Predigt am Karfreitag, 30. März 2018

Predigt am Karfreitag, 30. März 2018

30.03.2018

zu Hebräer 9, 15.26b - 28; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ein Mann steht vor einer Entscheidung. Soll er gehen oder nicht? Er weiß es ganz genau: Wenn er es tut, riskiert er sein Leben. Die Chancen stehen nicht gut, dass er aus der Sache lebend wieder herauskommen wird. Aber MUSS er nicht gehen? Muss er nicht um das Leben der anderen willen, sein eigenes Leben hinzugeben bereit sein? Wäre sonst nicht alles, wofür sein Leben bisher stand, umsonst? So geht er seinen Weg und stirbt. Er wird auf qualvolle Weise ermordet.
An wen haben sie jetzt gerade gedacht? An den Polizisten, der sich in Trèbe bei Carcassone in Frankreich einem islamistischen Terroristen als Austausch für eine Geisel angeboten hat und an ihrer Stelle in den Supermarkt gegangen ist? Oder an Jesus, als er sich auf den Weg nach Jerusalem machte? Die Parallelen zwischen Arnaud Beltrame und Jesus sind unübersehbar. Beltrame hat gewusst, dass bei einem Terroristen das Leben eines Nichtmuslims nichts zählt; dass der keine Rücksicht nehmen würde; dass sein Leben auf das äußerste gefährdet war. Ebenso hat Jesus es geahnt, was auf ihn zukommen würde. Er hat es nicht nur geahnt. Er hat es geradezu provoziert. Sein Einzug in Jerusalem musste die Mächtigen, sprich: die römische Besatzungsmacht, auf ihn aufmerksam machen. Er wollte damit zeigen, dass die Weissagungen der Propheten sich in seiner Person erfüllten. Aber sich als Messias bejubeln zu lassen, war gefährlich. Die Römer würden Jesus als einen möglichen Anführer eines Aufstands gegen sich ansehen. Zudem ließ Jesus eine zweite Zeichenhandlung folgen. Er ging in den Tempel und stürzte die Tische einiger Geldwechsler für die Tempelsteuer und einiger Opfertierhändler um. Der Tempel sollte ein Ort des Gebets, nicht des Opferns unschuldiger Tiere sein. Aber das musste es nach sich ziehen, dass die Priesterschaft in ihm einen gefährlichen Feind sah. Es kam, wie es kommen musste. Die Mächtigen beschlossen, ihn aus dem Weg zu räumen.
Und doch gingen beide – der Polizist und der Zimmermann aus Nazareth ihren Weg. Beltrame hat – wenn man den Berichten Glauben schenken mag – sein Leben der Sicherheit seines Landes und der Bürger Frankreichs gewidmet. Alles andere als sich als Geisel zum Austausch für eine andere Geisel anzubieten, wäre für ihn ein Verrat an der Sache gewesen, für die er bis zu seinem letzten Atemzug stand. – Jesus hatte sein Leben der Verkündigung der Herrschaft der Liebe Gottes gewidmet. Darum hatte er ja in Gleichnissen wie dem vom verlorenen Sohn von dieser Liebe gepredigt. Darum hatte er zeichenhaft Menschen von der Bedrückung durch Krankheiten in der Vollmacht Gottes befreit. Das konnte er nicht verraten. Er musste den Weg weitergehen, den Gott ihm vorgezeichnet hatte. Er konnte nicht anders, als sich für die Botschaft der Liebe zu opfern. So flüchtete er auch nicht, als es immer klarer wurde, was geschehen würde. In aller Konsequenz ging auch er seinen Weg bis in den Tod.
Auf diese Weise ist Christus der Mittler des neuen Bundes geworden, schreibt der Apostel an die Hebräer.
Jesus war der Mittler. Ein Mittler ist ja einer, der zwei unterschiedliche, oft gegensätzliche Parteien zusammenbringt. Ehepaare nehmen einen Mediator in Anspruch, wenn sie ihre Krise nicht mehr allein bewältigen können. Verfeindete Staaten brauchen einen Vermittler, wenn es um einen Friedensvertrag geht. Jesus hat mit seiner Selbstopferung am Kreuz das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen wieder ins Lot gebracht. Er hat eine neue Beziehung zwischen Gott und Mensch entstehen lassen. Schon die Propheten hatten diesen neuen Bund angekündigt.
Dabei ist eine Beziehung zwischen Gott und uns Menschen eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Eher können Kim Jong Un und Donald Trump Freunde werden. Denn auf der einen Seite dieser eigentlich nicht möglichen Beziehung steht Gott, den Jesus seinen Vater genannt hat. Wie ein Vater, der seine Kinder über alles liebt, oder wie eine Mutter, die alles für ihre Kinder tun würde, so ist Gott zu seinen Geschöpfen. Das war der Kern der Botschaft Jesu. Der Apostel Johannes wird es mit seinen eigenen Worten Jahre später so sagen: Gott ist die Liebe. Das hat sich schon gezeigt, als der Ewige in dem Menschenkind Jesus zu uns in diese Welt gekommen ist. Liebe will nicht allein bleiben. Sie sucht ein Gegenüber. Darum ist Gott in dem Menschen Jesus von Nazareth zu den Kranken, den Verachteten, den Schuldigen gegangen und hat sie seine Liebe spüren lassen. Darum hat der Wanderprediger aus Galiläa Gottes Liebe in berührender Weise gepredigt. Darum hat Jesus schließlich die Predigt von der Liebe Gottes bis in die letzte Konsequenz gelebt und sein Leben aus nicht festgehalten, sondern losgelassen. In letzter Konsequenz seiner Botschaft von der Liebe hat Jesus sich am Kreuz der Gewalt der Mächtigen geopfert.
Auf der anderen Seite dieser unmöglichen Beziehung stehen wir Menschen. Wir sind getrieben von der Sorge um uns selbst. Unser Wohlergehen steht für uns im Vordergrund. In der Regel sind wir darum eher bereit, andere oder anderes zum Opfer zu machen, wenn es unseren Interessen dient. Wir machen die Schöpfung Gottes zum Opfer unseres Wohlstands. Wir opfern Menschen, wenn es machtpolitischen Erfordernissen entspricht. Wir manipulieren die Meinung ganzer Völker, wenn es uns viel Geld einbringt. Wir sind das intelligenteste Raubtier, das unsere Erde je gesehen hat. Wir sind nicht alle und nicht immer so. Aber insgesamt wird man sagen müssen: Von dem Gott, der identisch ist mir der Liebe, sind wir so weit entfernt, wie man es sich nur denken kann. Wie sollen wir mit ihm in Beziehung treten, ein Verhältnis aufbauen; wie sollen wir mit dem Gott der Liebe zusammen kommen?
Durch Jesus. – Er war der Mittler des neuen Bundes, schreibt der Apostel. Am Kreuz kommen Himmel und Erde, Gott und wir Menschen, zusammen.
Das Kreuz: Ein senkrechter Balken, der alles trägt, und ein Querbalken, den Jesus tragen musste. Der senkrechte Balken, das ist die Verkündigung der Liebe Gottes. In dem Selbstopfer des menschgewordenen Gottessohnes hat sie ihren tiefsten und höchsten Ausdruck gefunden hat. Ihn da am Kreuz sterben zu sehen, kann uns nicht unberührt lassen. Dass muss uns eigentlich zutiefst erschüttern und bewegen. Denn wir erkennen am Kreuz: Mag unsere Schuld noch so groß sein; wir sind Gott nicht egal. Gottes Liebe zu uns geht so unendlich weit, dass er das Leiden Jesu auf sich nimmt und erträgt. Lieber hat er sich in seinem Sohn uns geopfert, als dass wir uns in unserem bösen Tun verlieren. Gott ist bereit, für diesen neuen Bund alles aufzugeben, sogar das Leben seines geliebten Sohnes. Das Kreuz Jesu ist das unübersehbare Zeichen dafür, dass Gott alles für uns tun würde und getan hat. So wichtig sind wir ihm.
Der Querbalken des Kreuzes steht für unsere menschliche Antwort darauf. Wir kommen mit Gott zusammen, weil wir auf das Kreuz sehen. Die Liebe Gottes, am Kreuz sichtbar geworden, öffnet uns die Tür zu Gott. Uns geht das Herz auf. Uns ist vergeben. Unsere Neigung, nur an uns selbst zu denken, vergeht. Aus der Liebe Gottes zu uns heraus lernen wir es zu vertrauen. Wir lernen es, die Angst um uns selbst zu überwinden. Wir brauchen nicht mehr andere zu opfern, nur um nicht selbst Schaden zu nehmen. – Die Liebe Gottes zu uns, am Kreuz sichtbar geworden, verwandelt uns. Wir können dem Gekreuzigten folgen. Er weist uns den Weg zu einem neuen Leben. Durch sein Kreuz kommen wir mit Gott zusammen. So wird er der Mittler des neuen Bundes.
Arnaud Beltrame ist dem Gekreuzigten gefolgt. Als katholischer Christ ist er einen Weg nach Golgatha gegangen. Sogar die Bildzeitung schrieb, was er getan habe, erinnere an Ostern – den Karfreitag meinend. Dieser Polizist hat den Menschen dienen wollen. Ihre Sicherheit war ihm wichtiger als ein eigenes Leben. Darum ging er hinein in diesen Supermarkt und rettete ein Leben, indem er sein eigenes opferte. So hat er in der Nachfolge Jesu die Hingabe gelebt, die der Gekreuzigte uns allen vorgelebt hat. Er hat gezeigt, dass es möglich ist, Christus nachzufolgen. Sie nennen ihn einen Helden. Aber er war einer, der sich vergessen konnte. Weil Christus ihn dazu befreit hat.
Amen.

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