Predigt am Neujahrstag 2019

Predigt am Neujahrstag 2019

01.01.2019

zu Josua 1, 1 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
da stehen sie nun am Übergang zu dem Land, das sie besiedeln wollen und offenbar hat sie eine große Unruhe ergriffen. Was wird sie in dem unbekannten Land erwarten? Wird man ihnen das Land friedlich überlassen oder wird es kriegerische Auseinandersetzungen geben? Was wird ihnen die Zukunft bringen? Auch ihren neuen Anführer, Josua, scheinen solche Gedanken zu bewegen. Wir treffen ihn am Ufer des Jordans – im stillen Zwiegespräch mit seinem Herrn.
Wir haben den Jordan bereits heute Nacht überschritten. Wir sind über die Grenze vom alten zum neuen Jahr gegangen. Aber während wir gestern Abend doch eher Anlass zur Rückschau hatten, blicken wir heute Morgen nach vorn in die Zukunft. Was wird uns dieses unbekannte Land des Jahres 2019 bringen? Die Aussichten sind ja leider nicht überaus rosig. Mancher erwartet, dass es Turbulenzen an den Börsen geben wird. Der Mann, den die US-Amerikaner zum Präsidenten gewählt haben, ist immer für unangenehme Überraschungen gut. Auch sonst gibt es viele Fragen an die Zukunft. Welche Auswirkungen wird der Klimawandel 2019 auf unser Wetter haben? Geht das Artensterben unvermindert weiter? Wie ist es mit dem Frieden? Werden Russland und China unverhohlen ihre Einflussgebiete ausdehnen, während die USA sich hinter Mauern verbarrikadieren? Wird die Macht der großen Konzerne weiter wachsen? Wird es auch bei uns eine Bewegung geben, die ihrer Unzufriedenheit gewalttätig Luft verschafft wie in Frankreich? Werden die Landtagswahlen eine stabile Regierung ergeben?
Wir wissen es nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass wir unseren Weg in die Zukunft nicht allein gehen werden. „Sei getrost und unverzagt“, sagt Gott mehrfach zu dem Josua. Sowohl am Anfang als auch am Ende der kleinen Ansprache Gottes an Josua verspricht er ihm, bei ihm zu sein und nicht von ihm zu weichen. Gerade in unsicheren Zeiten ist dies die einzig wahre Haltung, die wir als Christen einnehmen können: mit Zuversicht den Weg zu gehen und im Vertrauen darauf, dass unser Leben in Gottes Hand liegt. Dort ist es gut aufgehoben, komme, was wolle.
Nun ist der Glaube ja kein Regenschirm, der alles Schwierige und Dunkle von einem fernhält. Wer das behauptet, täuscht sich und andere. Dass auch ein Christ Schicksalsschläge erleiden kann, selbst während eines Gottesdienstes, haben ja manche von uns am Nachmittag des Heiligen Abend im Dom selbst erleben müssen. Nein, die Wege, die Gott uns führt, sind nicht immer Wege durch grüne Auen. Wer das behauptet leugnet letztlich auch das Kreuz Jesu Christi. Denn wenn wir Nachfolger des Gekreuzigten sind, kann ja unser Weg in der Nachfolge des Herrn nicht immer nur im Osterlicht verlaufen. Es wird dann auch durch die Finsternisse hindurchgehen müssen.
Aber gerade dann ist Gott uns in der Gestalt des Gekreuzigten in besonderer Weise nahe. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ betet der Psalmist im 23. Psalm. An der Weise, wie Menschen uns zur Seite stehen, spüren wir die Nähe Gottes in solchen Situationen. An der Weise, wie uns Kraft zuwächst, erfahren wir seinen Beistand. An der Weise, wie am Ende des dunklen Tals wieder ein Licht sichtbar wird, merken wir, dass Gott von uns nicht gewichen ist. So können wir getrost und unverzagt auch durch schwierige Zeiten hindurchgehen.
Die Erfahrung zeigt im Übrigen, dass unser Glaube uns auch anders die schweren Wegstrecken oder auch Umbrüche bewältigen lässt. Es waren vielfach nicht die Christen, die nach der Wende die größten Probleme hatten, sich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen und mit ihnen fertig zu werden. Wir haben als Christen mit dem Glauben eine innere Kraftquelle, die es leichter gemacht hat, die neuen Herausforderungen anzunehmen. Viele hatten mehr Mut als andere, sich selbständig zu machen, wenn der Arbeitsplatz verloren gegangen war. Viele waren es auch aus dem Leben in ihren Kirchgemeinden gewohnt, selbst zu denken und frei zu reden. Das ist ihnen zugute gekommen unter den neuen Bedingungen. Landauf landab konnte man beobachten, dass zumindest die engagierten Gemeindeglieder nur zum geringsten Teil zu den Wendeverlierern gehört haben. Getrost und unverzagt haben sie die neuen Herausforderungen bewältigt.
Hinzu kommt ein Zweites, das uns heute am Beginn des neuen Jahres mit den Worten an Josua gesagt ist: „Halte das Gesetz und tue in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht.“ Josua soll nicht nur innerlich stark sein. Er soll auch das Gesetz Gottes mit dem Doppelgebot der Liebe an der Spitze nicht aus den Augen verlieren. Er soll nicht nur sein Volk äußerlich leiten, sondern sich von Gott leiten lassen und so dem Volk auch eine geistliche Leitung geben.
Das ist das Zweite, das wir mitnehmen in das neue und unbekannte Jahr 2019. Wir haben mit den Geboten Gottes eine Richtschnur für unser Leben, die gerade auf schwankendem Boden ein Geländer ist, an dem wir uns festhalten können. Als Christen haben wir eine innere Orientierung, die uns in unsicheren Zeiten Kurs halten lässt.
Unsere Gesellschaft driftet ja immer mehr auseinander. Die Benachteiligten haben immer weniger Chancen, an dem teilzuhaben, was die Gesellschaft anderen bietet. Die Wut richtet sich dann gegen die Medien, gegen den Staat, gegen Flüchtlinge teils auch mit Gewalt. Die Wohlhabenden dagegen werden immer raffinierter, immer noch mehr Profit aus ihren Geschäften herauszuholen. Ohne Skrupel werden die Grenzen des Erlaubten ausgetestet und oftmals auch überschritten. Der Dieselskandal ist nur ein Beispiel von vielen. Immer mehr hat man den Eindruck, dass Werte verloren gehen und nur noch die eigenen Interessen eine Rolle spielen. Da ist die Versuchung groß, in diesen Fluss hineinzuspringen und mitzuschwimmen.
Als Christen tun wir dies nicht. Aus mehreren Gründen. Wir wissen uns dem Gott des Friedens und der Gerechtigkeit gegenüber in der Verantwortung. Wir können unser Vertrauen nicht auf ihn setzen und zugleich seinen guten Willen für unser Leben und unser Zusammenleben missachten. Wir wissen auch, dass es dem guten Zusammenleben dient, wenn wir uns an Gottes Willen für unser Leben orientieren. Wir sehen uns auch unseren Mitmenschen gegenüber in der Verantwortung. Die falschen Regeln, die unser jetziges Wirtschaftssystem uns aufzwingen will, können wir darum nicht akzeptieren. Das Recht des Stärkeren können wir nicht anerkennen. Falsch ist es, wenn nur Einzelinteressen zum Zuge kommen. Gut ist dagegen alles, was dem Mitmenschen und der Allgemeinheit dient.
Ein Beispiel: Der Journalist Ullrich Wickert hat einmal den Zustand unserer Gesellschaft unter dem Titel „Der Ehrliche ist der Dumme“ beschrieben. Er hat damit sicherlich nicht Unrecht gehabt. Gegenüber dem Steuertrickser ist der, der alles ordnungsgemäß angibt und versteuert sicherlich der Dumme, einfach weil er mehr zahlt. Aber letztlich ist er der Kluge. Denn er weiß, dass ein Staat nur funktionieren kann, wenn es eine öffentliche Infrastruktur gibt und wenn der Staat seine Aufgaben auch erfüllen kann. Nur wenn das Gemeinwesen funktioniert, kann es auch dem Einzelnen gut gehen. Insofern ist Gottes Willen mit uns Menschen zu befolgen, nicht nur ein Ausdruck der Treue ihm gegenüber, sondern zugleich auch das Vernünftigste.
So geben uns die Worte an Josua das Rüstzeug für das neue Jahr. Was es an Gewohntem oder auch an Umbrüchen bringen wird, wissen wir nicht. Aber wir wissen den Herrn der Zeiten an unserer Seite. Er wird uns nicht nur führen und leiten auf unserem Weg durch das Jahr 2019, sondern er wird auch unser Leben auf seinen guten Willen hin orientieren und uns so einen guten Weg finden lassen.
Wie Jochen Klepper fünf Jahre nach Beginn der unseligen Naziherrschaft gedichtet hat: „Der du allein der Ewge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt / im Fluge unserer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt / und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.“
Amen.

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