neues Leben hineingerufen worden. So unglaublich und so schwer zu verstehen das für uns sein mag. Selbst der Apostel Paulus hat es erst nicht glauben können, bis ihn der Auferstandene selbst überzeugt hat. Paulus kann übrigens mehr als 500 Christen und Christinnen aufführen, die zusätzlich zu den Jüngern Zeugen der Auferstehung geworden sind. Auch sie sahen den Auferstandenen. Aber er war eben nicht eine unsterbliche Seele. Die hätten die Auferstehungszeugen schwer sehen können. Was sie an dem Auferstandenen sahen, war ein ganz anderes, neues und nicht wirklich in Worte zu fassendes Leben. Gottes Ewigkeit und unsere Welt haben sich in der Person des auferstandenen Jesus berührt. So konnten die Auferstehungszeugen einen Blick werfen in eine neue Welt. Dort war und ist Jesus lebendig. Dort werden auch wir leben, die wir mit Jesus verbunden sind durch Taufe und Glauben.
Aber dieses neue Leben wird eben kein bloßes Seelenleben sein. Man kann die Software eine Rechners ohne weiteres auf eine Festplatte überspielen, dann den alten Rechner verschrotten und die Daten und Programme auf einem neuen Rechner speichern bzw. instal­lieren. Das ginge mit uns Menschen nicht. Unsere Gedanken sind keine Daten, die man einfach von uns ablösen könnte. Wir sind nicht denkbar ohne eine Leiblichkeit. Wir Menschen lassen und nicht auseinandernehmen. Darum erzählt das Oster­evangelium uns von der Hoffnung auf ein neues ganzheitliches Leben. Gott wird an uns so handeln wie an Jesus. Er wird auch uns ein österliches Leben schenken. Wir werden wie Jesus auferweckt werden mit Leib, Geist und Seele. Das österliche Leben in Gottes ewiger Welt wird ganz anders sein als dieses Leben. Wir werden sein wie die Engel, hat Jesus einmal gesagt. Aber wir werden noch wir selbst sein. So wie Jesus unbezweifelbar noch er selbst war. An den Nägelwunden an Füßen und Händen konnten die Jünger es sehen.
I´m in love with your body? Nein, man sollte sich lieber in einen ganzen Menschen verlieben. Denn es gibt uns Menschen nur als Ganzes. Und darum hat Gott uns auch eine Hoffnung geschenkt für den ganzen Menschen. So unbegreiflich dieses neue Leben auch sein wird: Wir werden leben. Wie Jesus. Und nichts wird fehlen, was uns und unser Wesen in diesem Leben ausgemacht hat.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben