Predigt am Neujahrstag 2018

Predigt am Neujahrstag 2018

01.01.2018

zu Josua 1 , 1 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
anders als Josua und sein Volk sind wir heute Morgen schon auf der anderen Seite des Flusses. Wir haben die Silvesternacht hinter uns; der Jordan ist sozusagen überschritten. Vor uns liegt – um im Bilde zu bleiben – das unbekannte Land des neuen Jahres. Wir kennen dieses Jahr noch nicht. Sicherlich steht schon manches im Terminkalender, was wir vorhaben. Aber wir haben es ja eben in der Epistel gehört: All unserem Planen ist eine Grenze gesetzt. „So Gott will und wir leben, werden wir dies und das tun“. So gesehen, können wir eigentlich nur sehr begrenzt ahnen, was auf uns zukommt. Ähnlich wie die Israeliten nicht wussten, was in dem gelobten Land, das Gott ihnen zugesagt hatte, auf sie zukommen würde.
Nun gibt es ja Menschen, die sehen voller Spannung und Erwartung dem Neuen entgegen. Sie lassen nur zu gern das Alte hinter sich und brechen zu Neuem auf. Sie freuen sich auf die guten Begegnungen des neuen Jahres, die Möglichkeiten neue Erfahrungen zu sammeln, gute Tage zu erleben. – Andere wiederum spüren gerade an einem Jahresanfang, wie begrenzt unsere Einflussmöglichkeiten sind auf das, was die Zukunft uns bringen wird. Wie brüchig das Eis sein kann, auf dem wir uns auf unserem Weg durch das Leben bewegen. Sie ahnen, dass das neue Jahr vielleicht auch manche schmerzhafte Erfahrung mit sich bringen kann.
Gleichgültig, auf welche Weise wir nun die ersten Schritte in das neue Jahr gehen, eines dürfen wir dabei aber wissen: Diese neue Zeit steht wie alle Zeit in Gottes Händen. Wir gehen in ein unbekanntes Land. Aber dieses unbekannte Land gehört Gott. Zu Josua sagt Gott: „Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich Euch gegeben“. Das gelobte Land liegt noch vor dem Volk. Es ist noch zu besiedeln. Aber Gott hat es seinem Volk schon anvertraut. Ähnlich ist es auch mit dem neuen Jahr. Was dort künftig geschehen wird, ist für Gott schon Gegenwart. Was im Jahr 2018 für uns noch im Dunkeln liegt, ist für Gott schon offenbar. Worauf wir keinen Einfluss haben, das liegt in Gottes Hand. Egal, was es sein wird: Wir gehen in eine Zukunft, die uns unbekannt ist, die wir aber aus der Hand unseres Gottes voller Vertrauen entgegennehmen dürfen. Denn auch uns gilt die Zusage an Josua und das ganze Volk Israel: „Ich will Dich nicht verlassen noch von Dir weichen.“
Liebe Gemeinde, wenn wir aus diesem Vertrauen heraus in das neue Jahr gehen, dann hat das große Auswirkungen auf den Verlauf des Jahres. Wer mit Vertrauen und Zuversicht eine Aufgabe erfüllt, sich einer Herausforderung stellt, vielleicht sogar eine schwere Wegstrecke im Leben bewältigt, tut dies in einer anderen Weise als jemand, dem diese Zuversicht fehlt. Er verändert die Wirklichkeit um sich herum. Er gibt der Zeit ein anderes Gesicht.
Als vor etlichen Jahren beispielsweise über eine Sanierung des Kreuzgangs nachgedacht wurde, da mag das manchem wie eine Utopie erschienen sein. Aber nun werden wir vermutlich im kommenden Jahr die Vollendung dieses Projekts erleben. Das war nur möglich, weil Menschen die Zuversicht hatten, dass es gelingen würde. Ihre Zuversicht hat die Zukunft gestaltet. Diese Zuversicht speiste sich natürlich auch aus den Fakten wie z. B. den Fördermöglichkeiten, aber diese Zuversicht hatte ihre Wurzeln nicht zuletzt auch in dem Vertrauen, dass auch so ein Projekt in Gottes Hand liegt, wenn wir es ihm denn im Gebet anvertrauen. Das hat die Sanierung des Kreuzgangs möglich werden lassen.
Aber auch schwere Wegstrecken eines Lebens kann man aus diesem Vertrauen heraus in einer ganz anderen Weise bewältigen. Ich kann mich ganz meinem Elend hingeben, klagen und jammern. Dann aber kann ich unter dem Lasten nur zusammenbrechen, die mir im Leben manchmal auferlegt werden. Ich kann meine Zeit aber auch vertrauensvoll in Gottes Hand legen. Aus diesem Vertrauen auf Gott heraus gelingt es oft, auch im Schweren die Zuversicht zu bewahren, die Kraft zu spüren, die Gott einem schenkt, daran festzuhalten, dass er mit seinem Stecken und Stab in tröstlicher Weise bei einem ist in den finsteren Tälern des Lebens. Ich habe das nicht selten bei Menschen erlebt, die tief im Glauben verwurzelt sind. Gerade auf den schweren Wegstrecken haben sie die Nähe unseres Herrn erfahren. Das sind Begegnungen, die einen als Pfarrer manchmal mindestens ebenso trösten, wie man selbst es durch einen Besuch versucht hat. Das Vertrauen auf Gott macht mitten im Dunkeln ein Licht erkennbar. Auch so bekommt die Zeit ein anderes Aussehen.
Neben der Zusage der Begleitung und Führung gibt Gott dem Josua aber auch noch ein Zweites mit auf den Weg in das Gelobte Land. Josua soll Gottes Wort immer wieder und fortwährend betrachten und danach leben. Eigentlich ungewöhnlich, einem Anführer und Heerführer aufzugeben, dass er sich grundsätzlich meditierend mit der Heiligen Schrift beschäftigt und nach ihren Geboten zu leben versucht. Aber genau darin wird Josua seine Führungsstärke ziehen können.
Für uns, liebe Gemeinde, bedeutet das zunächst einmal, dass wir gut daran tun, das neue Jahr heute Morgen mit diesem Gottesdienst zu beginnen. Man kann sich seines Glaubens an den Herrn der Zeit nicht besser vergewissern. Es gibt keine bessere Weise, sich in seinem Vertrauen auf Jesus Christus immer tiefer zu verwurzeln als im Gebet, im Nachsinnen über das, was in der Schrift steht, und im Hören auf das Wort Gottes. Vor allem aber kann man die Herausforderungen eines neuen Jahres nicht besser bewältigen als mit dem Versuch, sich dabei immer wieder an Gottes Gebot zu orientieren und seinen Willen zu leben.
Liebe Gemeinde, wenn wir unser an Gottes Wort ausrichten und so in das neue Jahr gehen, dann hat auch das große Auswirkungen auf den Verlauf des Jahres. Denn ein Einzelner oder eine Einzelne kann die Welt und den Verlauf der Zeit verändern. Vielleicht nur im Kleinen, aber da in jedem Fall. Wenn eine Lehrerin beispielsweise zu DDR-Zeiten den Ärger des Schuldirektors über eine aus Glaubensgründen verweigerte Jugendweihe nicht an ihre Schülerin weitergegeben hat, dann hat sie damit die Welt ein klein wenig menschlicher gemacht und der Zeit ein neues Gesicht gegeben. Wenn zwei, die sich gestritten haben, aufeinander zugehen mit dem Willen zur Versöhnung und so ihren Konflikt bereinigen, verwandelt sich die Zeit. Ein Neuanfang wird möglich; eine Weiche auf dem Weg durch die Zeit ist neu gestellt worden. In unserer schönen deutschen Sprache gibt es ja die schöne Redewendung: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Nicht immer stimmt das. Das wissen wir alle. Manchmal gibt man sich im Sinne christlicher Nächstenliebe viel Mühe mit einem Menschen und es hat überhaupt keine guten Auswirkungen. Manchmal ist, wie ein bekannter Fernsehmoderator einmal geschrieben hat, der Ehrliche der Dumme. Aber auch der Dumme zu sein, gibt der Zeit ein neues Gesicht. Einem anderen im Geiste Jesu zu begegnen, lässt die Welt nicht so bleiben, wie sie noch einen Moment vorher war. Es ist ein Unterschied, ob wir uns von Gottes Willen leiten lassen oder nicht. Es verwandelt das Leben und die Zeit. Manchmal spürt man es erst im Nachhinein; manchmal in dieser Welt vielleicht gar nicht. Aber es hat seine guten Folgen, wenn wir Gottes Willen leben. Es gestaltet die Zeit, durch die wir gehen, zum Guten. Mancher von Ihnen erinnert sich vielleicht noch an Hani Wassouf, den wir als Domgemeinde 2015 vorübergehend im Gästezimmer der Domgemeinde im Pfarrhaus aufgenommen hatten, weil er als Christ im Flüchtlingsheim von zwei muslimischen Mitbewohnern gemobbt worden war. Von ihm bekam ich jetzt eine SMS zu Weihnachten mit Segenswünschen zum Fest. Offenbar denkt er nach wie vor mit Dankbarkeit an die Zeit, in der er Gast der Domgemeinde war. Was für uns als Gemeinde keine große Mühe und ein selbstverständlicher Akt der Nächstenliebe war, hat für ihn den Verlauf der Zeit verändert.
Wir stehen heute Morgen wie die Israeliten unter Josua am Ufer. Vor uns liegt das unbekannte Land eines neuen Jahres. Was es uns bringen wird, wissen wir nicht. Sicherlich viel Gutes; vermutlich auch einiges, von dem wir froh sein können, dass wir davon nichts wissen. Aber was wir wissen ist: Wir haben allen Grund, getrost und unverzagt in das neue Jahr zu gehen. Denn das neue Jahr liegt in Gottes Hand. Er hat sie uns gegeben. Im Vertrauen auf ihn und in der Orientierung an seinem Willen wird es eine gesegnete Zeit sein.
Amen.

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