Predigt am Karfreitag zur Sterbestunde, 19. April 2019

Predigt am Karfreitag zur Sterbestunde, 19. April 2019

19.04.2019

zu Psalm 22; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Hast Du mich nicht fortgehen lassen aus meinem Elternhaus? Habe ich nicht auf deinen Ruf hin meine Zimmermannswerkstatt in Nazareth zurückgelassen und bin losgezogen? Habe ich nicht um Deinetwillen meine Mutter verlassen, auf eine Ehe verzichtet, alles aufgegeben?
Mein Gott, warum? Warum ist Deine Herrschaft nun doch nicht angebrochen. Wolltest Du nicht diese Welt verwandeln? Sollten nicht meine Worte und meine Heilungen Zeichen eines Beginns von etwas Wunderbarem sein? Wo bist Du? Warum hat es jetzt so geendet? War das der Weg, den Du mich gehen lassen wolltest?
Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Als ich die Jünger zusammenrief, als mir die Menschen an den Lippen hingen, als sie ihre Kranken zu mir brachten, da wusste ich mich getragen von Deinem Geist. Oft genug konnte ich nicht unterscheiden, wo ich noch ich selbst war und wo Du es warst, der mein Leben ausgemacht hat. Wohl kein Mensch vor mir war in einer so innigen Bindung an Dich. Und nun? Wo bist Du? Warum muss ich diese Schmerzen ertragen? Warum? Warum haben sie mir die Nägel durch die Arme und Beine geschlagen? Bei jedem Schlag dachte ich, es gehe zu Ende. Dieser Schmerz! Aber das Ende ist noch nicht da. Wie lange noch muss ich das ertragen?
Mein Gott, warum? Warum? Muss ich deine Liebe zu den Menschen auf diese Weise zeigen? Hätte es keinen anderen Weg gegeben? Müssen sie auf diese Weise sehen, wohin ihr Machthunger, ihre Dummheit, ihre Selbstbezogenheit führt? Sollen sie so sehen, dass sie mit mir zugleich auch Dich ans Kreuz genagelt haben?
Ach Gott, warum? Hilf mir! Hilf mir doch! Ich ertrage es nicht mehr. Die Qualen sind einfach zu groß. Mein Gott, nimm mich bald zu Dir. Nimm mich auf in dein Reich! Lass mich spüren, dass Du mich nicht im Stich gelassen hast. Lass mich deine Hilfe merken. Komm und nimm meine Seele und erlöse mich…

Wie lange noch dauert diese Nacht? Sind es schon die ersten Strahlen der Morgendämmerung? Dann wird bald die Nachtschwester hereinkommen. Gut, dass es bald vorbei ist. Viele von diesen Nächten ertrage ich nicht mehr. Herr, wo warst Du, als ich Dich brauchte? Mein Leben lang habe ich mich treu zu Dir und Deiner Kirche gehalten. Immer meinte ich Deine segnende Hand über meinem Leben zu spüren. Mein Leben lang habe ich versucht, nach meinen Möglichkeiten meinen Glauben zu leben. Aber nun liege ich hier in diesem Krankenbett. Überall piept es und mein Körper ist an eine Unzahl von Maschinen angeschlossen. Sie sind nicht ganz ehrlich zu mir, aber ich spüre es ja selbst, es wird bald zuende gehen mit mir. Warum, Herr? Warum hast Du diese Krankheit in mir groß werden lassen. Warum hast du es nicht verhindert? Ist es dein Wille mit meinem Leben, dass ich so etwas durchleben und durchleiden muss? Aber was ist mit denen, die mich noch brauchen? Die Kinder haben sich immer auf mich verlassen. Mein Mann wird sich nur schwer ohne mich zurechtfinden. Welchen Sinn hat es, dass ich hier liege und sterben werde? Mein Gott, wo bist Du? Hast Du mich verlassen?
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen“: Kenne ich diese Worte nicht? Doch, Jesus hat auch so gebetet: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus! Ja, am Kreuz da ist es ihm noch schlechter gegangen als mir jetzt. Ihm haben sie keine Schmerzinfusion gegeben. Er musste die Qualen aushalten, bis es nicht mehr ging. Seine Verzweiflung muss zudem noch größer gewesen sein. Ich wusste ja immer, dass es eines Tages mit einem Menschen wie mir zuende gehen muss, aber Jesus hatte vielleicht gedacht, ihm bliebe das erspart – so innig, wie er mit Dir, Gott, verbunden war.
Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Mein Gott, ist Jesus darum für mich gestorben? Damit uns diese Worte verbinden? Damit ich ihn in dieser furchtbaren Zeit an meiner Seite, mit mir auf diesem Leidenssweg wissen darf? Bist Du denn jetzt da, Jesus? Teilst Du meine Ohnmacht und meine Angst? Teilst Du die Verzweiflung, die mich überkommt, wenn ich an meine Lieben denke? Tröstest Du mich in diesem finsteren Tal? Bist Du bei mir? Wirst Du mich denn festhalten, wenn es so weit ist? Wirst Du da sein, wenn die Finsternis nach mir greift. Hältst Du meine Hand?
Jesus, sei mir nahe. Bleibe bei mir. Hilf mir, diesen Weg zu gehen. Hilf mir loszulassen und getrost aus Gottes Hand entgegenzunehmen, was mir bestimmt ist.
Mein Gott, mein Gott. Du hast mich nicht verlassen! Der Gekreuzigte ist mit mir. In seine Hände kann ich meinen Geist befehlen.
Amen.

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