Predigt am Neujahrstag 2020

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Predigt am Neujahrstag 2020

01.01.2020

zu Johannes 14, 1 - 6; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
ich stehe am Start. Neujahr 2020 steht als großes Banner über dem Beginn dieses Weges. Es sind sehr viele Menschen um mich herum am Beginn dieses Weges. Aber einer fällt mir besonders ins Auge. Er scheint diesen Weg ziemlich unvorbereitet zu beginnen. Er hat keinen, der ihn auf den Weg bringt. Er hat keine Karte dabei, keine Verpflegung. Wie froh bin ich, dass es bei mir anders ist. Der Trainer sagt zu mir: „Geh los. Ich habe alles für Dich ausgeschildert. Folge einfach den Wegmarkierungen. Dann wird alles gut und Du kommst gut ans Ziel. Du schaffst das schon. Und wenn es mal schwierig wird, weißt Du ja, wie Du mich erreichen kannst.“ Dann schlägt er mir freundschaftlich auf die Schulter, lächelt mich aufmunternd an und geht.
Der mir eben aufgefallen ist, geht ebenfalls los. Er ist ungefähr so schnell wie ich. Aber er scheint nicht so recht zu wissen, wo es langgeht. Wir unterhalten uns. Er weiß nicht einmal genau, wie er dazu gekommen ist, hier mit unterwegs zu sein. Ich bin froh, dass mein Trainer mir das gesagt hat: Ich werde am Wegesrand Menschen begegnen, die für mich wichtig sein werden und für die ich wichtig sein werde.
Nach einigen Kilometern gabelt sich der Weg. Das Schild meines Trainers zeigt eindeutig, in welche Richtung ich gehen soll. Oh je, da wird der Weg plötzlich steil und steinig. Kein Wunder, dass mein bisheriger Mitwanderer den anderen Weg nimmt. Mein Schild kann er offenbar nicht sehen. Ich bin eine ganze Weile unterwegs. Hinter der nächsten Wegbiegung hat ein Mann einen Schwächeanfall erlitten. Er sitzt auf einem Stein und kann nicht mehr. Ich gebe ihm etwas zu trinken, helfe ihm auf und stütze ihn, bis wir die nächste Station erreichen. Dort sind auch Sanitäter, die sich um ihn kümmern. Dankbar schaut er mich an und wünscht mir einen guten weiteren Weg. Seine Frau, die schon auf ihn gewartet hat, fällt mir sogar um den Hals. Mir wird ganz warm ums Herz. Hier treffe ich auch den Kollegen von eben wieder. Ich frage ihn, wie sein Weg war. „Ach ja“, sagt er, „es gab eine schöne Aussicht, aber dann fing es an zu nieseln und ein wenig nebelig zu werden. Das macht dann keinen Spaß.“ Mir ist der Nieselregen gar nicht aufgefallen. Ich war viel zu beschäftigt mit dem erschöpften Mann.
Wir gehen weiter. Tatsächlich zieht es sich wieder zu. Der Nebel wird hier oben in der Höhe immer dichter. Man kann kaum noch den Weg erkennen, zumal sich das Gelände und der Weg kaum unterscheiden. Hier wie da Geröll und Steine und ab und zu mal ein Büschel Gras. Aber ich kann den Weg gut erkennen. Am Wegesrand blinken überall kleine Lichter. Mein Trainer hat wieder ganze Arbeit geleistet. So kann ich mich gut orientieren. Mein Wanderfreund irrt umher. „Wie können Sie sich so gut zurechtfinden?“ fragt er mich. „Ich bin Mitglied in einem Wanderverein. Wir haben einen wunderbaren Trainer. Erst hat er uns alles haarklein beschrieben: Was das für ein Weg ist, warum wir ihn gehen, wo das Ziel liegt. Dann hat er den Weg wunderbar für uns ausgeschildert. Sehen Sie die kleinen Blinklichter nicht?“ frage ich ihn. „Blinklichter??“ fragt er zurück. „Was ist denn in ihrer Flasche außer Tee noch drin?“ Schade, dass er sie offenbar übersieht. Mir leuchten sie hell genug, dass sie den Nebel durchdringen und ich weiß, wohin ich gehen muss.
Eine Weile gehen wir zusammen. Es wird ganz schön steil hier. In der Höhe merke ich, wir mir langsam die Puste ausgeht. Meinem Wanderfreund geht es auch nicht viel besser. Jeder Schritt fällt mir schwer. Ich bleibe einen Moment stehen. Ich suche nach meinem Handy, schalte es an und rufe den Trainer an. „Es geht irgendwie nicht mehr weiter. Was soll ich machen?“ frage ich ihn. „In der Seitentasche ist ein Schokoriegel, den ich dir eingepackt habe“, sagt er. „Iss den, dann geht es wieder weiter. Außerdem hast Du den steilen Anstieg bald hinter Dir. Weit ist es nicht mehr!“ Ich frage mich, woher er das weiß. Kann er mich orten, auch wenn mein Handy abgeschaltet ist? Aber die Aussicht auf den Riegel und das baldige Ende dieses steilen Anstiegs macht mir Mut. Ich krame nach dem Riegel, wickele die Folie ab und frage meinen Wanderkameraden, ob er auch etwas davon will. Aber der bleibt skeptisch und lehnt dankend ab. Wenn mein Tee schon merkwürdige Stoffe enthalte, wolle er lieber bis zur nächsten Verpflegungsstation warten. Nun gut. Mir geht es jedenfalls wieder besser.
Kaum sind wir ein paar Schritte weiter, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. „Suche Dir einen geschützten Platz!“ sagt mir eine innere Stimme. Ich schaue mich um. Unter einem Felsüberhang steht eine Frau und winkt uns heran. Plötzlich donnert etwas. Kein Gewitter. Es hört sich wie eine Gerölllawine an. Ich packe meinen Mitwanderer an der Hand und zerre ihn mit mir unter den Überhang. Er weiß gar nicht, was er davon halten soll. Aber im nächsten Moment kann er es sehen. Wo wir eben gestanden haben, hätte uns die Gerölllawine voll erwischt. Uns zittern die Knie und ich denke: Trainer, wie hast Du denn das schon wieder gemacht? „Junge, Junge“, stammelt mein Wanderfreund. „Das nenne ich eine schnelle Reaktion.“ Er sieht nicht, dass es viel mehr war, aber er würde es mir auch nicht glauben. Ich bedanke mich bei der Frau. Ohne sie wäre es böse ausgegangen.
Dann sind wir über den Berg. Es geht abwärts – allerdings auch abwärts mit meinen Kräften; die Schuhe drücken, der Rucksack wird immer schwerer, obwohl ich eigentlich einiges davon geleert habe. „Hat dieser Weg eigentlich auch ein Ziel?“ fragt mich mein Wanderkollege. „Na ja, sage ich. Die Etappe ist dann zu Ende, wenn Sie das Startbanner für 2021 sehen. Der Weg insgesamt endet einfach“ antworte ich ihm. „Da ist eine Felskante und dann kommt nichts mehr. Aber mein Trainer wartet dort auf die anderen und mich. Wir werden ein großes Fest mit ihm feiern. Und wie ich ihn kenne, wird das ein ganz besonderes Fest sein. „Mensch, dann gehen sie ja mit einer ganz anderen Motivation auf diesem Weg!“ sagt der Nachbar und schaut mich anerkennend an.
Liebe Gemeinde, auf unserer Wanderung durch die Zeit geht es uns so wie dem Ich-Erzähler auf dem Gebirgsweg. Auch wir haben diesen wunderbaren Trainer. Es ist Jesus Christus. In der Taufe gibt er uns sein ermutigendes Wort mit auf den Weg durch das Leben. Er führt uns auf den richtigen Weg. Er sorgt dafür, dass wir immer die nötige Orientierung haben. Er lässt uns Menschen begegnen, die für uns ein Segen sind oder wir für sie. Er schenkt uns Kraft, wo uns die Kräfte auszugehen drohen. Er hält immer wieder seine schützende Hand über uns. Und für uns endet der Weg durch die Zeit nicht im Nichts, sondern in dem Fest mit ihm, von dem unser Abendmahl ein Vorgeschmack ist. So können wir voller Vertrauen in das neue Jahr gehen. Denn er ist der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Amen.

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